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Nach der tödlichen Loveparade von Duisburg Die Stadt steht am Pranger


In Duisburg läuft die Suche nach den Schuldigen an der Loveparade-Katastrophe. OB Sauerland schließt einen Rücktritt nicht aus. Bewahrheiten sich Vorwürfe, dürfte das das Mindeste sein.

Der Mann steht am Pranger, und sein Auftritt auf der desaströsen Pressekonferenz am Sonntag ist daran nicht ganz schuldlos. Nach der tödlichen Loveparade wurde Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) von Trauernden körperlich angegriffen. Er wurde ausgebuht, beschimpft, mit Müll beworfen. Leibwächter zogen ihn weg zu seinem Dienstwagen. Sauerland hat Verständnis dafür: "Das waren Menschen, die trauern, die ihren Emotionen freien Lauf gelassen haben, und das verstehe ich."

Sauerlands Äußerungen, "indivuelle Schwächen" seien für die Katastrophe mit 19 Toten verantwortlich, provozierten negative Reaktionen der Bevölkerung geradezu. Sein Rücktritt ist nun nicht ausgeschlossen. Angesichts scharfer und ständig wachsender öffentlicher Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen will der OB der Frage nach persönlicher Verantwortung für das Unglück nicht ausweichen. "Wenn wir wissen, was passiert ist, werden wir uns der Frage nach der Verantwortung stellen."

Und die Antwort auf diese Frage wird für Sauerland und andere Verantwortliche möglicherweise nicht positiv aussehen. Laut "Spiegel Online" habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zudem gilt als erwiesen, dass das Gelände nur für 250.000 bis 300.000 Besucher ausgelegt war, was die Organisatoren nicht dementieren. Stattdessen wird versucht, die Zahl der Besucher klein zu reden. In Vorankündigungen war häufig von gut einer Million die Rede. Die Stadt scheut sich, Zahlen zu veröffentlichen. Allenthalben wird in der Öffentlichkeit aber von 1,4 Millionen geredet. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen, Frank Richter, warf der Stadt Duisburg und den Veranstaltern der Loveparade im WDR vor, sie hätten den Massenansturm bei der Veranstaltung unterschätzt. Ähnlich hatten sich zuvor mehrere andere Polizei-Gewerkschafter geäußert.

Schwere Vorwürfe von Konzertveranstalter Lieberberg

Eingeheizt bekommen die Stadtoberen von Deutschlands führendem Konzertveranstalter Marek Lieberberg. Seine Vorwürfe: Die Profilierungssucht der Stadt Duisburg und eine amateurhafte Organisation haben die Katastrophe ausgelöst. Das "war keine höhere Gewalt wie ein Treppeneinsturz oder ein Unwetter, sondern das Ergebnis eines verhängnisvollen Zusammenwirkens von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren, die weder mit derartigen Großveranstaltungen vertraut noch in der Lage waren, auf Notsituationen zu reagieren", teilte Lieberberg am Montag mit, nachdem er das Geschehene zuvor in der "Süddeutschen Zeitung" schon als Verbrechen bezeichnet hatte.

Aus Sicht Lieberbergs war das Konzept eines einzigen Ein- und Ausgangs "eine Todesfalle". Sämtliche Grundlagen für Versammlungen seien missachtet worden. "Ein einziger Eingang über einen Tunnel ist nach der Gesetzeslage eigentlich überhaupt nicht zulassungsfähig. Aber offensichtlich wollten die Verantwortlichen der Stadt Duisburg die Veranstaltung um jeden Preis und haben deshalb offensichtlich über alle notwendigen Sicherheitserwägungen hinweggesehen."

Kein Verletzter mehr in Lebensgefahr

Der Ordnungsdienst hätte die Besucherströme leiten müssen, meint Lieberberg. "Nach meinem Eindruck hätten bei einem Event dieser Größenordnung mindestens 4000 bis 5000 Ordner im Einsatz sein müssen. Es kann sich tatsächlich nur um einen Bruchteil dieser Anzahl, vielleicht 1000, gehandelt haben." Außerdem müsse deren Professionalität entschieden angezweifelt werden. "Eher waren es wohl völlig unerfahrene Helfer, deren einzige Qualifikation im Tragen eines T-Shirts bestand."

Die Bundesregierung zeigte sich offen für Konsequenzen, warnte aber vor voreiligen Schlüssen. Möglicherweise werden sich die Innenminister der Länder in der Innenministerkonferenz auch mit dem Thema befassen, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.

Laut Auskunft der Polizei sind derzeit sind noch 1138 Menschen offiziell als vermisst gemeldet. Man habe erst die Hälfte der 2367 gesuchten Personen ermitteln können, teilte die Pressestelle in Duisburg mit. 40 Beamte seien damit beschäftigt, die Vermisstenanzeigen abzuarbeiten. Möglicherweise sei schon ein großer Teil der Vermissten wieder zu Hause. Die Polizei bat die Angehörigen, sich in diesem Fall zu melden. Die Rufnummern lauten (0203) 280 - 4125, - 4128 und - 4526.

Von den mehr als 340 Verletzten befindet sich inzwischen niemand mehr in Lebensgefahr. Dies sagte am Montag der Sprecher der Staatsanwaltschaft Duisburg. Er wollte keine Angaben über angebliche massive Sicherheitslücken machen.

Für die 19 Toten wird die Stadt Duisburg eine Trauerfeier abhalten, wie Sauerland ankündigte. Es könnte eine seiner letzten Veranstaltungen als Duisburgs OB sein.

ben/AFP/DPA DPA

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