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Fünf Tote nach Brand: Tränen der Verzweiflung an Heiligabend

Fünf Menschen, darunter zwei kleine Kinder, sind bei einem katastrophalen Brandunglück in Köln ums Leben gekommen. Ein Angehöriger der Opfer fällt weinend in die Arme des Oberbürgermeisters Fritz Schramma.

Tränen der Verzweiflung an Heiligabend: Fünf Menschen, unter ihnen zwei Kinder, sind bei einem katastrophalen Brandunglück in Köln ums Leben gekommen. Ein Angehöriger der afrikanischen Opfer fällt weinend in die Arme von Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU). "Wir können nur unsere Hilfe anbieten und unser inniges Mitgefühl ausdrücken", sagt Schramma. Jeder, der heute in Köln zur Kirche gehe, werde für die Opfer und die Hinterbliebenen beten, fügt er hinzu.

Weil vier der fünf Toten Ausländer waren, weil der Kölner Stadtteil Mülheim Wohnort für Menschen aus vielen Ländern der Welt ist, und weil der Unglücksort nicht weit vom Tatort des Nagelbomben-Attentats vor anderthalb Jahren liegt, fragten sich viele sofort, ob es wohl ein Anschlag war. Die Staatsanwaltschaft schloss das aber aus. Das Feuer entstand nach ersten Ermittlungen eindeutig im Haus - in einer Wohnung in der zweiten Etage, während die Bewohner dort waren. Ob durch einen technischen Defekt oder durch Fahrlässigkeit, zum Beispiel eine Kerze, muss allerdings noch geklärt werden.

Mit dem Kind im Arm rief die verzweifelte Mutter auf dem Balkon um Hilfe

Wie überall bestimmt auch in Köln-Mülheim die Weihnachts-Dekoration das Bild - Winterlandschaften in Schaufenstern und leuchtende Sterne in den Wohnungen. Umso mehr fällt der Wohnblock am Clevischen Ring ins Auge, der von der zweiten Etage an bis zur Dachkante über dem achten Geschoss schwarz von Ruß verfärbt ist. "Da oben hat sie gestanden und verzweifelt gerufen", sagt eine Nachbarin: Die Mutter der afrikanischen Familie hatte ihr jüngstes Kind auf dem Arm, als sie auf dem Balkon stand und um Hilfe rief.

Zu diesem Zeitpunkt war noch niemand umgekommen, trotz der Flammen, die außen an der Hauswand emporschlugen. Ausgebrochen war das Feuer in der Wohnung eines deutschen Ehepaars in der zweiten Etage. Die Hitze an der Außenwand hatte die Scheiben der darüber liegenden Wohnungen in der dritten und vierten Etage bersten lassen. Die dritte Etage stand leer, aber die afrikanische Familie in der vierten Etage sah plötzlich das Inferno in ihre Wohnung dringen.

Hilfe kam zu spät

Hausbewohner alarmierten die Feuerwehr. 110 Retter waren in kürzester Zeit im Einsatz. Sie bargen die Verletzten. Und doch kam für fünf Menschen schon jede Hilfe zu spät. Wie fast immer bei Hausbränden waren ihnen nicht die Flammen zum Verhängnis geworden, sondern der giftige Rauch. Der 75 Jahre alte Mann, in dessen Wohnung das Feuer entstand, ein 39 Jahre alter Familienvater aus Afrika, seine fünf und sieben Jahre alten Jungen und ein Verwandter starben in Krankenhäusern. Die Frau des 39-Jährigen, die um Hilfe gerufen hatte, ihr Baby und die Großmutter überlebten und wurden ebenso wegen Rauchvergiftungen weiter in Kliniken behandelt wie die 74 Jahre alte Ehefrau des toten Deutschen.

Diskussion über Brandmelder-Pflicht

Alle Nachbarn und Angehörige, aber auch die Feuerwehr fragten sich deshalb, ob alle Menschen zu retten gewesen wären, wenn sie nur früh genug gewusst hätten, was da passierte. Als das Fenster bei der afrikanischen Familie barst, und sie ins Treppenhaus flüchten wollten, liefen sie dort bereits in eine Qualmwand und mussten umkehren. Wenn Rauchmelder in Treppenhäusern Pflicht wären, hätte sie dann schon viel früher eine Sirene aus dem Schlaf gerissen?

NRW-Innenminister Ingo Wolf jedenfalls will im Kabinett darauf dringen, über eine Brandmelder-Pflicht nachzudenken. In Deutschland gebe es so viele Bauvorschriften, da müsse man doch erst recht handeln, wenn es um Leib und Leben gehe, argumentierte Wolf am Unglücksort. "Niemand hat eine Vorstellung davon, mit welcher Geschwindigkeit sich Feuer und Rauchgase ausbreiten", sagte Wolf. "Ich wusste ja gar nicht, dass es so etwas gibt", meinte ein türkischer Nachbar, der mit anderen Passanten vor der schwarzen Hausruine stand, "so einen Rauchmelder kaufe ich mir sofort, heute noch."

Stadt spendet Bargeld für die obdachlos gewordenen Mieter

"Das ist ein grauenhaftes Unglück an Heiligabend. Was die Menschen jetzt brauchen, ist Beistand", sagte Wolf. Den brachte auch Schramma. Die Stadt stellte Bargeld zur Verfügung, damit die Betroffenen sich für die Feiertage das Nötigste kaufen konnten. Die örtliche Kirchengemeinde kümmerte sich ebenso um die Bewohner, die ihr Haus verlassen mussten, wie städtische Hilfsorganisationen. Die materielle Soforthilfe war gesichert. Das seelische Leid aber machte viele hilflos. Laut weinend standen Angehörige im Nieselregen auf dem Bürgersteig, während Passanten mit ihren letzten Weihnachtseinkäufen vorbeieilten und entsetzt auf die schwarze Fassade schauten.

Jürgen Hein/DPA / DPA