Erdrutsch in Nachterstedt Abhang schon früher abgesackt


Teile der Böschung am Tagebausee von Nachterstedt sind offenbar bereits vor dem Erdrutsch abgesackt. Bei einer Begehung einer Delegation einer rheinischen Tagebaugemeinde vor zwei Jahren soll davon die Rede gewesen sein, dass sich der Abhang gesenkt habe. Das Unglück sei vorhersehbar gewesen, wirft ein Experte den Verantwortlichen vor.

Am Tagebausee von Nachterstedt hat es offensichtlich schon vor dem verheerenden Erdrutsch Absackungen gegeben. Der Bürgermeister der rheinischen Tagebaugemeinde Inden, Ulrich Schuster, sagte am Dienstag, bei einem Besuch am Concordia-See vor rund zwei Jahren habe er eine Veränderung der Böschung in einem unbebauten Landschaftsbereich wahrgenommen. "Damals wurde offen darüber geredet, dass die Böschung abgesackt ist", sagte er. Nach seiner Wahrnehmung damals war das Ereignis schon etwas älter. Die Besichtigung habe im Rahmen einer Reise mit einer Gruppe des Braunkohleausschusses stattgefunden.

Der Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Universität Kiel, Wolf Dombrowsky, warnt unterdessen davor, dass sich in den Bergbauregionen Deutschlands ähnliche Katastrophen wie in Sachsen-Anhalt ereignen könnten. "In Nachterstedt waschen sich alle Verantwortlichen jetzt rein und sprechen von einem unvorhersehbaren Unglücksfall, doch das entspricht nicht der Wahrheit", sagte der Professor der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Wissenschaftler ist Mitglied der Schutzkommission beim Bundesinnenminister, einem Beratungsgremium.

Dombrowsky fordert eine Risikokartierung für ganz Deutschland. "Ich verweise seit Jahren darauf, dass die bisherigen Risikobewertungen in Bergbauregionen ungenügend sind, da komplexe geologische Dynamiken etwa durch Wassereintritte, Temperaturschwankungen und unterschiedliche Lastveränderungen unberücksichtigt bleiben", sagte der Forscher. Es reiche nicht aus, stillgelegte Stollen aufzufüllen oder Hohlräume aufzuschütten, wie zahlreiche Beispiele im Ruhrgebiet, im Saarland oder in den Braunkohlegebieten in den neuen Ländern zeigten.

"Es ist ein echtes Ärgernis, dass wir in Deutschland keine öffentliche Debatte über die so genannten Ewigkeitskosten des Bergbaus führen. Aus Angst vor den horrenden Kosten schrecken Kommunen und Bergbaugesellschaften oft davor zurück, seriöse Risikobewertungen durchzuführen. Sie folgten der Devise: "Wenn drei, vier oder zehn Häuser Risse bekommen, absacken oder zusammenstürzen, kommt uns das immer noch billiger als präventive Maßnahmen zu ergreifen", kritisierte Dombrowsky.

Nach Ansicht des Bergbau-Experten Günter Meier müsse derjenige mit einem Restrisiko rechnen, der in einem Gebiet lebe, in dem früher einmal Bergbau betrieben worden ist. Sicherheit in dem Sinne könne man nicht geben. "Aber man muss natürlich durch Untersuchungen, durch Begutachtung und durch Sanierung die gefährdeten Bereiche beseitigen und entsprechend vorrichten, dass sie dauerhaft sicher sind", sagte der Experte von der TU Freiberg im ZDF-Morgenmagazin. Das Problem sei immer, diese unsicheren Bereiche zu erkennen. Die vom Erdrutsch betroffene Siedlung müsse unbedingt geräumt werden.

Neue Anlaufstelle für Bevölkerung

Für die Bevölkerung in Nachterstedt soll unterdessen mit einer neuen Anlaufstelle die Hilfe vorangebracht werden. Das Bergbau-Unternehmen LMBV will mit dem Büro schnelle und unbürokratische Hilfe für die rund 40 Menschen schaffen, die nach dem verheerenden Erdrutsch am Samstag ihre Häuser verlassen mussten. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV will den Betroffenen am Dienstag Bargeld auszahlen. Bei dem Unglück waren drei Menschen im Alter von 48, 50 und 51 Jahren ums Leben gekommen.

Ein letzter Versuch, mit Hilfe der Bundeswehr an die drei Verschütteten zu gelangen, scheiterte am Montag wegen der gefährlichen Lage am Unglücksort. Ein neuer Anlauf zur Bergung sei in Kürze nicht denkbar, sagte der Landrat des Salzlandkreises, Ulrich Gerstner (SPD). In der Nähe der evakuierten Häuser waren am Montag neue Risse im Erdreich entdeckt worden, so dass weitere Erdrutsche befürchtet werden. Am Montagabend wurden auch in Anbauten der evakuierten Häuser Risse festgestellt.

Am Samstagmorgen war urplötzlich eine etwa sechs Fußballfelder große Fläche in den Tagebausee gerutscht und hatte ein Doppelhaus mit drei Bewohnern und die Hälfte eines Mehrfamilienhauses mit in die Tiefe mitgerissen. Über die Unglücksursache herrscht Rätselraten. "So einen Fall hat es in der Bergbaugeschichte noch nicht gegeben. Es ist im Moment nicht möglich, eine Ursache für das Geschehen zu benennen", sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU).

AP/DPA AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker