Familientragödie Erfroren im Schnee

Vor zwei Tagen war eine 38-jährige Mutter mit ihren drei Töchtern im Alter von vier, acht und zehn Jahren nur wenige Meter vom Wohnhaus entfernt tot gefunden worden. Zwei Bibeln neben den Leichen heizen jetzt die Spekulationen an.

Zwei Tage nach dem tragischen Tod einer Mutter und ihrer drei Töchter im Leipziger Land sind die Menschen vor Ort noch immer entsetzt und fassungslos. Die Frau und ihre Kinder im Alter von vier, acht und zehn Jahren waren nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt und leicht bekleidet auf einem Feld erfroren. Die Leichen lagen übereinander - so als hätte die Mutter ihre Töchter noch schützen wollen. Auch wenn die Ermittler bislang einen Unfall nicht ausschließen, spricht auf den ersten Blick vieles in dem mysteriösen Fall für einen Selbstmord der Frau.

"Eine Antwort könnte nur die Tote geben"

In Groitzsch kann sich niemand das Drama erklären. Alle stehen vor einem Rätsel: Ermittler, Kollegen, Freunde, Bekannte und nicht zuletzt der hinterbliebene Ehemann. "Eine Antwort auf all das, was geschehen ist, könnte nur die Tote geben", sagt der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde, Frank-Udo Lohmann. In dessen Gemeinde war die 38-Jährige aktiv, leitete eine Frauengruppe und engagierte sich im Kindergarten.

Wie ein Schatten liegt der Tod der Mutter und ihrer drei Töchter über der kleinen Stadt. Neuschnee bedeckt die Einfahrt vor dem Haus der Familie. Drei Zeitungen liegen am Freitag ungelesen im Briefkasten. Der rote Kombi der Familie ist schneebedeckt. Das Haus liegt verwaist nur wenige hundert Meter vom Fundort der Leichen. Nichts weist auf die schreckliche Tat hin - es wirkt, als sei die Familie im Urlaub.

Der 40 Jahre alte Familienvater, der seine Frau und seine Kinder am Dienstagabend vermisst gemeldet hatte, ist derzeit bei Freunden in Groitzsch. Seit dem Geschehen kümmert sich sich Pfarrer Lohmann täglich eine Stunde um den Verwaltungsdirektor der Heliosklinik in Borna. Erst im Jahr 2000 war die Familie aus Baden-Württemberg nach Sachsen gekommen und hatte in Groitzsch ein Einfamilienhaus bezogen.

Behörden tappen im Dunkeln

Die Ermittlungsbehörden tappen bislang im Dunkeln. "Wir sind immer noch am Anfang. Die Zeugenvernehmungen haben uns noch nicht wesentlich weitergeholfen", sagt der Leipziger Staatsanwalt Guido Lunkeit.

Im Ort gibt es nur noch dieses Thema. Jeder weiß, wo das Haus der Familie ist. Und jeder hat eine eigene Theorie über die Geschehnisse. Die Gerüchteküche brodelt. "Man hört, dass die Frau an religiösen Wahnvorstellungen litt", sagt ein Rentner, während er Schnee vom Bürgersteig fegt. Dieses Bild von der Mutter will Pfarrer Lohmann gerade rücken. "Sie war sehr gläubig, auf eine Art und Weise wie ich mir das wünsche", sagt der 56-Jährige. Die Frau habe mit beiden Beinen im Leben gestanden und sei keinesfalls abgehoben. Sie habe ein ansteckendes Lachen gehabt, sei immer fröhlich gewesen. Ihren Kindern habe sie nie etwas aufgezwungen. Nach Darstellung des Pfarrers war die Frau auch nicht verwirrt.

"Großer Verlust für die Gemeinde"

Dass zwei Bibeln neben den Leichen lagen, nährt Spekulationen über einen religiösen Hintergrund. "Ich halte es nicht für außergewöhnlich, dass die Frau als Christin eine Bibel bei sich hatte", sagt Lohmann. Aber auch er kann nicht ganz ausschließen, dass die Tote in der Bibel etwas "verheerend missverstanden" hat. Für die Gemeinde mit ihren 1600 Gläubigen sei der Tod der Frau ein großer Verlust. Sie habe sich stets sehr engagiert. "Ich kann mir das Geschehen nicht erklären", sagt der Seelsorger, der immer wieder mit den Tränen kämpft. Beim Gottesdienst am Sonntag will er an die Frau und ihre Kinder erinnern.

Erik Nebel/DPA DPA

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