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Fokus auf Männer "Anti-Machismo-Nummer": Neue Hotline in Kolumbien bekämpft Gewalt gegen Frauen

Demonstrantinnen nehmen an einem Protestmarsch teil
Tausende demonstrieren in Bogotá am Internationalen Frauentag für mehr Gleichberechtigung und gegen sexuelle Gewalt
© Fernando Vergara / DPA
Kolumbien hat ein wachsendes Problem mit Gewalt gegen Frauen. Oft steckt dahinter das weit verbreitete Verständnis, dass Männer dominant sein müssen. Eine neue Telefonnummer will das ändern.

"Ich habe meine Frau geschlagen. Ich habe die Beherrschung verloren. Ich bin eifersüchtig und weiß nicht was ich tun soll." Die Anrufer bei der neuen Hotline in Kolumbien, die Gewalt gegen Frauen bekämpfen will, sind jung und alt, arm und reich. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind männlich.

Anstatt sich auf Frauen zu konzentrieren, rückt die neue Hotline Männer in den Fokus. Im Gespräch sollen sie sich Frust und Wut von der Seele reden, um ihr Temperament besser in den Griff zu bekommen. Das Ziel hinter der sogenannten "Beruhigungs-Hotline" (span. "Línea Calma) besteht nicht nur darin, Gewalt zu verhindern, sondern auch eine ihrer Grundursachen zu bekämpfen: den Machismo, der vom Duden als "übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit und Vitalität" definiert wird. In Lateinamerika ist der Glaube, dass Männer dominant sein müssen, oft noch fest in der Gesellschaft verankert.

Indem man Männer anhand ihrer eigenen Probleme dazu bringt zu verstehen, wie der Machismo ihr Leben und das ihrer Mitmenschen verletzt, versuche das Programm, einen tiefgreifenden kulturellen Wandel anzustoßen, sagte Nicolás Montero, der Leiter der Kulturbehörde in Bogotá der "New York Times". Sein Büro hatte die Hotline nach einem Pilotprojekt Anfang September eingeführt.

Rund ein Dutzend Anrufer pro Tag

Die "Beruhigungs-Hotline" wurde der Regierung um Claudia López ins Leben gerufen, die letztes Jahr als erste Frau und als erste offen lesbische lebende Frau Bürgermeisterin von Bogotá wurde. López hat dem Machismo den Kampf angesagt, die Hotline ist nur ein erster Schritt. Doch Kritiker zweifeln, ob die Zielgruppe das Angebot annehmen wird. Viele kolumbianische Männer sagen, dass sie wissen, dass es den Machismo gibt, doch die wenigsten sehen das Problem bei sich selbst. Taxifahrer Pedro Torres, 58, sagte der "NY Times", dass die Nummer eine "gute Idee" sei, er jedoch bezweifle, dass Männer anrufen würden – "aus Verlegenheit".

Immerhin rund ein Dutzend Männer melden sich pro Tag über die Hotline. Am Ende der Leitung sitzen circa zehn Psychologinnen und Psychologen in einem kleinen Büro. Sie alle vermitteln die Idee, dass Machismo nicht nur Frauen, sondern auch den Männern selbst schadet, indem er sie in die Schublade "Männer müssen stark sein, dürfen nicht versagen und nicht weinen" zwängt. Dies wiederum mache sie anfällig für Isolation und Gewalt.

"Ich möchte, dass Sie wissen, dass diese Hotline kein Urteil über jegliche Art von sexueller Orientierung macht", beruhigt der 26-jähirge Daniel Galeano einen Anrufer, dem es schwer fällt über die Trennung von einem Mann zu sprechen. Ein weiterer Psychologe, Juan Francisco Valencia, 28, spricht mit einem anderen Anrufer über die Zurückweisung einer Frau: "Das erste, was ich Ihnen sagen muss, ist, dass Sie das nicht kontrollieren können. Am Ende war das ihre Entscheidung."

Kampf gegen Machismo

Der Kampf gegen den Machismo hat in Lateinamerika längst begonnen. Seit ein paar Jahren tragen immer mehr Frauen von Mexiko bis Argentinien ihren Protest für mehr Gleichberechtigung und gegen das patriarchale System auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die steigende Zahl von Femiziden (Frauenmorde), für die Legalisierung von Abtreibungen und treiben lautstark die #MeToo-Bewegung voran. "Die Schuld lag nicht bei mir oder wo ich war oder wie ich mich angezogen habe. Der Vergewaltiger bist du", riefen im Jahr 2019 Zehntausende Frauen bei Protesten gegen sexuelle Gewalt in ganz Lateinamerika.

In Kolumbien, wo staatlichen Angaben zufolge alle 34 Minuten eine Frau sexuell missbraucht wird, gibt es an Universitäten inzwischen "Anti-Machismo"-Workshops und Kurse gegen Mikroaggressionen. In Mexiko, Costa Rica und Brasilien bieten gemeinnützige Organisationen Therapien für eine gesunde Männlichkeit abseits des Bildes des starken Mannes an. Immer mehr lateinamerikanische Regierungen unterstützen nicht nur die Erziehung von Missbrauchstätern, sondern neuerdings auch Vaterschaftskurse.

Mauro A. Vargas Urías, der Gründer von Gendes, einer mexikanischen Organisation, die sich mit Männlichkeit beschäftigt, glaubt, dass der Machismo ein "unterdrückendes" und "hegemoniales" System sei, das jedoch verändert werden könne. "Da es ein System ist, das wir gelernt haben, können wir es verlernen, um es neu zu lernen", sagte er der "NY Times". Auch der Chef der Kulturbehörde in Bogotá, Nicolás Montero, ist optimistisch. "Stellen Sie sich diese Schlagzeile in 20 Jahren vor: Der Machismo wurde ausgerottet."

Ob 20 Jahre reichen, ein jahrhundertealtes System zu stürzen, bleibt abzuwarten. Doch die "Beruhigungs-Hotline" könnte ein weiterer wichtiger Schritt werden.

Quellen: "NY Times", "Guardian", "Sisma mujer", "Deutschlandfunk"


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