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Interview

Michael Barczok: Umweltmediziner zum Moorbrand: "Einen Fall in der Größenordnung kenne ich nicht"

Nun haben auch die Behörden die Gefahr erkannt: Sie evakuieren 1000 Anwohner im Umfeld des Moorbrandes bei Meppen. Das hätte nach Meinung des Experten Michael Barczok längst geschehen müssen. Im Interview erklärt der Mediziner, wie groß die Belastung der Umwelt für den Mensch ist. 

Der großflächige Moorbrand war vor mehr als zwei Wochen infolge von Raketentests der Bundeswehr ausgebrochen

Der großflächige Moorbrand war vor mehr als zwei Wochen infolge von Raketentests der Bundeswehr ausgebrochen

Der Geruch des Moorbrandes in Meppen hängt auch noch 230 Kilometer weiter in der Luft. Die Rauchsäule ist sogar aus dem All zu sehen. Seit zwei Wochen schwelt ein Feuer im torfigen Boden, wahrscheinlich ausgelöst durch Munition der Bundeswehr. Doch erst am Freitag haben sich die Behörden durchgerungen, 1000 Anwohner zu evakuieren. Dafür wurde es auch Zeit sagt, der Lungen- und Umweltmediziner Michael Barczok im Interview  mit dem stern

Herr Barczok, wie schätzen Sie das Ausmaß des Brandes im Moor bei Meppen ein?  

Ich sehe auch nur die Bilder in den Medien. Das Besondere ist doch, dass da feuchtes Holz seit Wochen vor sich hinschwelt. Dabei werden Unmengen von Feinstaub freigesetzt - mehr als bei einem Waldbrand.  Wir haben es mit einem klassischen Schwelbrand zu tun. Überall dort wo die Rauchwolke zu sehen ist, spüren das auch die Anwohner. In den Dörfern im Umfeld des Brandherdes sind die Menschen einer ständigen Belastung ausgesetzt und das nun schon über zwei Wochen.

Gab es bisher einen vergleichbaren Fall in Deutschland - immerhin sollen mindestens 500.000 Tonnen Kohlenstoff ausgestoßen  worden sein.

Einen Fall in dieser Größenordnung kenne ich nicht. Von der Einzugsfläche würden mir noch die Waldbrände in Brandenburg einfallen. Ein Schwelbrand ist, was Partikel-Entwicklung angeht, eben eine andere Größenordnung. Allerdings ist das Verhalten der Bundeswehr merkwürdig. Dass sich das Moor durch Munition entzündet hat, ist dumm gelaufen. Doch dass anschließend die Löscharbeiten so verspätet einsetzten, ist mehr als problematisch. Wenn man diese Rauchwolke sieht, sollte klar sein, dass da keine Atlantikluft herüber weht, sondern eben feinste Partikel. Warum die Behörden bisher den Brand so lange heruntergespielt haben, verstehe ich nicht.  

Können Sie schon die Folgen für die Umwelt absehen? Wird es Folgeschäden geben?

Durch den Brand haben sich natürlich Unmengen von CO2 aus dem Boden gelöst, die zuvor im Moor gespeichert waren. Für die Umwelt ist das natürlich eine Belastung. Andererseits muss man einräumen, dass die Flächenbrände in Kalifornien wesentlich dramatischer ausfallen.

Leider können wir in solchen Fällen wie in Meppen nicht auf Langzeitstudien zurückgreifen. Wir wissen nur, dass Tausende Tonnen Kohlenstoff-Dioxid in die Luft geblasen werden. Es ist ein Unding, für jeden Hauskamin Filter und Katalysatoren vorzuschreiben. Doch bei einem Brand mit diesem Ausmaß von Schutzmaßnahmen nichts zu hören ist.

Zu welchen Vorsichtsmaßnahmen raten Sie?

Wenn man sich die Bilder der Rauchwolke ansieht, sollte man bemerken, dass sie über Kilometer sehr nahe über den Erdboden zieht. Das ist vor allem für kleine Kinder eine Belastung. Die sollten die nächsten Tage in den Häusern bleiben, wenn sie in der nahen Umgebung des Brandes wohnen. Besonders gefährdet sind aber Menschen mit Asthma- oder Bronchien-Beschwerden. Sie sollten besser die Gegend verlassen. Der Brand im Moor ist eben kein Pipifax, sondern für Menschen mit chronischen Erkrankungen ein echtes Problem.

Sind Sie unmittelbar von dem Moorbrand betroffen und haben Sie Lust, uns Ihre Erlebnisse mitzuteilen? Zum Beispiel, inwiefern Sie der Brand in Ihrem Alltag beeinträchtigt? Dann schreiben Sie uns unter leseraufruf@stern.de. Gerne können Sie auch Fotos oder Videos von vor Ort schicken.

Interview: Sebastian Ostendorf
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