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Katastrophenschutz: Deutsche Hundestaffeln üben Ernstfall

Sie suchen auf Schuttbergen, durchkämmen unwegsames Gelände und kriechen in enge Röhren: Rettungshunde sind nach Naturkatastrophen unerlässliche Helfer. Ihr Einsatz erfordert viel - auch Übung.

Fenster sind zerborsten, überall auf dem Boden liegen Scherben, Trümmer und Schutt. Jim nimmt in der zerwüsteten Fabrik Witterung auf und folgt seiner Nase bis in das oberste Stockwerk. Plötzlich schlägt der kleine Schwarzhaar-Mischling an und bellt. Der Vierbeiner hat das Schwierige geschafft und auch den letzten der drei Verschütteten hinter einem Treppenverschlag aufgespürt. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Steffi Blöcker und streicht dem Deutsch Drahthaar über den Kopf. Die Hamburgerin und ihr Hund gehören zu einem jener Rettungshundeteams, die am Wochenende in einer groß angelegten Übung mit der Bundeswehr den Ernstfall in Thüringen probten.

Das Szenario zeigt eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes: Ein Erdbeben hat das Weimarer Land erschüttert. Die 13 bundesweit angereisten Rettungshundestaffeln sind an sieben Schauplätzen Tag und Nacht im Einsatz. Neben der alten Porzellanfabrik in Blankenhain suchen sie auch in der Weimarer Parkhöhle an der Ilm sowie an einer Kiesgrube nach Vermissten. Um realitätsnah einen internationalen Hilfs-Einsatz nachzustellen, mussten sich die insgesamt rund 150 beteiligten Helfer des "Rescue Camps 2012" völlig autark in einer selbst errichteten Zeltstadt versorgen.

Intensive Vorbereitung für internationale Hilfseinsätze

"Bei Einsätzen im Ausland gelten UN-Standards. Sie sind nötig, um einen Rettungstourismus mit unkoordinierten Hilfeleistungen zu vermeiden", erläutert Ausbilder Dirk Kolberg, einer der Bewerter des Testeinsatzes in Thüringen. Der 45-Jährige aus dem niedersächsischen Duderstadt leistete mit seinem Border Collie Pete schon nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 Hilfe.

"Die meisten denken, sie holen jemand raus und dann ist ein Rettungswagen da. In einem Land aber, in dem es keine Infrastruktur mehr gibt, ist die Arbeitsweise eine deutlich andere", räumt Kolberg mit falschen Vorstellungen auf. Die für internationale Hilfseinsätze erforderlichen Qualifikationen seien sehr hoch, die Vorbereitungen für die Ehrenamtlichen intensiv und zeitaufwendig. In Deutschland könnten derzeit nur sehr wenige Teams nach internationalen Richtlinien arbeiten.

Spürhunde riechen Menschen in bis zu zehn Metern Tiefe

Bundesweit gibt es mehrere Hundert Rettungshundestaffeln verschiedener Hilfsorganisationen. Zu ihrem Alltag gehört vornehmlich die Suche nach ausgebüxten Kindern, abtrünnigen Heimbewohnern, Suizidgefährdeten oder Verletzten nach Hauseinstürzen und Unfällen. "Die Suche ist Schwerstarbeit für die Hunde", sagt Holger Gringmuth, Verantwortlicher für das Rettungshundewesen bei der Johanniter-Unfall-Hilfe. Ungefähr zwei Jahre dauert die Ausbildung der Vierbeiner, die bei der Suche nach Verschütteten nicht mehr weg zu denken sind. Sie können noch Menschen riechen, die mehr als zehn Meter unter den Trümmern liegen.

Auch für die Rettungshundestaffeln der Johanniter liegt der letzte Auslandseinsatz schon einige Jahre zurück. "Wir bilden derzeit ein festes Team aus, das nach internationalen Regeln arbeitet", sagt Gringmuth. Dazu gehört ebenso die Vorbereitung auf Leid und Tod, denn nicht immer können die Katastrophenhelfer mit ihren Hunden etwas ausrichten. Diese bittere Erfahrung musste auch Rettungshundeführer Kolberg in Haiti machen, als er mit Pete in den Trümmern nur Tote fand: "Aber auch das ist wichtig, um den Angehörigen Gewissheit zu geben."

Annett Gehler, DPA / DPA