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Amoklauf an US-College: Warum die USA ein Land unter Waffen bleiben

Wie viele Amokläufe muss es noch geben, bis die Waffengesetze in den USA endlich verschärft werden?

Von Alexandra Kraft, New York

Eine Frau lässt sich auf einer Waffenmesse eine Pistole erklären

Beim jährlichen Treffen der National Rifle Association (NRA) können sich Männer wie Frauen über die neuesten Technologien auf dem Waffenmarkt informieren

In den USA ist es längst zum traurigen Alltag geworden, dass wütende Männer mit Waffen in Schulen, Büros, Kinos oder Universitäten stürmen und ihrem Hass auf das Leben freien Lauf lassen. Gestern richtete der 26-Jährige Chris Harper Mercer im Umpqua Community College in Oregon zehn Menschen hin. Sieben weitere schoss er an. Seit dem schrecklichen Amoklauf in der Grundschule Sandy Hook in Newtown im Dezember 2012, bei dem 20 Kinder und sechs Erwachsene starben, gab es in den USA mindestens 986 sogenannte Massenschießereien. 1234 Personen verloren dabei ihr Leben.

Nun könnte man hoffen, dass diese Zahlen die Amerikaner zur Vernunft bringt und sie endlich ihre Waffengesetze ändern. Aber die Chancen, dass das passieren wird, sind gering. Die Waffenlobby ist zu mächtig und es gibt kaum kritische Stimmen. So spielte sich gestern, wie nach jedem Amoklauf der letzten Monate, dasselbe makabre Ritual ab. Lokalpolitiker riefen auf, für die Toten und deren Familien zu beten. Über die Waffen verloren sie kein Wort.

Dann trat wenig später ein sichtlich erschütterter amerikanischer Präsident Barack Obama vor die Kameras und forderte wortreich eine Verschärfung der Gesetze. Endlich, mag man denken.

Es lebe der Wilde Westen 

Aber nach dem letzten Auftritt dieser Art wurde er hart attackiert. Der republikanische Präsidentschaftskandidat und Gouverneur von Lousiana Bobby Jindal wies Obama zurecht: "Seine Worte sind beschämend. Jetzt ist die Zeit für Gebete, jetzt ist die Zeit unsere Wunden heilen zu lassen. Jetzt ist keine Zeit für Politik." Und die Waffenlobby National Rifle Association (NRA) lässt gebetsmühlenartig mitteilen: "Das einzige was einen bösen Kerl mit einer Waffe aufhalten kann, ist ein guter Kerl mit einer Waffe." Und phantasiert davon, dass zum Beispiel bewaffnete Lehrer einen Angreifer niederstrecken könnten. Es lebe der Wilde Westen.

Die traurige Wahrheit ist, die Amerikaner sind verrückt nach Pistolen und Gewehren. War vor 20 Jahren noch eine Mehrheit dafür, die Waffengesetze zu verschärfen, wollen sie nun ihr Recht auf Waffen stärken. So steigt auch nach jedem Amoklauf die Zahl der verkauften Schusswaffen. Die Furcht, die Gesetze könnten sich doch ändern, treibt viele dazu, aufzurüsten. Die USA stellen 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, aber diese Minderheit besitzt fast die Hälfte aller zivilen Waffen weltweit. Wie kaum eine andere westliche Nation scheinen die Amerikaner um ihre Freiheit zu fürchten, sollten sie keine Pistole mehr in ihrer Tasche tragen dürfen.

Die Unantastbarkeit des zweiten Zusatzartikels

Sie alle berufen sich auf den zweiten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung aus dem Jahre 1791. Einer der juristisch und politisch umstrittensten Passagen, dessen vermeintliche Unantastbarkeit vor allem Konservative immer wieder betonen. 

Zu denen zählt auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Ted Cruz. Der trat vor ein paar Wochen mit einer Maschinenpistole in einem seiner Wahlkampfspots auf. Fröhlich wickelte er zwei Scheiben Speck um den Lauf, sagte: "In Texas kochen wir unseren Speck ein bisschen anders." Nachdem er ein Magazin leer geschossen hatte, biss er genüsslich und diabolisch lachend in das von der Hitze der Schüsse gewärmte Fleisch.

"Wir brauchen keine Gebete, sondern Gesetze"

Obama trat gestern zum 15. Mal in seiner Amtszeit nach einem Amoklauf vor die Nation. Er war wütend, schimpfte: "Wir brauchen keine Gebete, sondern Gesetze." Aber auch er scheint zu wissen, wie wenig er gegen den Widerstand seiner Landsleute ausrichten kann: "Ich hoffe und bete, dass ich während meiner Amtszeit als Präsident nicht noch einmal unter solchen Umständen mein Beileid an Familien aussprechen muss, aber ich fürchte, dass ich das nicht garantieren kann." Vermutlich wird er Recht behalten.