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Kölns OB Schramma: U-Bahn-Bau steht unter schlechtem Stern

Vor zehn Tagen verschwand das Kölner Stadtarchiv in der Erde. Nun wurde eine zweite Leiche aus den Trümmern geborgen. Im stern.de-Interview spricht der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma über eigene Zweifel, die Frage nach der Schuld und wie ihn der Besuch bei den Opfer-Familien an den Tod des eigenen Sohnes erinnert hat.

Herr Schramma, Sie waren gerade im Winterurlaub in Österreich, als Sie vom Einsturz des Stadtarchivs hörten. Was war ihr erster Gedanke?

Ich konnte es erst gar nicht glauben. Es ist etwas, was uns umgerissen hat, das für mich völlig unerwartet kam. Das eine oder andere Haus an der Stelle hatte Risse. Aber dass ein komplettes Haus einstürzt, in die Tiefe gerissen wird und noch andere mitnimmt, das waren ganz erschütternde Nachrichten. Vor allem hieß es zunächst, dass mehr Menschen betroffen seien. Das hat mich betroffen gemacht. Da wurde am Anfang von 90 Todesopfern gesprochen. Das hat sich dann - Gott sei Dank - reduziert. Am Ende waren es zwei, zwei zuviel.

Beim Bau gab es immer wieder Probleme. Haben Sie mal befürchtet, dass etwas Schlimmes passieren könnte?

Nein, das hätte ich mir nicht vorstellen können.

Wie haben Sie persönlich die Tage erlebt?

Ich bin in der Nacht aus dem Urlaub sofort nach Hause gefahren. Übermüdet bin ich an die Unglückstelle gegangen, morgens um halb acht. Sehr spontan habe ich mich gefragt: Ist das alles richtig, was wir da machen? Ganz grundsätzlich habe ich einige Dinge in Frage gestellt und gefordert, dass wir mal innehalten müssen. Mir kam anfangs auch der Gedanke eines Baustopps. Das kann man ja nicht einfach so weiterlaufen lassen. Fachleute haben mir gesagt, dass man das nicht könne. Einige Maßnahmen seien zur Sicherung absolut notwendig. Einige Baustellen sind in dem Zustand, in dem sie jetzt sind, unsicherer als wenn man jetzt weiterbauen würde. Ich war in diesen Tagen permanent unterwegs. Jeden Tag seit diesem 3. März war ich mindestens zweimal am Unglücksort und habe mit Angehörigen und Anwohnern und Rettungskräften gesprochen.

Haben Sie mal gedacht: Was haben wir da eigentlich gemacht mit diesem U-Bahn-Bau?

Die U-Bahn selbst ist ja ein erfolgreiches Verkehrsmittel. An dem sollte man nicht grundsätzlich zweifeln. Aber die Strecke hier hat ja schon durch den schiefen Kirchturm ein schlechtes Omen. Aber ich gehe davon aus, dass hier nach bestem technologischem Wissen gearbeitet wird.

Haben Sie die Angehörigen des Toten besucht?

Ja natürlich, sowohl die Angehörigen des Toten, als auch die Angehörigen des damals noch vermissten Jungen. Wenige Stunden bevor er gefunden wurde, bin ich noch mit den Angehörigen am Trümmerfeld gewesen - auf deren Wunsch.

Wie war das?

Das sind natürlich keine leichten Gespräche. Das kenne ich aus eigener Situation. Wir haben selbst vor sieben Jahren unseren Sohn auf den Straßen Kölns bei einem Unfall verloren, völlig unschuldig und unerwartet. Ich kann bestens nachempfinden, was in den Köpfen und Herzen der Eltern, Brüder, Schwestern und Freunde vorgeht.

Fühlen Sie so etwas wie Schuld?

Die Schuldfrage richtet sich nicht an mich. Ich habe als Oberbürgermeister diese Aufgabe nicht selbst in der Hand. Der Bau basiert auf einem Beschluss des Stadtrates. Die Umsetzung und Bauausführung liegt in den Händen der Kölner Verkehrs-Betriebe, einer rechtlich selbständigen Tochter der Kölner Stadtwerke. Da liegt die Verantwortung für den Bau. Wir haben noch nicht einmal die Bauaufsicht.

Aber Sie sind mit dem Projekt doch verbunden.

Als Mutter der Mutter der Kölner Verkehrs-Betriebe, in deren Auftrag die Bohrungen stattfinden, ist die Stadt natürlich betroffen. Es ist ein Projekt für meine Bürger. Natürlich bin ich damit verbunden.

Haben Sie irgendwann überlegt: Wir brechen die Sache jetzt ab?

Das habe ich mit dem momentanen Moratorium auch eingefordert. Ich hab gesagt: Leute, wir müssen innehalten, nachdenken, prüfen. Ich habe gefordert, dass die gesamte Strecke erneut untersucht wird. Wir müssen sofort die Ursache finden. Das passiert gerade. Solange hat niemand das Recht, eine direkte Schuldzuweisung zu machen. Ich würde mich hüten, das zu tun. Wenn die Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen, gibt es eine Schuld. Ich bin absolut dagegen, weitere Bohrungen im Erdreich zu machen. Wenn überhaupt, dürfen die Baustellen nur gesichert werden und die Arbeiten laufen, die die Sicherheit erhöhen. Aber es wäre Quatsch, jetzt alle U-Bahn-Schächte dichtzumachen und mit Beton zuzugießen. Da liegt eine Milliarde Euro in der Erde. Das ist nicht unser, sondern ist zu 80-90 Prozent fremdes Geld.

Beim Bau ist der Turm einer Kirche fast umgefallen, jetzt ist das Stadtarchiv mit zwei Menschen in die Tiefe gerissen worden. Wenn Sie ein paar Jahre zurückdenken: Würden Sie die U-Bahn wieder bauen lassen?

Um das mal klar zu stellen: Ich habe mich damals nicht für den U-Bahn-Bau eingesetzt, war beim Grundlagenbeschluss weder im Rat noch Oberbürgermeister.

Würden Sie es wieder mittragen?

Man müsste da mit noch stringenteren Analysen und Untersuchungen rangehen. Ich würde auf jeden Fall die Frage stellen: Müssen wir eine U-Bahn haben? Können wir keine Alternativen finden? Die sind vielleicht auf der einen Seite ungünstiger, aber vermeiden diese ganzen Querelen und Risiken. Ich würde eine viel intensivere Diskussion führen. Man würde nicht mehr so schnell "ja" sagen – und ich auch nicht.

Interview: Axel Hildebrand