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"Anti-Islamisierungskongress": Fiasko der Populisten

Das war wohl nichts: Der groß angekündigte "Anti-Islamisierungskongress" endete für die Rechtspopulisten in einem Fiasko. Nur wenige Minuten nach ihrem Start beendete die Polizei das Treffen - "die Sicherheit der Kölner" gehe vor.

Von Tim Farin, Köln

Rechtspopulist Mario Borghezio redet sich in Rage: Der Totalitarismus habe heute die Freiheit bezwungen, sagt er. Der Europaparlamentarier hält ein Buch der verstorbenen Islam-Kritikerin Oriana Fallaci in die Höhe, ringt nach Atem und sagt: "Wir müssen zeigen, dass wir keine Angst haben." Er meint seine Bundesgenossen der italienischen Lega Nord und die "mutigen Bürger" von Pro Köln, jener Bewegung, die an diesem Wochenende in Köln mit einem skandalträchtigen "Anti-Islamisierungskongress" einen gewaltigen Flop gelandet hat. Statt der populistischen Sprüche von rechts triumphierte ein breites Bündnis mobilisierter Bürger - auch dank der Unterstützung entschlossen linker Kongress-Blockierer.

Borghezio musste seine Rede auf dem Kölner Kongress bereits nach wenigen Worten abbrechen: Ein Polizeivertreter trat am Samstagmittag auf den Heumarkt in der Kölner Altstadt und überbrachte den Organisatoren die Nachricht, dass der Kongress aus Sicherheitsgründen verboten wurde. Die Rechten mussten zusammenräumen und ihr großflächiges Transparents mit der Aufschrift "Stop Islam" einrollen. Borghezio trat noch einmal vor die verstreuten Sympathisanten und klackernden Kamera-Objektive: "Europa, Cristiana, Mai Musulmana!", rief er. Zu deutsch: "Europa, christlich und niemals muslimisch."

Es dauerte eine Weile, bis der Abtransport der Veranstalter und ihrer Gäste geregelt war, dann schritt Borghezio eskortiert von Polizisten zu einem Wagen, der ihn geschützt vor dem gewaltbereiten Protest der linken Widersacher fortchauffierte. Zurück blieben ein paar jugendliche Nazi-Skins, die mit leerem Ausdruck auf den Bänken verharrten, während hinter den Polizeiabsperrungen der Jubel von tausenden Gegendemonstranten verhallte.

Damit wurde der "Anti-Islamisierungskongress" der Rechtspopulisten vom Schreckgespenst für die Zivilgesellschaft endgültig zur beinahe humoristischen Farce degradiert. Schuld daran dürften nicht zuletzt die Organisatoren selbst gewesen sein, die den Mund zu voll genommen hatten. Geworben hatten sie im Vorfeld mit Rednern wie Jean-Marie Le Pen aus Frankreich - die nie in Köln gastierten. Die Organisatoren schafften es auch nicht, Veranstaltungen ordentlich anzumelden, sodass kurzerhand improvisiert werden musste - in Anbetracht der Sicherheitslage für die Behörden kaum tolerierbar. Und sie ließen es bei der Kommunikation nach Angaben der Polizei hapern: So teilten die Veranstalter nicht rechtzeitig mit, wie die umstrittenen Gäste des Kongresses aus Belgien und Österreich vom Flughafen in die Kölner City kommen sollten - für die Polizei der letzte Grund, um das Treffen zu beenden und den Platz zu räumen.

Schon vorher hatte sich die Lage an den blockierten Zugängen zum Heumarkt drastisch angespannt, die Polizei setzte Schlagstöcke und Pfefferspray gegen die Blockierer ein. Ein noch weitgehenderer Schutz als mit den bereits vorhandenen 3000 Einsatzkräften hätte gegen die Verhältnismäßigkeit verstoßen, sagte ein Polizeisprecher.

So bleiben von diesem in Köln mit einiger Furcht erwarteten Wochenende vor allem die Bilder des walförmigen Ausflugsschiffs 'Moby Dick', auf dem die rechtslastigen Kongressteilnehmer am Freitag stundenlang über den Rhein schipperten, nachdem sie in der Stadt keinen Raum für ihre großspurig angekündigte Pressekonferenz gefunden hatten. Die Steine, die linksradikale Gewalttäter vom Ufer auf das Schiff geworfen hatten, hatten den Kapitän zum Ablegen gezwungen - noch bevor die allermeisten Journalisten an Bord waren. Die Irrfahrt auf der ‚Moby Dick‘ - ein klares Zeichen, dass Pro Köln dem Tumult nicht gewachsen war, den die Bewegung selbst ausgelöst hatte.

Am Samstag dominierte die Gegenbewegung dann das Stadtbild, während sich auf dem Heumarkt mehr Pressevertreter als Kundgebungsteilnehmer einfanden. Schon um acht Uhr morgens herrschten in der Straßenbahn zum Hauptbahnhof Zustände wie sonst nur zur Rush-Hour, vor dem Domportal spielte ein lockig-langhaariger Mann auf seiner Gitarre und sang dazu "wir blockieren die Brut vom Heumarkt", und auf dem Roncalliplatz direkt vor dem Dom versammelten sich tausende Menschen unter dem Motto "Wir stellen uns quer". Es war ein Sammelsurium an bewegten Kräften: Die Linke, Grüne, Jusos, die Gewerkschaft der Polizei, der Lesben- und Schwulenverband. Anlässlich der Bedrohung rückte das tolerante Köln recht eng zusammen. Auch Oberbürgermeister Fritz Schramma zeigte sich Seit an Seit mit Christen, Gewerkschaftlern, Moslem-Vertretern und anderen Aktivisten. Er beschwor die sprichwörtliche Toleranz der Millionenstadt, die allerdings dort ende, wo Rechtsextreme rassistisch argumentierten. "Was die Kongress nennen, ist doch in Wirklichkeit ein schäbiges Wahlkampfmanöver auf dem Rücken unserer ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger", intonierte Schramma und wetterte gegen die "Eurofaschisten".

Als Anreiz zum Besuch der Gegenveranstaltung zum Anti-Islam-Kongress hatte die Elite der Kölner Musikszene ein Gratis-Konzert aufgezogen, um die Menschen bei Laune zu halten und eine Masse gegen rechts zu mobilisieren. Promi-Bands wie Klee, die Höhner, Brings und Bap traten auf. Bekir Alboga, Dialogbeauftragter der Türkisch-Islamischen Union in Deutschland (Ditib), der Bauherrin des umstrittenen Zentralmoschee-Projekts in Köln-Ehrenfeld, schaute mit Wonne zu: "Es ist eine Ehre für Deutschland, dass so viele Menschen sagen: 'Wir lassen das nicht zu!'"

Allerdings mischte sich in den Jubel über das Scheitern des Kongresses auch Kritik und Nachdenklichkeit. Nicht nur FPÖ-Delegierte, sondern auch interessierte Bürger waren am Besuch des Heumarkts gehindert worden - teils brutal: ein junger Mann gelangte nur mit zerrissener Lederjacke zum Ziel. Raum für Zwischentöne blieb in diesem allgemeinen Protest fast nicht. Nur in einer Randbemerkung wies Oberbürgermeister Schramma darauf hin, dass die Sorgen vieler Menschen in der Stadt wegen der Integrations-Probleme und religiöser Konflikte berechtigt seien. Die rechten Populisten mag der Protest aus Köln vertrieben haben, doch demoskopisch messbare Ängste und Zweifel lassen sich mit Sitzblockaden nicht überwinden.