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Ermittlungen in Brüssel: Molenbeek in Belgien - wo der Terror gedeiht

Nach den Anschlägen in Paris führen die Spuren auch nach Belgien. Ein vor dem Bataclan abgestellter Polo bringt die Ermittler in den Brüssler Stadtteil Molenbeek. Es ist nicht das erste Mal. 

Molenbeek ist ein lebendiger Stadtteil im Herzen von Brüssel und steht im Zentrum der aktuellen Terror-Ermittlungen

Molenbeek ist ein lebendiger Stadtteil im Herzen von Brüssel. Nicht weit entfernt vom Zentrum, steht der belgische Stadtteil jetzt im Fokus der Ermittlungen zu den Anschlägen in Paris.

Es war ein liegengelassener Parkschein in einem abgestellten Polo, nicht weit vom Bataclan, der die französischen Ermittler nach Molenbeek führte. Mindestens drei der Attentäter, waren sich die Beamten bereits am Wochenende sicher, kamen aus diesem arabisch geprägten Stadtteil in Brüssel. Wie bereits Mehdi Nemmouche, der im Mai 2014 im jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschoss. Oder auch der Marokkaner Ayoub al Khazzani, der bei seinem Anschlag auf den Thalys Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris im August diesen Jahres von beherzten Touristen überwältigt wurde.

Insgesamt sieben Männer, die der Beteiligung oder Unterstützung verdächtig sind, wurden jetzt am Wochenende in dem Brüsseler Stadtteil festgenommen. Und auch der jetzt steckbrieflich gesuchte Salah Abdeslam kommt von hier und setzte sich nach den Anschlägen in Paris zusammen mit zwei Kumpanen vermutlich wieder nach Belgien ab.

Kuno Kruse in Molenbeek


Eine orientalische Welt mitten in Europa

Molenbeek ist keine jener Hochhaus-Trabanten französischer Städte, deren Umlaufbahnen sich außerhalb der großen Autobahnringe befinden. Keine Banlieue, sondern ein quirliger Stadtteil von Brüssel, nicht sehr weit entfernt vom Zentrum, auf der anderen Seite des Kanals. Alte Häuser, zwei, drei, auch vier Stockwerke, Backstein oder verputzt. Die eher wenigen 16-geschossigen Wohnblocks  in dem Viertel prägen es nicht annährend so, wie die vielen Läden und die 22 großen und kleinen Moscheen. Es ist eine orientalische Welt im Westen Europas, wie es sie in vielen Großstädten gibt.

Die alten Geschäfte und Cafés in Molenbeek Saint-Jean sind heute fast alle arabisch. Die meisten der Frauen auf den überfüllten Gehwegen der Einkaufsstraße tragen ein Kopftuch. Die hier lebenden Araber haben ihre Wurzeln im Maghreb, die große Mehrheit in Marokko.

Obst, frischer Fisch, das Fleisch natürlich Halal, in den Boutiquen hängen festliche Kleider, und doch, das bunte Straßenleben täuscht über die Probleme vieler junger Menschen in Molenbeek nicht hinweg. Die Arbeitslosigkeit unter den Arabern der dritten Generation liegt bei 30 Prozent. Abends heißt es, kämen dann auch Diebe. Doch Molenbeek ist kein Stadtteil, in dem die Belgier sich wirklich unsicher fühlen müssten.

Stern-Reporter Kuno Kruse mit einem Kommentar zur Islamistenhochburg Molenbeek, eine Gemeinde der belgischen Hauptstadt Brüssel.

Glaube und Politik als gefährliche Mischung

Dass wieder islamistische Attentäter hier eine logistische Basis gehabt, teilweise von hier gekommen sein sollen, hat die Menschen hier einmal mehr schockiert. „Wir sind doch dankbar, dass in Belgien jeder frei und nach seiner Religion leben kann,“ sagt der junge Mohamed, der vor einem der Läden steht. „Aber wenn sich der Glaube mit der Politik mischt, dann wird es immer gefährlich.“ Mohamed hat einen anerkannten Beruf. Er sagt: „Ich habe eine gute Arbeitsstelle. Ich kann zufrieden sein.“

Die belgische Gesellschaft war sehr lange tolerant, oder auch gleichgültig gegenüber der Gettoisierung der arabischen Einwanderer in Stadtteilen wie Molenbeek. Die Gründung von Moscheen, auch Stabilitätsfaktor in Vierteln wie diesen, wurde gefördert. Es sei leider auch der Wahhabismus, und das Geld, das aus Saudi-Arabien käme, sagt Jamal Habbachich, Vorsitzender der Attadamoun-Moschee. „Vor allem aber ist es das irregeleitete Bild vom Islam, das eben nicht aus den Moscheen kommt, sondern aus dem Internet.“

Die jungen Männer würden bei Google nach irgendwelchen Imamen suchen und deren fanatischen Reden folgen. Basis für diese Anfälligkeit seien aber auch Arbeitslosigkeit, Armut, fehlende Chancengleichheit und eine als erniedrigend empfundene, und oft erlebte Ungerechtigkeit.

Stern-Reporter Kuno berichtet von der Wohnungsdurchsuchung eines mutmaßlichen Paris-Attentäters.

Mindestens 500 Belgier in Syrien

Aus keinem anderen europäischen Land sind so viele Islamisten nach Syrien gegangen wie aus Belgien. Polizei und Geheimdienste gehen von mindestens 500 belgischen Dschihadisten im Sold des selbsternannten Isalamischen Staates aus. Und Molenbeek war eines der Viertel aus dem sie in ihren vom religiösen Fanatismus geleiteten Krieg zogen.

Obwohl die Mütter und Väter aus Marokko und Algerien kamen, ist der Einfluss des saudi-arabischen Wahhabismus groß. Diese restriktive, an der Scharia orientierten Lesart des Islams kam nicht zuletzt aufgrund einer mehrere Jahrzehnte alten Übereinkunft des belgischen Königs Baudouin und dem saudischen König Saud. Heute gilt der so lebendige Stadtteil Molenbeek deshalb auch als das Zentrum des Salafismus in Belgien.