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Lufthansa-Flugzeug: Beinahe-Katastrophe wird untersucht

131 Passagiere eines Lufthansa-Fluges sind nur knapp einer Katastrophe entgangen. Beim Anflug in Hamburg wurde die Maschine vom Wind erfasst, drohte abzustürzen. Geistesgegenwärtig handelte Kapitän Oliver A. und startete durch. "Der Pilot hat hervorragend reagiert", sagte der Luftfahrtexperte Andreas Spaeth zu stern.de. Doch nun gibt es Kritik, eine Untersuchung wurde eingeleitet.

Flug LH044 aus München hatte bereits Verspätung - wie so viele andere an diesem Samstag. Um 13.40 Uhr schließlich der Endanflug auf Hamburg-Fuhlsbüttel. Der Airbus mit dem Kennzeichen D-AIQP bekommt kräftigen Seitenwind von rechts und schwebt schräg zur Landebahn ein. Durch Gegensteuern bringen Lufthansa-Kapitän Oliver A.(39) und seine Copilotin Maxi J. (24) den Flieger wieder in eine gerade Position. "Dann, im allerletzten Moment vor dem Touchdown (Aufsetzen), fasste eine kräftige Böe unter die rechte Tragfläche", berichtete Lufthansa- Sprecher Wolfgang Weber. Bruchteile von Sekunden später berührte die linke Tragfläche den Boden, wie auch Amateurvideos zeigten. Auf der nassen Landebahn wirbelte eine Wasserfontäne auf, ein Winglet - ein senkrechter Anbau am äußeren Ende der Tragfläche - wird beschädigt. Geistesgegenwärtig gibt Oliver A. den Triebwerken vollen Schub und startet durch. Nach einer Platzrunde setzt der Airbus "Suhl" knapp eine Viertelstunde später problemlos auf.

Lob für den Piloten

"Der Pilot hat hervorragend reagiert", sagte der Luftfahrtexperte Andreas Spaeth zu stern.de. "Durchzustarten war die einzig sinnvolle Reaktion. Nur so konnte er den Schwung aus der Luft mitnehmen."

Die Böe hatte das Flugzeug offenbar unmittelbar vor dem Aufsetzen, also im für die Maschine ungünstigsten Moment erfasst. Denn: Hätte das Flugzeug bereits mit dem Hauptfahrwerk auf der Bahn aufgesetzt, wären dadurch die Schubumkehr und die Störklappen, wie bei einem normalen Bremsmanöver, aktiviert gewesen, erklärt Späth. So wäre der Airbus in Sicherheit gewesen und den Insassen das dramatische Durchstarten erspart geblieben.

Doch so drehte die Maschine nach dem Manöver des 39 Jahre alten Piloten aus Frankfurt eine 60 Kilometer lange Schleife um die Hansestadt und landete schließlich 15 Minuten nach der Beinahe- Katastrophe sicher. Ein Sprecher der Deutschen Flugsicherung sagte dem "Hamburger Abendblatt", er habe "eine solch extreme Situation auf einem deutschen Flughafen noch nie erlebt". Der Wind soll zum Zeitpunkt der Landung mit 90 Stundenkilometern geweht haben.

Doch hätte das Flugzeug überhaupt starten dürfen? Schließlich wütete "Emma" schon seit Stunden über Deutschland. "Meines Wissens nach hat keine Airline am Wochenende darauf verzichtet zu fliegen", verteidigt Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow im Gespräch mit stern.de die Entscheidung. "Die Wettersituation war in ganz Deutschland schlecht. Und es war klar, dass die Landung in Hamburg eine schwierige Sache werden wird. Aber die Landebahn war von der Flugsicherung zugelassen", so Jachnow. Außerdem seien die Piloten auf solche brenzligen Situationen trainiert und könnten damit umgehen. "Piloten brauchen Wind zum fliegen und lieben ihn. Solche Vorkommnisse sind Routine, Landeabbrüche sind an der Tagesordnung, nur für Fluggäste ist so etwas ein Erlebnis."

Auch Luftfahrtexperte Spaeth sieht keinen Anlass zur Kritik. Zwar hätte der Flughafen gesperrt werden können, doch dazu habe es nach seiner Einschätzung keinen Grund gegeben. Er selbst wohne direkt neben dem Hamburger Airport. Er habe beobachtet, wie einige Flugzeuge bei der Landung etwas ins Taumeln geraten seien. Doch so etwas passiere oft. "Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, es war höhere Gewalt. Es war einfach Pech, dass die Windböe das Flugzeug ausgerechnet beim Landen erwischt hat. Denn in dieser Situation ist die Maschine am gefährdetsten."

Axel Raab von der Deutschen Flugsicherung sagte n-tv, es sei "sicherlich eine Leistung" vom Piloten gewesen, die Maschine im richtigen Moment wieder hochzubringen. Raab wies aber zugleich darauf hin, dass der Pilot zu jedem Zeitpunkt darüber informiert gewesen sei, dass über den Flughafen ein Orkan hinwegfege und es starken Seitenwind gebe. Die Entscheidung über die Landung treffe immer allein der Pilot, der Tower könne ihm die Landung nicht verweigern, betonte Raab.

Deshalb sei auch den Mitarbeitern im Tower kein Vorwurf zu machen, sagen sowohl der Experte Spaeth als auch Lufthansa-Sprecher Jachnow.

Trotzdem übt die Pilotenvereinigung Cockpit Kritik an der Wahl der Landebahn. "Bei uns bleibt das große Fragezeichen: Warum war vom Flughafen bei diesem starken Seitenwinden die Landbahn 23 vom Flughafen vorgegeben?", sagte Niels Stüben, Cockpit-Vorstandsmitglied. "Es war klar, dass sehr starker Seitenwind mit Böen herrschen würde. Im zweiten Anlauf ist der Airbus dann auf der Landbahn 33 aufgesetzt, also gegen den Wind", sagte Stüben, selber Flugkapitän auf einer Boeing 737 bei der Lufthansa.

Mittlerweile hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) Untersuchungen aufgenommen. Es werde geprüft, warum der Flugbetrieb auf dem Airport der Stadt am Samstag bis zum Zeitpunkt des Unfalls auf der Landebahn 2-3 und nicht auf der günstigeren Bahn 3-3 abgewickelt worden sei, sagte BFU-Experte Lothar Müller in Braunschweig. Über die Bahn 2-3 seien zum Zeitpunkt des Anflugversuchs der Maschine Sturmböen gefegt. Die andere Bahn wäre bei solchen Bedingungen wohl die bessere Wahl gewesen, sagte Müller. Es müssten nun einigen Fragen geklärt werden, zudem werde ein Gutachten angefordert. Den Piloten bescheinigte Müller jedoch, schnell reagiert und somit wohl Schlimmeres verhindert zu haben.

Alle Passagiere und die sechs Besatzungsmitglieder von Flug LH044 blieben unverletzt. Sie sind nach Angaben von Lufthansa von einem Team des Unternehmens betreut worden. Ein Reisender, der in der Maschine saß, berichtete dem Nachrichtensender n-tv: "Das waren Sekunden, die man kaum beschreiben kann."Unter den Passagieren gab es keine Unruhe, wie ein Fluggast später dem Fernsehsender N24 berichtete.

"Das ist kaum zu beschreiben, das ging ganz schnell", sagte der Sportreporter Hansi Küpper, der einer der 131 Passagiere war, den Sendern N24 und n-tv. Die Situation sei absolut unvorstellbar gewesen. Küpper sprach von einer gespenstischen Stimmung nach dem Durchstarten der Maschine: Entweder seien die 131 Passagiere ziemlich cool gewesen, oder aber sie hätten unter Schock gestanden. Auf jeden Fall habe es keinerlei hysterische Schreie oder laute Rufe gegeben. Stattdessen habe die folgenden 10 bis 20 Minuten Totenstille geherrscht.

Das völlig verbogene Endstück der linken Tragfläche des Flugzeugs ist ausgetauscht worden. Inzwischen ist die Maschine auch wieder im Einsatz, sagte Lufthansa-Sprecher Jachnow. So wie auch die beiden Piloten. Sowohl Kapitän Oliver A. als auch seine Co-Pilotin seien nach der gesetzlich vorgeschriebenen Pause seit Montagmorgen wieder in der Luft. Von der brenzligen Situation in Hamburg hätten die beiden Helden "mit einer professionelle Distanz" berichtet. "Sie waren ruhig und gefasst."

"So eine kritsche Situation gab es in Hamburg noch nie ", sagte eine Flughafen-Sprecherin zu stern.de.

Der Hamburger Airport war von den "Emma"-Ausläufern besonders betroffen. Gleich mehrere Maschinen starteten am Samstag wegen der Orkanböen durch, ähnlich brenzlige Situationen wie bei der Lufthansa-Maschine gab es nach Flughafenangaben aber nicht. 19 Flüge mussten unter anderem wegen hoher Windgeschwindigkeiten gestrichen werden, 118 Flüge verspäteten sich.

Sehr geehrte Leser, leider ist uns und dem Experten Andreas Spaeth bei der Erklärung der Situation in Hamburg - es ging um die Schubumkehr - ein Fehler unterlaufen. Zusammen mit dem Andreas Spaeth haben wir diesen inzwischen korrigiert. Bitte entschuldigen Sie den Fehler. Ihre stern.de-Redaktion

Malte Arnsperger mit Agenturmaterial