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Hungersnot in Afrika Die Misere eines ganzen Kontinents


Die Hungersnot im Osten Afrikas wirft ein besonders grelles Schlaglicht auf die wirtschaftliche Misere des Kontinents. Nur etwa 15 Prozent der landwirtschaftlich brauchbaren Fläche werden genutzt. Vom Rohstoffreichtum profitieren oft nur Minderheiten.

Es hat eine lange Tradition, so zu tun, als ob in Afrika wieder die Stunde Null schlage. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) kündigte kürzlich einen Kurswechsel an, weil die deutsche Politik in Afrika "in den letzten zehn, 15 Jahren die Entwicklung ländlicher Räume vernachlässigt" habe. Alle paar Jahre beschließen die Industrieländer neue Strategien für Afrika. Denn positive Entwicklungen in den vergangenen 50 Jahren afrikanischer Unabhängigkeit bilden noch immer die Ausnahme.

Verantwortlich dafür sind viele Faktoren: Bevölkerungsexplosion, Fehler der Entwicklungshilfe, politische Konflikte, Dürren sowie steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise. Nach Ansicht vieler Experten wie des deutschen Ex-Botschafters Volker Seitz oder der Ökonomin Dambisa Moyo (Sambia) ist das anhaltende Elend des Kontinents aber in erster Linie dem Versagen nationaler Eliten, ihrer Vetternwirtschaft und ihren korrupten Systemen zu verdanken.

Nahrungsmittelmangel als größtes Problem

Auf keinen Kontinent ist der Anteil bitterarmen Menschen so groß wie in Afrika. Mehr als 250 Millionen der rund 900 Millionen Menschen südlich der Sahelzone leiden laut der Welternährungsorganisation FAO an Hunger. Allein die Welthungerhilfe ist in 20 Ländern engagiert, mit etwa 96 Millionen Euro gehen 60 Prozent ihrer Hilfsgelder in diese Region.

Dabei verfügt Afrika über große Gebiete fruchtbaren Bodens, über genügend Arbeitskräfte und oft auch üppige Niederschläge. Aber nur etwa 15 Prozent der landwirtschaftlich brauchbaren Fläche werden überhaupt genutzt - obwohl die Mehrheit der Afrikaner von Ackerbau und Viehzucht lebt. Zudem fehlt es an allem: Angefangen von Düngemitteln und technischem Gerät bis hin zu Fachkräften, Transportmöglichkeiten oder Handelsstrukturen. 35 der 48 Staaten südlich der Sahara sind heute Lebensmittelimporteure - selbst das Schwellenland Südafrika gehört inzwischen dazu.

Zwangsliberalisierung ruiniert nationale Märkte

Die Industriestaaten tragen nach Einschätzung vieler eine gehörige Portion Mitschuld an den mangelnden Fortschritten der afrikanischen Landwirtschaft. Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) zwangen Afrika seit den 90er Jahren zu einer Liberalisierung der Märkte. "Mit dieser Logik wurden viele Entwicklungsländer in kürzester Zeit zugrunde gerichtet", kritisierte der Diplomat Jean Feyder (Luxemburg).

Während die USA und die EU ihre Bauern mit Subventionen und Zöllen stützen und schützen, mussten Afrikas Kleinlandwirte auf dem Markt konkurrieren. Reis-, Getreide- und Maisimporte beziehungsweise Lebensmittelgeschenke ruinierten nationale Märkte. Agrarüberschüsse mancher Staaten Afrikas stoßen in Europa und Amerika nach wie vor auf kaum überwindbare Handelshemmnisse.

Wachstum durch Rohstoffexporte

Trotz der Probleme in der alltägliche Versorgung dominieren in jüngster Zeit optimistische Prognosen für Afrika. Weltbank und Internationaler Währungsfonds preisen Wachstumsraten von fast sechs Prozent jährlich seit 2000. Vor allem auf Staaten wie Ghana, Botsuana, Ruanda oder Südafrika ruhen die Hoffnungen. Aber laut einer Studie des Brookings-Instituts gibt es auf die Bevölkerung bezogen nur in 20 Prozent Afrikas eine einigermaßen positive Entwicklung.

Hinter den hohen Wachstumsraten von Ländern wie Nigeria, Angola, Simbabwe oder Sambia stehen vor allem Exporte von Rohstoffen wie Öl, Uran, Titan oder Gold. Der sprudelnde Geldsegen kommt meist nur einer schmalen einheimischen Schicht sowie internationalen Konzerne zugute.

Starke Staaten verzweifelt gesucht

Ein besonders krasser Fall der Misswirtschaft in Afrika ist Simbabwe. Der einstige Brotkorb des Kontinents, ein Land mit früher hohen Agrarüberschüssen, ist seit der Enteignung der weißen Farmer verelendet. Fast zwei Millionen Menschen im Land des autokratischen Präsidenten Robert Mugabe werden von internationalen Hilfsorganisationen versorgt.

"Afrika braucht keine starken Männer, sondern starke Institutionen, starke Staaten... die gegen Korruption kämpfen und für Rechtsstaatlichkeit", hatte US-Präsident Barack Obama bei seinem einzigen offiziellen Besuch Afrikas 2009 in Ghana betont. Seither kam er zur Enttäuschung der Afrikaner nicht mehr auf den Kontinent seiner Väter. Europäische Diplomaten sehen darin auch ein deutliches Zeichen seiner Skepsis über die Zukunft Afrikas.

Laszlo Trankovits/DPA DPA

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