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Nordkorea: Diktatur ohne Durchblick

Die medizinischen Geräte funktionieren nicht, Medikamente fehlen und selbst die Bagger blieben bei den Bergungsarbeiten in Ryongchon kaputt liegen. Einmal mehr demonstriert das Bahnunglück die Unfähigkeit Pjöngjangs, für seine Bürger zu sorgen.

Es fehlt an Medikamenten, an Nahrungsmittel, selbst die Bagger blieben bei den Bergungsarbeiten nach der Bahnkatastrophe in Ryongchon kaputt liegen. Internationale Hilfsorganisationen eilten zu den 10 000 Obdachlosen und mehr als 1000 Verletzten, liefern aus ihren Lagern in Nordkorea Verbandsstoff und Antibiotika, nährreiche Kekse und Getreide - doch dafür müssen jetzt woanders im Land Menschen hungern, warten andere Patienten auf eben jene Medikamente. Einmal mehr demonstrierte das Explosionsunglück die Unfähigkeit des stalinistischen Systems, für seine 23 Millionen Menschen zu sorgen.

"Die Not ist sehr groß"

Es zeigt zugleich das Dilemma der Hilfsorganisationen, die immer weniger zu verteilen haben. Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist aber auf Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen. "Die Not in Nordkorea ist sehr groß", sagt der Regionaldirektor des Welternährungsprogramms (WFP), Tony Banbury. "Ich hoffe, dass durch dieses Unglück auch andere verstehen werden, dass es hier Bedürfnisse gibt." Die Zusagen waren so weit zurückgegangen, dass die Hilfe im Februar fast zum Erliegen kam. Der Streit um Pjöngjangs Atomwaffenprogramm, Spendenmüdigkeit nach zehn Jahren Hungerhilfe und andere Krisenherde haben die Hilfsbereitschaft geschmälert. "Wir sind weit davon entfernt, die gegenwärtigen Anforderungen zu erfüllen."

In diesem Jahr sucht das WFP 484 000 Tonnen Nahrungsmittel, doch bislang sind nicht einmal Zusagen über 100 000 Tonnen eingegangen. "Die Reaktion auf diese schreckliche Tragödie beansprucht unsere Mittel zusätzlich", sagt Banbury. "Wir müssen die Bestände so schnell wie möglich ersetzen, und wir haben im Moment wenig Nachschub." Die Lücken bleiben, selbst wenn die spontan zugesagten internationalen Hilfslieferungen für die Opfer eintreffen. Erste Reaktionen seien zwar positiv gewesen, berichtet der Sprecher der Vereinigung der Rotkreuzgesellschaften, John Sparrow, doch habe die Umleitung der Lagerbestände zum Unglücksort "andere Programm unter Druck gesetzt." Die Krankenhäuser bekommen 70 Prozent ihrer ohnehin unzureichenden Bestände vom Roten Kreuz. "Das ist nicht, was sie brauchen, sondern was wir geben können." Das Unglück hat die Verteilung unterbrochen.

"Andere Hospitäler haben jetzt keine Antibiotika und keine Betäubungsmittel mehr bekommen", berichtet Sparrow. "Das kann lebensbedrohlich werden und ist noch beunruhigender." Seit Jahren arbeitet das Rote Kreuz an der Verbesserung der ärztlichen Versorgung in Nordkorea. Die Geräte sind alt, funktionieren nicht. Instrumente rosten. Medikamente fehlen. "Es geht alles sehr langsam." Wie katastrophal die Lage ist, zeigten die Bilder der schwerverletzten Kinder, die selbst im vergleichsweise besser ausgestatteten Provinzhospital in Sinuiju nur wenig Behandlung finden. Die Ärzte und Schwestern tun, was sie können, heißt es. Ob auch die nordkoreanische Regierung alles tut, was sie kann? "Darüber ein Urteil zu fällen, ist für jede Hilfsorganisation schwer", sagt Sparrow. "Alles, was wir brauchen, ist Kooperation, und die wird uns gegeben."

Seoul sagt Millionenhilfe zu

Unterdessen hat Südkorea dem Regime in Pjöngjang Hilfsgüter im Wert von 25 Millionen Dollar zugesagt. Der größte Teil, darunter 50.000 Tonnen Zement, Kraftstoff und Nahrungsmittel, soll nach Angaben von Vereinigungsminister Jeong Se Hyun ab nächster Woche über den chinesischen Hafen Dandong geliefert werden. Die Regierung in Seoul leistet damit fast vier Mal so viel Wiederaufbauhilfe für die halbzerstörte Stadt Ryongchong wie alle anderen Staaten zusammen.

Ein Schiff mit Wasser, Nudeln und Decken traf bereits am Donnerstag in seinem Zielhafen ein. Pjöngjang lehnte aber weiterhin die Entsendung von südkoreanischen Ärzten in das Katastrophengebiet ab, auch durften immer noch keine Lastwagen mit Hilfslieferungen die Grenze passieren. Die Lieferung per Schiff dauert jedoch ein oder zwei Tage länger als auf dem Landweg.

Wie der südkoreanische Fernsehsender KBS berichtete, stand der Zug vor seiner Explosion rund 40 Minuten in Flammen, der Brand zog zahlreiche Schaulustige an. Wäre die Gegend rechtzeitig abgeriegelt worden, hätte es weitaus weniger Tote gegeben, hieß es. Eine Zeitung in Japan berichtete unterdessen, dass vier Tage nach dem Unglück ein Junge lebend aus den Trümmern der Grundschule gerettet werden konnte.

Andreas Landwehr/DPA / DPA