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Gutachten zu Missbrauchsfällen Papst Benedikt widerspricht sich – Tiefpunkt für katholische Kirche

Der emeritierte Papst Benedikt XVI
Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
© Evandro Inetti / Picture Alliance
Das von drei Rechtsanwälten in München vorgestellte neue Gutachten übertrifft schlimmste Erwartungen: Gutachterin Marion Westpfahl empfiehlt der katholischen Kirche Beichte und Reue.

Es ist die schwärzeste Stunde in der an schwarzen Stunden bereits überreichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche in Deutschland, die sich am Donnerstag in München vollzieht. Das dort von drei Rechtsanwälten vorgestellte neue Gutachten übertrifft schlimmste Erwartungen – die Gutachterin Marion Westpfahl empfiehlt der katholischen Kirche Beichte und Reue.

Die Veröffentlichung des Gutachtens war eigentlich schon für das vergangene Jahr geplant. Nun ist bekannt, warum sie sich verzögerte: Benedikt arbeitete nach anfänglichem Zögern doch mit und lieferte eine 82-seitige Stellungnahme ab.

Im Kern geht es darin um den Priester Peter H., der als beispielhaft für das Versagen der Institution Kirche im Umgang mit Pädophilen gilt. H. missbrauchte als junger Kaplan in den 70er Jahren im Bistum Essen Jungen. 1980 kam er zur Therapie nach München, Ratzinger stimmte als damaliger Erzbischof seiner Aufnahme zu. Bald wurde H. wieder in Gemeinden eingesetzt und missbrauchte wieder Kinder – dass Benedikt dafür Mitverantwortung trägt, ist nun erwiesen.

Ratzinger wird in dem Protokoll der Sitzung zitiert

Die Gutachter werfen dem emeritierten Papst in insgesamt vier Fällen vor, pädophile Priester als damaliger Erzbischof in Gemeinden eingesetzt zu haben. Benedikt habe ein Fehlverhalten "strikt" zurückgewiesen, sagt Gutachter Martin Pusch. Doch die Rechtsanwälte sezieren präzise Widersprüchlichkeiten des 94-Jährigen.

Benedikt, der nach seiner Zeit in München als Chef der Glaubenskongregation oberster Hüter der katholischen Wahrheiten war, habe sich etwa mit dem Hinweis herauszureden versucht, ein Schreiben, das nachweislich bei ihm eingegangen sei, habe er ja damit nicht nachweislich gelesen.

Die Gutachter erklärten, "zu unserer Überraschung" habe Benedikt auch bestritten, an der Sitzung am 15. Januar 1980 teilgenommen zu haben, in der über die Aufnahme von H. in München entschieden wurde. Doch Ratzinger wird in dem Protokoll der Sitzung direkt zitiert.

Papst Benedikt XIV. unterschrieb persönlich 

Anhänger des greisen Papsts werden womöglich argumentieren, er habe seine Stellungnahme vielleicht ja gar nicht selbst geschrieben. Tatsächlich schreiben die Rechtsanwälte viele Passagen Benedikts Beratern zu. Aber Benedikt unterschrieb persönlich und erklärte, alles verstanden zu haben.

Auf einen besonders skandalösen Aspekt ging Benedikt in seiner Stellungnahme dabei nur knapp mit einem Satz ein. Der frühere Münchner Generalvikar Gerhard Gruber korrigierte Angaben aus dem Jahr 2010, für den Fall H. allein verantwortlich gewesen zu sein. 

Gruber, der damals zurückgetreten war, gab jetzt an, Ratzinger habe von der pädophilen Vorgeschichte des Priesters gewusst. Und noch mehr: Zu seiner damaligen Falschaussage sei er im Erzbistum gedrängt worden. Das bedeutet, dass die Kirche 2010 bewusst log, um den amtierenden Papst zu schützen – wäre seine Mitverantwortung schon damals nachgewiesen worden, hätte es einen weltweiten Skandal gegeben.

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, sagte dem Sender "Welt", in München sei damals ein Gebäude zum Schutz des Papsts errichtet worden. Dieses sei nun zusammengebrochen. Münchner Erzbischof war 2010 schon Kardinal Reinhard Marx. Ob Marx an diesem Lügengebäude mitgewirkt hat, ist bislang nicht erwiesen. Doch auch Marx wird vom Gutachten belastet – er soll ignorant mit Missbrauchsfällen umgegangen sein.

Die vom Verhalten des Klerus erkennbar abgestoßene Gutachterin Westphal, Mitinhaberin der für das Gutachten verantwortlichen Kanzlei, sieht für die katholische Kirche nun nur einen Ausweg. Die Kirche müsse beherzigen, was ihr vor ihrer ersten Beichte vor mehr als einem halben Jahrhundert aufgetragen wurde, sagte Westphal.

Damals sei den jungen Mädchen erklärt worden, zunächst Gewissenserforschung zu betreiben. Dann sollten sie in der Beichte die Sünden bekennen. Darauf folgen müsse aber die Reue. Was zehnjährigen Kindern abverlangt werde, müsse nun die Messlatte auch für die Institution Kirche sein, mahnte die lebenserfahrene Juristin.

key, Ralf Isermann DPA

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