Katastrophenschutz Wenn Deutschland im Dunkeln sitzt


Ist Deutschland für moderne Katastrophenfälle gerüstet? Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten hat da Zweifel. Sie legten das "Grünbuch Öffentliche Sicherheit" vor, in dem sie mögliche Szenarien schildern. Was würde etwa im Land passieren, wenn tagelang der Strom ausfällt?
Von Sebastian Christ

Wahrscheinlich ist es nicht. Aber ausschließen kann das Szenario auch niemand. Was passiert, wenn in Deutschland die Stromversorgung flächendeckend zusammenbricht? Es könnte dann so aussehen:

Nach einem Schaden an einem Großtrafo entwickelt sich eine Kettenreaktion, das Stromnetz bricht zusammen. Die ganze Republik muss mehrere Tage, manch eine Regionen vielleicht sogar einige Wochen ohne elektrische Energie auskommen. So lange, bis die Infrastruktur vollständig repariert ist. Am Anfang scheint es den meisten noch wie ein Spaß: In den Wohnungen werden Kerzen angezündet. Doch schon nach wenigen Stunden wächst die Unsicherheit in der Bevölkerung, weil auch die Kommunikationsmittel ausfallen. Kein Telefon mehr, kein Internet, auch kein Fernsehen. Die öffentlichen Institutionen können die Bürger nicht mehr über Notfallmaßnahmen informieren. Nach einigen Tagen geht selbst den Wasserwerken der Sprit für die Notfallaggregate aus, die Wasserversorgung bricht zusammen. Besonders in Hochhäusern wächst die Seuchengefahr, in Städten wie München, Hamburg, Köln oder Berlin müssten mehrere Millionen Menschen evakuiert werden. Doch wohin mit ihnen? Seit Ende des Kalten Krieges wurden tausende Schutzräume geschlossen.

Trecks aufs Land

Denkbar wäre, dass sich Hunderttausende Menschen in langen Trecks auf Land retten, um dort bei Verwandten und Bekannten unterzukommen. Auch deshalb, weil in den Städten die Versorgung mit Nahrungsmitteln schon nach wenigen Tagen zusammenbrechen würde. Viele Großstädter haben heutzutage schließlich keine Vorratskammern mehr, sondern Kühlschränke. Auch die Polizei hätte ein Problem. Ihr komplettes Kommunikationssystem würde versagen. Sollte die Bevölkerung bei der Lebensmittelversorgung keine ausreichende Hilfe durch die Behörden bekommen, würden sich die Menschen eigene Wege zur Selbstversorgung suchen. Und die Ordnungshüter müssten dabei oft ziemlich orientierungslos zusehen.

Wie dieses Szenario am Ende ausgehen würde, ist völlig unklar. Entworfen haben es vier Bundestagsabgeordnete: Gerold Reichenbach (SPD), Hartfrid Wolff (FDP), Rolf Göbel (CDU) und Silke Stokar von Neuforn (Grüne). Die Parlamentarier stellten am Dienstag ihr "Grünbuch Öffentliche Sicherheit" vor. Bei der Arbeit an diesem Werk wurden sie von Experten aus Wirtschaft und Forschung beraten. "Wir wollten keine Horrorszenarien entwerfen", sagt Göbel. "Die Welt hat sich eben verändert, und wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass alles auch funktioniert. Mir ist beim Verfassen des Buches klar geworden, wie anfällig wir für Katastrophen geworden sind."

Szenarien wie sonst nur im Kriegsfall

In der globalisierten Welt sind Institutionen viel stärker miteinander vernetzt als früher. Das bringt Vorteile: Die Produktivität hat sich erhöht, auch die Kommunikation ist besser geworden. So können Fehler vermieden werden. Auf der anderen Seite jedoch heißt das auch, dass die Infrastruktur wichtiger denn je geworden ist. Bricht sie zusammen, fallen Katastrophen weit größer aus als noch vor 30 oder 40 Jahren. "Wir sind absolut abhängig von überregionalen Versorgungs- und Telekommunikationsnetzen.", sagt der SPD-Abgeordnete Reichenbach. "Bisher sind wir davon ausgegangen, dass solche Katastrophensituationen nur bei einem umfassenden territorialen Angriff auf die Bundesrepublik Deutschland eintreten können. Das hat sich geändert. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir uns auf eine solche Situation einstellen können."

Einen mehrtätigen Stromausfall hatte es zuletzt vor drei Jahren im Münsterland gegeben. Eisregen führte dazu, dass Leitungen brachen oder ausfielen. Auch damals litten viele Menschen unter der Lage. Und dennoch war es möglich, aus den angrenzenden Regionen Hilfe herbei zu holen. Was wäre aber, wenn auch dort das Licht ausgehen würde? In ihren Fallbeispielen beschäftigen sich die Abgeordneten auch damit, was passieren würde, wenn es in Deutschland eine Massenepidemie gäbe. Die Folgen wären ähnlich katastrophal: Arbeitskräfte gingen verloren, die Versorgung wäre gefährdet - und fiele irgendwann in sich zusammen.

Problemfall Föderalismus

Die kleine Parlamentariergruppe möchte ein Bewusstsein für die Folgen einer solchen Situation schaffen. "Es sind kleine Schritte, die jeder tun kann", sagt Göbel. "Gehen sie mal durch den Haushalt und fragen sich dabei, was wäre, wenn es keinen Strom mehr gäbe?"

Was die politischen Konsequenzen daraus betrifft, sind sich Reichenbach, Wolff, Göbel und Stokar von Neuforn jedoch uneins. Die Grünen-Politikerin kritisiert, dass durch die Privatisierungen im Gesundheitswesen öffentliche Infrastruktur abgebaut worden sei. Beispielsweise habe es einen Schrumpfungsprozess in der Notfallmedizin gegeben. Wolff und Göbel dagegen sehen Chancen in der Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Sektor. "Das Interesse der Wirtschaft ist sehr groß, in diesem Bereich voran zu kommen. Wir müssen da die Motivationen bündeln", so Wolff.

Einig waren sich die Politiker, was die rechtliche Situation im Katastrophenschutz betrifft: Der Föderalismus in diesem Bereich müsse hinterfragt werden. Denn im Falle eines deutschlandweiten Notfalls würden sich die Länder wohl irgendwann um die notwendigen Ressourcen streiten. Und das wäre wohl der absolute GAU für alle betroffenen Bürger.


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