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Kölner OB Schramma: "Hier wird jemand totgeschossen"

Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat Oberbürgermeister Fritz Schramma nun beschlossen, die Kandidatur für seine Wiederwahl zurückzuziehen. Stattdessen will er nun bedingungslos aufklären - und die Verantwortlichen für die Tragödie zur Rechenschaft ziehen.

Von Christian Parth, Köln

Das Signal, das Fritz Schramma dem Kölner Volk geben will, ist deutlich. Für seine Erklärung, die er gleich im historischen Rathaus der Stadt abgeben will, hat er Gattin Ulla mitgebracht. Etwas verschüchtert sitzt die zarte Person im pinken Jäckchen neben ihrem Mann und Oberbürgermeister und blickt traurig ins Leere.

Schramma ist also nicht nur als Politiker gekommen, sondern vor allem als Mensch, der seiner Enttäuschung Luft machen will. Und tatsächlich verkündet das Stadtoberhaupt nach langem Prolog, dass er sich entschieden habe, aufgrund der politischen Querelen nach dem Einsturz des Stadtarchivs, bei den Kommunalwahlen im Spätsommer nicht mehr als Kandidat der CDU zur Verfügung zu stehen. "Denn nur so sehe ich die Möglichkeit, das Unglück am Waidmarkt aus dem Wahlkampf heraus zu nehmen."

Schrammas Vortrag ist keineswegs brillant, ein gewiefter Redner war er schließlich nie. Es ist vielmehr Ausdruck grenzenloser Enttäuschung über die politische Kultur in dieser Stadt. Das inzwischen unwürdige Ausmaß an Verdrängung von Verantwortlichkeiten hat ihm offensichtlich auf den Magen geschlagen. Er habe im Kölner Rat immer wieder versucht, auch über die Parteigrenzen hinweg die Reihen zu schließen. Er wollte die Debatte um den Einsturz des Stadtarchivs, das am dritten März zwei Todesopfer gefordert hatte, aus dem politischen Gezänk heraushalten. Er wollte, dass "wir alle an einem Strang ziehen. Seine Appelle aber "stießen auf taube Ohren". Damit sei jetzt Schluss.

Bereits am Samstag kursierten Gerüchte, dass der oberste Bürger der Stadt sogar sein Amt mit sofortiger Wirkung ruhen lassen wolle. Zu groß war der Druck, der in den vergangenen Wochen auf den 61-Jährigen aufgebaut wurde. Der politische Gegner warf ihm ein miserables Krisenmanagement vor. Doch auch die eigene Partei hat ihn zusehends im Stich gelassen. Die Landes-CDU hat sich über den Weg anonymer Stellungnahmen von ihm distanziert. Um den überzeugten Kölner Schramma herum wurde es Tag für Tag einsamer. Und wahrscheinlich, sagen seine Vertrauten, waren die Vorwürfe und angezettelten Intrigen zu viel für den Oberbürgermeister, dem es nach eigenem Bekunden immer zuerst um die Bürger geht.

Ein Rückzug als gelungener Schachzug

So ließen die Reaktionen auch nach sei-ner heutigen Erklärung nicht lange auf sich warten. Die nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft hat den Verzicht Schrammas auf eine erneute Kandidatur als "überfälligen Schritt" bezeichnet. "Er hat sich endlich seiner politischen Verantwortung gestellt", sagte Kraft dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Der Weg sei nun frei für den früheren Kölner Polizei- und Regierungspräsidenten Jürgen Roters von der SPD.

Doch so leicht will es der Oberbürgermeister seinen Gegnern nicht machen. Denn politisch betrachtet ist sein Rückzug ein gelungener Schachzug, um es jenen heimzuzahlen, die ihm den schwarzen Peter in Sachen Stadtarchiv zugeschoben und sich seit Wochen erfolgreich weggeduckt haben. Er kann jetzt ohne Rücksicht auf wahlkampftaktische Erwägungen reinen Tisch machen. "Die Entscheidung, nicht mehr anzutreten, gibt mir den nötigen Raum, mich voll auf diese Dinge und Entscheidungen zu konzentrieren", sagte Schramma.

Nebenkriegsschauplatz "Schramma-Gate"

Köpfe sollen rollen, so viel ist klar. Da wäre zum Beispiel Baudezernent Bernd Streitberger, zugleich Aufsichtsrat bei den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB), der Schramma nach dem Unglück eine Woche lang die Existenz brisanter Protokolle zum U-Bahn-Bau vorenthalten hatte. Der Oberbürgermeister war so erzürnt darüber, dass er bei einer vertraulichen Sitzung mit den Dezernenten unerlaubterweise, aber für jeden sichtbar ein Tonbandgerät mitlaufen ließ. Das aber wurde ihm schließlich zum Verhängnis, denn die Dezernenten konstruierten daraus ein "Schramma-Gate" und eröffneten damit einen eher lächerlichen Nebenkriegsschauplatz, auf dem nun auch die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Da wäre zum Beispiel auch KVB-Technikvorstand Walter Reinarz, ein al-ter Parteifreund Schrammas. Angeblich soll Reinarz bereits im September von Problemen beim U-Bahn-Bau an der späteren Unglücksstelle gewusst haben. Doch seit die Ermittlungen laufen, hält sich Reinarz wie auch der Rest der KVB sehr bedeckt. Auch von ihm dürfte sich Schramma im Stich gelassen fühlen.

Und da ist natürlich OB-Kandidat Jürgen Roters, der in seiner damaligen Funktion als Regierungspräsident die Planfeststellung für den U-Bahn-Bau genehmigt hatte. Heute will der Genosse davon nicht mehr viel wissen, sondern wittert vielmehr seine Chance, Schramma im Oktober als Oberbürgermeister zu beerben. Eine Menge Leute müssten sich jetzt warm anziehen, sagen Schramma-Vertraute zu stern.de. "Hier ist mächtig Druck im Kessel. Zu viele Nebelkerzen wurden geworfen." Man sei davon überzeugt, dass auch bei der Kölner SPD jetzt nicht die Sektkorken knallen. Und im Bezug auf Schramma sagen sie etwas martialisch: "Hier wird jemand totgeschossen."

Schramma selbst verlässt nach seiner Erklärung gemeinsam mit Gattin Ulla rasch den Raum, sagen will er nichts mehr und auch keine Fragen beantworten. Schramma, der Köln als seinen Traumjob bezeichnet, wappnet sich nun zum Feldzug für die Gerechtigkeit. Der politisch Totgeglaubte bäumt sich noch einmal auf, will als Macher in die Geschichte der Stadt eingehen und nicht als jemand, den man wie einen dummen Hund an der Nase herumgeführt hat.

Sein Engagement könnte ihm jedoch auch zum Verhängnis werden. Denn die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der OB und Chef der Stadtverwaltung der letzte gewesen ist, der über Neuigkeiten informiert wurde. Und es muss die Frage erlaubt sein, wie er das als zukünftiger Ex-Oberbürgermeister so schnell ändern will.