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"Sunshine Project" in Delhi Helfen trotz Corona: Sie zersägen ihre Tische und Bänke, damit sie wieder Kinder unterrichten dürfen

Helfer des "Sunshine Project" machen die Tische und Bänke des Hauses für die Rückkehr der Straßenkinder "coronasicher"
Helfer des "Sunshine Project" machen die Tische und Bänke des Hauses für die Rückkehr der Straßenkinder "coronasicher"
© "Sunshine Project" / stern
Der indische Schneider Kuku Arora und seine Frau kümmern sich seit Jahren um Straßenkinder in der Millionenstadt Delhi — auch mithilfe der Spenden von stern-Lesern. Doch die Coronakrise stellt ihr "Sunshine Project" vor große Probleme.

Angefangen hat alles im Jahr 2002. Dem indischen Schneider Kuku Arora aus der Millionenstadt Delhi fiel ein kleines Mädchen auf, dem die linke Hand fehlte. Die vielleicht zwei Jahre alte Roshni bettelte vor einem Kino in der Nachbarschaft. Kuku und seine Frau Priti begannen, ihr regelmäßig Essen zu bringen.

Doch eines Tages war Roshni verschwunden. Die Aroras fanden sie an einer viel befahrenen Hauptstraße wieder, man hatte sie dorthin geschickt, weil es da mehr zu erbetteln gab. Kuku und Priti schlossen einen Deal mit den obdachlosen Eltern: Sie bezahlten Roshni Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Essen. Dafür ließen die Eltern sie zur Schule gehen.

"Schon nach wenigen Tagen kamen 16 weitere Straßenkinder, die von Roshni gehört hatten", erzählte Kuku Arora stern-Reporter Jan Boris Wintzenburg, als dieser ihn vor zwei Jahren besuchte. "Und es wurden immer mehr." Schnell zehrten die vielen Kinder seine finanziellen Mittel auf, doch die Aroras machten weiter.

"Sunshine Project" versorgt Hunderte Kinder

Hilfe brachte die deutsche Flugbegleiterin Julia Hillebrecht, die zufällig in Aroras Schneiderei landete. Seitdem sammelt sie Spenden für das von ihm gegründete "Sunshine Project" und vermittelt Patenschaften. Mittlerweile versorgt die Initiative Hunderte Kinder mit Essen, ermöglicht ihnen den Schulbesuch, stattet sie mit Lernmaterialien aus und stellt ihnen Räume zur Verfügung, in denen sie unter Betreuung Hausaufgaben machen können. Viele der Kinder schaffen so ihr Abitur, manche sogar den Besuch einer Universität. Es gibt bereits "Sunshine"-Kinder, die als Lehrer, Ärzte oder Manager arbeiten - und die jetzt der nächsten Kinder-Generation helfen.

Die Stiftung stern unterstützt das "Sunshine Project" und konnte dank der Spenden von stern-Lesern in diesem Jahr bereits 18.000 Euro an die Helfer überweisen. Und das Geld wird dringend benötigt, denn die Corona-Pandemie hat die Arbeit der Aroras sehr erschwert. Die Menschen in Delhi müssen in ihren überfüllten Armenvierteln bleiben, sie werden von der Polizei mit Schlagstöcken zurückgeprügelt. Das Essen für die Kinder und ihre Familien ist kaum aufzutreiben, denn Großeinkäufe sind verboten und die Nahrungsmittelpreise stark gestiegen. Priti und Kuku Arora laufen täglich die Geschäfte ab, um genügend Lebensmittel aufzutreiben.

"Die momentane Situation sieht so aus, dass einige Schulen mit Homeschooling gestartet haben, 'selbstverständlich' ohne die Kinder digital auszustatten", berichtet Julia Hillebrecht der Stiftung stern. "Glücklicherweise hatten wir genügend Spendenaufkommen, sodass wir ca. die Hälfte aller Kinder mit einem kleinen Tablet ausstatten konnten, damit sie den Anschluss an die Bildung nicht verpassen." Trotzdem seien die Lernverhältnisse für diese Kinder sehr schwierig, erklärt Hillebrecht. "Sie sitzen irgendwo mitten im Gewusel im Slum und versuchen über ihr winziges Tablet alle Aufgaben zu erfüllen."

Kinder stehen Schlange an der Essensausgabe des "Sunshine Project" in Delhi
Kinder stehen Schlange an der Essensausgabe des "Sunshine Project" in Delhi
© "Sunshine Project" / stern

Das Betreten der Räumlichkeiten ist den Kindern aufgrund der behördlichen Corona-Schutzmaßnahmen noch nicht gestattet. Aber das "Sunshine Project" gibt drei Mal täglich vor seiner Haustür Essen aus — auch für die Eltern — sowie sauberes Trinkwasser, Hygieneartikel und Vitamine, um das Immunsystem zu stärken. "Wir sind sehr dankbar, dass bisher niemand erkrankt ist und hoffen und beten, dass das so bleibt, da die momentane Situation in den indischen Krankenhäusern mehr als katastrophal ist", schildert Hillebrecht die Situation vor Ort.

Coronakrise zwingt Helfer zu Umbauten

Derzeit ist das "Sunshine Project" mit Umbauarbeiten beschäftigt, damit es für den Tag gerüstet ist, an dem es den Kindern wieder gestattet ist, die Räumlichkeiten aufzusuchen. "Wir haben begonnen, uns darauf vorzubereiten, dass wir die Kinder wieder offiziell in unserem Projekt betreuen dürfen", schreibt Kuku Arora der Stiftung stern in einer E-Mail. "Wir müssen alle verstehen, dass dieses Problem nicht so bald verschwinden wird. Daher müssen wir lernen, damit zu leben."

Bislang waren die Kinder im Haus der Initiative immer an langen Tischen und Bänken zusammengekommen. Dies ist jedoch wegen der Abstandsregeln in der Coronakrise nicht mehr möglich. Deshalb haben die Aroras und ihre Helfer damit begonnen, die Möbelstücke zu zersägen und kleinere Tische und Sitzgelegenheiten mit transparenter Trennscheibe für maximal zwei Kinder daraus zu machen.

"Wir planen, jeden Tisch mit einem Taschentuchspender und Desinfektionsmittel zu versehen, damit die Kinder die Möbel vor und nach jedem Gebrauch desinfizieren können", beschreibt Arora die Umbauten. "Wir werden den Saal etwas luftiger gestalten, indem wir die Fenster an der Oberseite der Wände öffnen und Abluftventilatoren hinzufügen. Danach müssen wir auch die Küche und die Waschräume sicherer machen. Am Eingang wollen wir eine Art Apparat zur Körperdesinfektion aufstellen."

Die Umbauarbeiten sind für das "Sunshine Project" eine große Herausforderung. "Die ganze Veränderung wird uns etwa 8000 bis 8500 Euro kosten", berichtet Kuku Arora. "Wir hoffen, dass wir dies mit der Hilfe unserer großzügigen Freunde rechtzeitig arrangieren können und für den Kampf mit Covid-19 bereit sind."

Die Stiftung stern unterstützt das "Sunshine Project" in Delhi. Wenn Sie helfen möchten, spenden Sie bitte an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHHXXX – Stichwort "Sunshine Project"; www.stiftungstern.de

mad

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