HOME
stern-Reportage

Ex-Soldat Jason Hallett: Er verlor alles, doch dann kam Rachel: Die Liebe des Kriegers

Der Soldat Jason Hallett verlor seinen Arm, seine Beine, seine Mission. Eigentlich schien sein Leben vorbei. Doch zum Glück kam – Rachel.

Von Marc Goergen; Fotos: Kirsten Bitzer

Rachel spritzt ihrem Mann Testosteron – Jasons Körper kann das Hormon nicht mehr ausreichend selbst produzieren.

Hinweis: Dieses Stück wurde bereits im März im stern veröffentlicht. Bis zum Ende des Jahres spielen wir die erfolgreichsten Stücke in loser Reihenfolge noch einmal.

Es gibt zwei Tage im Leben des Jason , die alles veränderten, und der erste ist ein Samstag im Herbst. Es ist der 23. Oktober 2010. Jason ist auf Patrouille in der afghanischen Provinz Helmand. Vor vier Wochen kam der 19-Jährige ins Land, der Einsatz ist seine erste große Mission: Jasons Einheit soll ein Gebäude sichern, in dem Sprengfallen gebaut werden. Gegen vier Uhr in der Nacht sind sie aus dem Camp aufgebrochen. Jetzt schleicht sich Jason durch ein Weizenfeld. Vorsichtig nähert er sich dem Gebäude. Er ist der Minensucher der Einheit. Er geht voran. Das Haus scheint verlassen.

Die Marines gleiten lautlos um das Gebäude herum, immer wieder müssen sie über Drähte klettern, die zu Sprengfallen führen. Sie wollen ein Loch in die Rückwand sprengen – doch der Beton ist zu dick. Sie schleichen wieder zur Vorderseite. Noch immer ist nichts zu hören. Noch immer ist niemand zu sehen: kein Bauer, kein , niemand.

Einer der Soldaten will durch die offene Tür gehen. Im letzten Augenblick reißt ihn zurück – von der Decke hängen Drähte herab: Sprengfallen. Vorsichtig entschärfen sie die Bomben, gehen langsam hinein. Jason sichert nach hinten – und sieht plötzlich aus den Augenwinkeln einen Kopf im Weizenfeld. Er ruft noch: "Hey, alle raus!", dann wird der Sprengsatz gezündet.

stern-Fotoreportage: Die Liebe des Kriegers
Jason Hallett, 25, mit Marineinfanteristen im November 2015 an seiner alten Highschool in Windsor, Colorado. Hier hielt er eine Rede zum Tag der Veteranen.

Jason Hallett, 25, mit Marineinfanteristen im November 2015 an seiner alten Highschool in Windsor, Colorado. Hier hielt er eine Rede zum Tag der Veteranen.


"Ich kann mich an alles genau erinnern. Den weißen Blitz. Wie ich durch die Luft geflogen bin. Wie ich unter dem ganzen Schutt lag und verzweifelt versucht habe, mein Gewehr zu finden", sagt Jason.

Er sitzt auf dem Sofa in seinem Haus in Windsor, einer Kleinstadt nördlich von Denver. Die Strahlen der Wintersonne fallen durch die Fenster und verfangen sich im Wasserdampf eines Luftbefeuchters. Dort, wo einmal Jasons Beine waren, sind Stümpfe, der rechte Ärmel seines Pullovers hängt leer herunter, von der linken Hand sind ihm drei verkrümmte Finger geblieben – der 23. Oktober 2010 hat aus dem Marineinfanteristen Jason Hallett einen Vollinvaliden gemacht. Neben dem Sofa steht Jasons elektrischer Rollstuhl, an den Wänden sind Schalter für die automatischen extrabreiten Türen – Hilfsmittel, ohne die sich Jason im eigenen Haus nicht bewegen könnte.

Das ist der eine Tag, der das Leben des Jason Hallett für immer verändert hat. Die Folgen des zweiten Tages liegen in Wiegen vor dem Sofa: Marina und Jason Jr., seine Zwillinge.

Es war der 24. Mai 2013.

Koma, Infektionen und Halluzinationen

Zweieinhalb Jahre sind vergangen, seit die Bombe den Soldaten Jason verstümmelt hat, eine Zeit der Schrecken und Schmerzen. Viele Wochen hatte Jason anfangs im Koma gelegen. Lange bezweifelten die Ärzte, dass er überhaupt überleben würde. Infektionen. Operationen. Neue Infektionen. Die Explosion hatte aus seinem Körper ein Schlachtfeld gemacht, überall Splitter, immer wieder mussten die Ärzte Muskeln versetzen, die Stümpfe verkürzen, bisweilen stieg sein Fieber auf über 40 Grad. An manchen Tagen halluzinierte er, dass ein durch die Decke seines Krankenzimmers krachte, an anderen dämmerte er im Dunkel irgendwie dahin.

Im jenem Jahr 2013 nun wohnt Jason in San Diego, Kalifornien, in einer Siedlung für verwundete Veteranen. Er fühlt sich oft genervt, gereizt, wütend, dann schreit er Leute an, einfach so. Er will so nicht sein, er will wieder Jason sein, und so versucht er, die Dosis der Schmerzmittel zu senken, doch es fällt ihm schwer. Er steckt fest in einem kaputten Körper und in einer alten Beziehung, auch die kaputt, ohne Liebe und Sinn. Einmal lässt sie ihn im Streit allein in Disneyland zurück. Jason, der Krieger ohne Furcht, ist hilflos wie ein kleines Kind. Erst nach Stunden findet er jemanden, der ihn nach Hause bringt. Abends hängt er oft mit den anderen Veteranen herum, das Bier und die Gespräche über die Kameradschaft von damals übertünchen den Horror des Heute für einige wenige Stunden. Und in den vielen verbleibenden seiner endlosen Tage denkt er immer häufiger an – Rachel.

Rachel – die Liebe seiner Jugend.

15 und 14 waren sie damals. Er: der Draufgänger aus einer zerrütteten Familie, zu Hause mal in schäbigen Wohnungen, mal im Wohnmobil. Der manchmal tagelang in sein Zimmer gesperrt wurde. Der geschlagen wurde, vom Vater, von der Stiefmutter. Und sie: der Engel. Behütete Tochter einer streng christlichen Familie. Weglaufen wollte er mit ihr, auf einer Ölplattform in Texas anheuern. Mit einem Rucksack voller Proviant hatte er sich eines Nachts im Jeep ihres Vaters vor der Tür versteckt, doch der entdeckte ihn.

Eine Freundschaftsanfrage auf Facebook

Danach verboten Rachels Eltern ihr den Umgang. Sie nahmen sie aus der Schule und unterrichteten sie zu Hause. Jason wurde am Ende des Schuljahrs nach Wyoming geschickt. Dort sollte er auf dem Schrottplatz der Großeltern helfen. East End Boy und West End Girl, es durfte nicht sein. Aus Liebe wird Schmerz wird Nostalgie wird Vergessen – bis zu jenem Tag, der noch einmal das Leben des Jason Hallett entscheidet: der 24. Mai 2013.

Jason schickt Rachel eine Freundschaftsanfrage auf Facebook.

Und sie – antwortet ihm sofort.

Rachel ist nun ins Wohnzimmer gekommen und hat sich neben Jason auf das Sofa gesetzt. Sie ist 24 Jahre alt, eine kleine, eher zurückhaltende Frau. "Ich hatte schon immer wieder mal an ihn gedacht", erzählt sie leise, "aber ich wusste nichts von ihm. Er war weggezogen, und ich hatte neue Beziehungen. Auf Facebook war er all die Jahre nicht zu finden. Als er mich dann angeschrieben hat, hab ich die Bilder gesehen, die er von sich gepostet hatte. Aber deswegen nicht reagieren?" Sie schüttelt den Kopf. "Am Anfang war ich natürlich auch geschockt", sagt sie dann. "In meiner ersten Nachricht hab ich ihm deswegen erst einmal gedankt, für das Opfer, das er für sein Land gebracht hat. Das war noch ziemlich unpersönlich."

Zähne putzen, frisieren: Rachel und Jason machen sich für den Marine-Corps-Ball im kalifornischen Sonoma bereit.

Zähne putzen, frisieren: Rachel und Jason machen sich für den Marine-Corps-Ball im kalifornischen Sonoma bereit.


"Aber dann haben wir nur noch über uns gesprochen", sagt Jason.

"Und ich wollte dich so schnell wie möglich sehen. Ich musste einfach wissen: Kann ich dich nicht nur als Menschen lieben, sondern auch als Mann begehren – wenn dir die Hälfte des Körpers fehlt?"

Während Jason erzählt, schaut sie ihn aufmerksam an, hört zu, lächelt, lacht. Ab und an hält sie die verbliebenen Finger seiner linken Hand. Rachel hat Jason den Weg zurück ins Leben gewiesen. Toilette, duschen, anziehen, schwimmen, selbst kochen, für all das hat er mittlerweile seine Tricks. Wenn er ein Foto mit seinem Smartphone machen will, tippt er mit der Zunge auf den Auslöser.

Zwei Wochen nach ihrem ersten Kontakt fliegt Rachel von Colorado nach Kalifornien. Sie erzählt Jason davon nichts. Ein Freund von ihm holt sie heimlich am Flughafen ab. Auf dem Weg rutscht Rachel nervös auf dem Autositz hin und her. Kann Liebe überdauern, wenn zwei Leben so unterschiedliche Richtungen genommen haben? Können Gefühle aufwachen, wenn die Hand, die man einst hielt, nicht mehr da ist? Wenn vom Schoß, auf dem man saß, nur noch Stümpfe geblieben sind?

"Ich liebe dich"

Sie klingelt, sie steht vor seiner Tür, Jason öffnet – und ein paar lange Sekunden sagen sie nichts. Dann umarmt sie ihn. Und spürt: Das ist nicht fremd, da ist noch immer dieses schöne, lang vergessene Gefühl. Drei Tage später fahren sie an der Küstenstraße entlang zu einem abgelegenen Strand.

Als die Sonne untergeht, sagt sie: "Ich liebe dich."

"Es mag seltsam klingen", sagt Rachel, "aber für mich war er gleich wieder der alte Jason. Dieselbe Stimme, derselbe Geruch. Die Situation war anders. Aber irgendwie war es noch dieselbe Liebe."

Sie sagt, Jasons Behinderung sei in ihrer Beziehung weniger wichtig, als viele glaubten. Und während man da sitzt in diesem Wohnzimmer mit der Wintersonne und den Kindern in den Wiegen, während Jason wieder erzählt und lacht und man seiner angenehm ruhigen Stimme lauscht, seinen Ideen, seinem Humor, seiner Ehrlichkeit – da versteht man plötzlich, was Rachel meint. Der Mensch ist so viel mehr als sein Körper.

Wenige Monate nach ihrem ersten Treffen kehren Rachel und Jason gemeinsam zurück in ihre alte Heimat, nach Colorado.

Sie wollen leben. Gemeinsam. Für immer. In den lange zurückliegenden Monaten der Krankenhausaufenthalte hatte Jason begonnen, massenhaft Bücher über Anlagestrategien zu lesen und nächtelang die Wirtschaftskanäle im Fernsehen geschaut. Und tatsächlich findet er jetzt einen Job als Finanzberater. Rachel und Jason beschließen, mit einer großen Feier zu heiraten.

Es könnte gut werden. Könnte.

Doch noch immer lauern hinter der stabilen Fassade die Tiefen des Traumas, das er aus Afghanistan mitgebracht hat. Noch immer schreit Jason Leute an, einfach so. Noch immer fühlt er sich nur von den ehemaligen Kameraden vollkommen verstanden. In ihm ist Schmerz, Trauer, Wut. Es ist zu viel. Rachel und Jason sagen ihr Hochzeitsfest ab.

Bevor es weitergeht mit dem Leben, mit seinem, mit dem gemeinsamen, will Jason von den vielen Medikamenten loskommen. Noch immer schluckt er jeden Tag 20 bis 30 Tabletten. Chemie, die ihn noch immer nicht er selbst sein lässt. Er setzt sie fast alle ab, ohne jede Hilfe. "Das war ein kalter Entzug." Ständig schwitzt er, sein Körper kann, wie bei vielen Amputierten, die Temperatur nicht mehr richtig regulieren. Zur Behandlung seines Traumas begibt sich Jason in Therapie. Er wird ruhiger. Weniger Schmerzen. Weniger Wut. Als Jason und Rachel im Juli 2014 ein Veteranen-Event in den Rocky Mountains besuchen, beschließen sie spontan: Morgen heiraten wir! Nur im Kreis der engsten Familie. Auch Rachels Eltern haben die Liebe ihrer Tochter akzeptiert. Jason imponiert ihnen. Und Jason und Rachel wollen mehr. Sie wollen Kinder.

"Wir haben eigentlich schon früh darüber gesprochen", sagt Jason. "Unsere einzige Chance war künstliche Befruchtung. Wegen meiner Verletzungen muss ich Testosteron nehmen. Die Ärzte haben gesagt, das könnte meine Spermienproduktion stoppen. Also haben wir sofort Spermien einfrieren lassen."

"Das Problem war aber" , sagt Rachel, "wie sollten wir das alles bezahlen? Zehntausende Dollar?"

Jason probiert neue Prothesen an. Wegen Infektionen an den Stümpfen bereiten ihm die künstlichen Gliedmaßen häufig Probleme.

Jason probiert neue Prothesen an. Wegen Infektionen an den Stümpfen bereiten ihm die künstlichen Gliedmaßen häufig Probleme.

In den USA wird seit mehr als zwei Jahrzehnten darüber gestritten, wer die Kosten für künstliche Befruchtungen bei Veteranen-Paaren übernimmt. Doch Jason und Rachel haben Glück. Die Klinik, die Apotheke, die Ärzte, sie alle sind von dem ungewöhnlichen Paar so bewegt, dass sie ihnen viele Kosten erlassen. Von üblicherweise 25 000 Dollar müssen Jason und Rachel gerade einmal 8000 selbst bezahlen.

Im November 2015 werden bei Rachel Eizellen entnommen, im Februar werden ihr zwei Embryonen eingesetzt. Die Ärzte entscheiden sich für Nummer drei und Nummer fünf – 3/5, das war das Kürzel von Jasons Einheit in Afghanistan. Er sieht es als gutes Omen. Bei aller Verzweiflung und Wut – er war nie wütend auf die Armee. Er erklärt das so: "Ich wollte schon immer Soldat werden. Ich hatte sogar die Unterschrift meiner Eltern gefälscht, um mit 17 eintreten zu können. Und diese Entscheidung habe ich keinen Tag bereut."

Jason junior und Marina werden im Oktober 2016 geboren. Marina – "wegen des Marine Corps" , sagt Jason, "sie wird einmal genauso tapfer und zäh."

Streit um Geste: Während US-Nationalhymne: 97-jähriger Veteran kniet gegen Trump

Widmung des Verteidigungsministers James Mattis

Das Haus der Familie hat eine Organisation bezahlt, die sich um versehrte Veteranen kümmert. Jason und Rachel hätten es sich nicht leisten können. Sie studiert Englisch und wird vom Staat als Pflegekraft für Jason bezahlt. Er ist gerade dabei, sich als Finanzberater selbstständig zu machen. Alles hier erinnert an Jasons Zeit im Marine Corps. In der Garage prangt, mehrere Meter groß, das aufgemalte Wappen der Marines mit dem Motto "Semper Fidelis" – immer treu. In seinem Arbeitszimmer hängt ein Bild des jetzigen Verteidigungsministers James Mattis mit einer Widmung für ihn und Rachel, "mit Respekt". Die Paradeuniform mit den Orden liegt gebügelt und gestärkt im Kleiderschrank.

"Bei den Marines bleibt man immer Teil einer Gemeinschaft, egal, was mit einem geschehen ist" , sagt Jason. Und Rachel fügt hinzu: "Die Jungs verstehen, was mit dem anderen los ist. Die können das nachempfinden. Das hält sie zusammen."

Sie nimmt Marina von der Babywippe, legt sie vor Jason aufs Sofa. Er klemmt sich eine Babyflasche unter den rechten Armstumpf und füttert die Tochter. Jason Jr. schläft ruhig weiter. Schon in einem Jahr, wenn die Zwillinge laufen können, werden sie fast genauso groß sein wie ihr Vater. "Es gibt eine Sache, mit der ich ein Problem hab", sagt Jason dann noch leise, "das sind Menschen, die uns bemitleiden wollen. Wir sind keine bemitleidenswerten Leute. Wir sind einfach eine Familie."

Rachel und Jason mit den einen Monat alten Zwillingen Jason Jr. (l.) und Marina zu Hause in Windsor.

Rachel und Jason mit den einen Monat alten Zwillingen Jason Jr. (l.) und Marina zu Hause in Windsor.


Topfit und eisenhart: Vietnamesische Polizisten zeigen körperliche Widerstandskraft


Marc Goergen; Fotos: Kirsten Bitzer