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Bundeswehr-Gelände im Emsland: "Fassungslos über die Gleichgültigkeit der Bundeswehr": Wie ein Anwohner den Moorbrand erlebt

Der Moorbrand in Niedersachsen ist nun ein Katastrophenfall. Seit mehr als zwei Wochen kämpfen hunderte Einsatzkräfte gegen das hartnäckige Feuer. Fabian Brands, 29, lebt nur wenige Kilometer vom Brandherd entfernt. Was ihn wirklich besorgt, schildert er im Gespräch mit dem stern.

Rauchwolken steigen beim Moorbrand auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) in Meppen auf. Auf einem Testgelände der Bundeswehr stehen seit etwa zwei Wochen riesige Flächen Moorland in Brand.

Seit mehr als zwei Wochen brennt ein Moor auf einem Gelände der Bundeswehr im Emsland. Hunderte Einsatzkräfte kämpfen gegen die Flammen, die durch einen Raketentest entstanden. Wegen einer möglichen Verschärfung der Lage bei dem großflächigen schließen die Behörden eine Evakuierung von Anwohnern nicht mehr aus. Der Landkreis Emsland rief am Freitag den Katastrophenfall aus und forderte die Bewohner von zwei Orten auf, sich vorsorglich auf eventuelle Räumungen vorzubereiten. 

Fabian Brands, 29, ist von den anhaltenden Bränden unmittelbar betroffen. Der Projektmanager und gebürtige Emsländer lebt in Lathen, einer Gemeinde rund 20 Kilometer von dem Bundeswehrgelände entfernt. "In der Regel sind die Menschen hier auch auf diese Situationen vorbereitet", sagt er. "Das ist dieses Mal anders. Und das sorgt weniger für Angst, sondern für Wut." Wie sich der Moorbrand auf seinen Alltag auswirkt, warum die Bewohner (wirklich) besorgt sind und was er von den Verantwortlichen erwartet, schildert er im Gespräch mit dem stern.

Moorbrand in Meppen

"Die meisten Menschen hier, inklusive mir, sind fassungslos und wütend darüber", sagt Fabian Brands (kl. Foto) zum stern

"Der Raketentest war grob fahrlässig "

Herr Brands, der Landkreis Emsland - also Ihr Landkreis - hat den ausgerufen. Eine Evakuierung sei zwar nicht geplant, wird aber auch nicht mehr ausgeschlossen. Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert?

Fabian Brands: Den Katastrophenfall auszurufen klingt immer krass, dabei heißt es zunächst eigentlich nur, dass Kompetenzen gebündelt werden. Und klar, beim Wort "Evakuierung" könnte man das Schlimmste befürchten. Mich beunruhigt das nicht. Die Einsatzkräfte geben ihr bestes und wir Emsländer helfen uns gern. Wir kommen klar. Die Nachricht war also nicht sehr schockierend. Zumal: Vorsicht ist immer besser als Nachsicht. Allerdings hätte ich mich darüber gefreut, wenn diese Vorsicht seitens der früher eingetreten wäre.

Wie erleben Sie den Moorband in Ihrem Alltag? Bei entsprechender Windrichtung ist das Feuer sogar im 200 Kilometer entfernten zu riechen ...

Ja, das haben mir schon viele Bekannte aus Hamburg erzählt. Und hier redet natürlich jeder darüber, egal wo man ist. Da das Emsland fast komplett Flachland ist, kann man die Rauchschwaden auch eigentlich von überall aus sehen. Und der Geruch, es riecht nach verbranntem Holz, hängt eben in der Luft. Bei ungünstiger Windrichtung sollte man hier auf jeden Fall keine Wäsche aufhängen und die Fenster schließen. Das ist natürlich nervig und unangenehm. 

Sie begegnen dem Moorband eher mit Gelassenheit. Sind Ihre Nachbarn und Bekannten denn auch so entspannt wie Sie?

Ich bin da einfach pragmatisch. Ein Moorbrand tritt hier immer mal wieder auf, nur nicht in dieser Intensität. Und in der Regel sind die Menschen hier auch auf diese Situationen vorbereitet. Das ist dieses Mal anders. Und das sorgt weniger für Angst, sondern für Wut.

Moorbrand in Meppen

19.09.2018, Niedersachsen, Meppen: Rauchwolken steigen von einem Testgelände der Bundeswehr auf, wo seit Tagen fünf Hektar Moorland brennen 

DPA

Warum?

Die meisten Menschen hier, inklusive mir, sind fassungslos und wütend darüber, mit welcher Gleichgültigkeit die Bundeswehr mit diesem Moorbrand umgeht. Weil, erstens: Es war einfach fahrlässig, nach dem außergewöhnlich trockenen Sommer einen Raketentest durchzuführen, offenbar ohne dabei ein Löschfahrzeug vor Ort zu haben. Dabei wird hier seit knapp 130 Jahren mit scharfer Munition geschossen. Und zweitens: Die Kommunikation der Bundeswehr ist katastrophal. Es geht hier für einige Anwohner um Haus und Hof, aber es mangelt an regelmäßigen Informationen und Updates zur Lage. Wir informieren uns vor allem über Hörensagen bei den Einsatzkräften und in den Medien. Während die Bundeswehr größtenteils schweigt. 

Sorgt das für Verunsicherung bei den Anwohnern?

Durchaus. Ich finde es gerade in der heutigen Zeit wichtig - in der Halbwahrheiten in sozialen Netzwerken verbreitet werden, die leider auch geglaubt werden - offen und transparent zu kommunizieren. Heute bin ich etwa auf eine Art Kettenbrief gestoßen, der über WhatsApp verbreitet wurde. In dem, angeblich offiziellen, Schreiben wurde die Evakuierung von zwei Orten verkündet. Das stimmt einfach nicht. 

Wer sollte so etwas verbreiten?

Schwer zu sagen. Vermutlich jemand, der sensationsgeil ist. In jedem Fall gibt es Leute, die das sehen und glauben, ohne es zu hinterfragen. Das schürt Ängste und hilft niemandem.

Moorbrand in Meppen

14.09.2018, Niedersachsen, Meppen: Eine Löschraupe ist beim Moorbrand auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) in Meppen im Einsatz

Das ist womöglich besonders vor dem Hintergrund problematisch, dass sich viele Menschen im Einzugsgebiet des Moorbrandes um ihre Gesundheit sorgen. Auch, wenn es bisher offiziell heißt: Der Qualm stellt keine gesundheitliche Belastung dar.

In der Tat. Viele Menschen in meinem Umfeld sind mindestens beunruhigt. Das ist immerhin Torf, der da brennt. Auch wenn der Qualm bisher keine Belastung darstellen soll - gesundheitsfördernd dürften die Dämpfe auch nicht sein. Insofern kann ich die Beunruhigung verstehen. Mir bereitet der Qualm eher in anderer Hinsicht Sorge: Je nach Windlage lässt sich in dem "Nebel" keine fünfzig Meter weit sehen. Das kann den Verkehr behindern, ist aber auch und vor allem für viele Landwirte hier - und davon gibt es im Emsland sehr viele - eine besonders ärgerliche Situation. Der Qualm dürfte eine hohe Beeinträchtigung während der Ernte sein. 

Ein Regiment von Spezialpionieren soll zur Hilfe gezogen werden, darüber hinaus rund 500 weitere Einsatzkräfte - zusätzlich zu den bisher 782 im Einsatz. Wie ist Ihr Eindruck: Ist der Moorbrand unter Kontrolle? Oder gerät er gar außer Kontrolle?

Als Anwohner bekommt man von den Löscharbeiten aktiv nicht viel mit. Es handelt sich bei dem Bundeswehr-Gelände um einen mehrere hundert Hektar großes Areal, das eigentlich fernab von der Zivilasation liegt. Mein Eindruck ist, dass die Leute vor Ort ihr bestes geben. Die haben das im Griff. Ich ziehe vor den Helfern und Einsatzkräften, die sich da Tag und Nacht reinhängen, meinen Hut. 

Erwarten Sie baldige Besserung?

Das kann ich ganz schwer einschätzen. Ich glaube es wird alles getan, was getan werden muss. Ich wünsche mir lediglich von der Bundeswehr, dass sie mehr Verantwortung für den Vorfall übernimmt. Jeder hat während des heißen Sommers darauf geachtet, dass er keine Glasflaschen rumliegen lässt oder seine Zigarettenkippen ins trockene Gras schmeißt. Und dann testet die Bundeswehr schwere Waffen, offenbar ohne ein Löschfahrzeug vor Ort zu haben. Das ist grob fahrlässig. Und das sollten die Verantwortlichen ehrlicherweise auch so artikulieren. 

Sind Sie unmittelbar von dem Moorbrand betroffen und haben Sie Lust, uns Ihre Erlebnisse mitzuteilen? Zum Beispiel, inwiefern Sie der Brand in Ihrem Alltag beeinträchtigt? Dann schreiben Sie uns unter leseraufruf@stern.de. Gerne können Sie auch Fotos oder Videos von vor Ort schicken.

Im Video: "Hunderte Feuerwehrleute kämpfen gegen Moorbrand"

Rauchwolken steigen beim Moorbrand auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) in Meppen auf. Auf einem Testgelände der Bundeswehr stehen seit etwa zwei Wochen riesige Flächen Moorland in Brand.
Interview: Florian Schillat / Mit Material der DPA und AFP