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Norwegens Umgang mit dem Breivik-Prozess: Souverän im Angesicht des Mörders

Es war eine harte Woche im Osloer Amtsgericht: Fünf Tage ging es um Anders Behring Breiviks brutale, wirre Welt. Doch die Norweger bleiben ruhig - von Hass keine Spur.

Von Swantje Dake, Oslo

Die roten Rosen am Absperrgitter vor dem Osloer Amtsgericht sind schon leicht verwelkt. Der Wachmann rückt einen Strauß zurecht. Die Blumen wurden nach den Attentaten des 22.7. zum Symbol. Tausende Norweger hatten sie in den Händen. Als Zeichen der Liebe, der Gemeinschaft, des Zusammenhalts. In der ersten Prozesswoche tauchen sie wieder auf. Und auch das Credo von Ministerpräsident Jens Stoltenberg kurz nach dem Anschlag - "Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit" - bewahrheitet sich. Selbst wenn Anders Behring Breivik im Gerichtssaal 250 detailreich das Massaker auf Utøya schildert.

Die Norweger verfolgen den größten Strafprozess in ihrem Land seit dem Zweiten Weltkrieg mit interessierter Gelassenheit. Breivik, oder auch "ABB", wie er von vielen genannt wird, bestimmte die Titelseiten der Zeitungen nur in den ersten beiden Tagen. Allerdings haben die Fernsehnachrichten, die Talkshows und die Onlineseiten des Landes auch am Ende der Woche kein wichtigeres Thema. Wobei es sich in den Medien vor allem um den Prozessverlauf, die Staatsanwältin Inga Bejer Engh und die Überlebenden dreht. Und auch wenn die Norweger in der Mittagspause zusammenstehen oder abends in der Kneipe beim Bier zusammensitzen - Stammtischparolen hört man selten, Offenheit und Demokratie sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Breivik bekommt nicht die Bühne, die er haben wollte.

Breivik ist kein Monster

"Er ist verhaftet, der Prozess hat begonnen, warum soll ich mich aufregen? Was er getan hat, kann niemand ungeschehen machen. Aber nun muss das Gericht entscheiden", sagt eine Passantin vor dem Gerichtsgebäude.

Dort steht auch Lars Inge Staveland. Der Onlineredakteur der "Aftenposten" beginnt bereits am frühen Morgen mit kurzen Livesendungen für den Netzauftritt der Zeitung, interviewt Psychologen, Vertreter der Angehörigen und fasst die Ereignisse aus dem Gerichtssaal zusammen. Mit 42 "Aftenposten"-Kollegen verfolgt er die erste Prozesswoche an Ort und Stelle. "Die Befragung von Breivik ist das Interessanteste. Wenn in der kommenden Woche Forensiker aussagen und es um technische Details geht, wird das Interesse weniger werden", sagt Staveland.

Twitterfeeds voller Grausamkeiten

Aber noch ist es hoch. Das kann auch Marius Tetlie, der Nachrichtenchef der Boulevardzeitung "Verdens Gang", bestätigen. Zehn Stunden hat sein Team am ersten Tag live aus dem Gericht für den Onlinekanal gesendet. Bis zu 60 Redakteure, Kameramänner und Techniker sind für "Verdens Gang" im Einsatz. 13 Redakteure haben seit der Tat ausschließlich an diesem Thema gearbeitet. Die Internetseite verbuchte neue Rekordzahlen, mehr als eine halbe Million Zuschauer hatte der TV-Kanal im Web allein am Montag. Dass die Medien aus den Attentaten Profit schlagen wollen, hört er seit neun Monaten. "Wir diskutieren viel darüber, wie wir berichten." Ginge es nach Tetlie, könnte man den gesamten Prozess live im Fernsehen und im Internet verfolgen. "Ich denke, jeder sollte sich sein eigenes Bild von Breivik machen können."

Auf Knopfdruck Breivik-frei

Ein eigenes Bild machen - das wollen erstaunlich viele Eltern, deren Kinder ermordet wurden, und noch mehr Jugendliche, die sich von der Insel retten konnten, aber Freunde verloren haben. In mehreren Gerichtssälen können Opfer und Angehörige den Prozess verfolgen, abgeschirmt von der Presse, betreut von Psychologen. Sie wollen ihn sehen, sie wollen ihn reden hören. Sie fordern eine freie, offene Gesellschaft, und das gestehen sie auch dem Mann zu, der sie töten wollte. "Die Erinnerungen kommen jetzt wieder hoch, Geräusche, Augenblicke. Dort wollte er mich töten und hätte es auch fast geschafft. Jetzt ist er entwaffnet und sitzt vor Gericht", sagt Bjørn Ihler. Er möchte hören, warum Breivik getötet hat, möchte hören, was hinter den Taten steht. Verstehen wird er den Massenmörder nie.

Aber genau das wollen viele Norweger. Bislang ist es eine Minderheit, die bei der Zeitung "Dagbladet" auf Knopfdruck die Website "Breivik-frei" schalten. Der 22.7. geht alle an, so wie 9/11 alle US-Bürger betroffen hat. Das Attentat war nicht auf ein Viertel, auf eine Stadt begrenzt. Weil die Jugendlichen im dem Feriencamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation "Arbeidernes Ungdomsfylkning" (AUF) aus dem ganzen Land kamen, ist ganz Norwegen betroffen. "Norwegen ist so klein", sagt Christin Bjelland, die zweite Vorsitzende der "Nasjonale Støttegruppen", der nationalen Selbsthilfegruppe, die von Eltern von Opfern und Verletzten gegründet wurde. "Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der betroffen ist."

Macht eure Hausaufgaben! Habt Spaß!

Und es sind vor allem die Hinterbliebenen und die Geretteten, die im Zentrum des Prozesses stehen sollen. Dass Breivik ein gerechtes und ordentliches Verfahren bekommt, davon gehen alle aus. Deshalb wandte sich der AUF-Vorsitzende Eskil Pedersen nach dem ersten Prozesstag an seine Parteifreunde mit dem Aufruf: "Geht zur Schule, macht eure Hausaufgaben, trefft eure Freunde, habt Spaß. Verfolgt nicht jedes Detail, sondern konzentriert euch auf das Gute."

Diesen Ratschlag scheinen viele Norweger intuitiv zu befolgen. Kurz nach 18 Uhr, die Osloer haben Feierabend, kreist ein Helikopter über der Innenstadt. Polizisten auf Motorrädern halten den Verkehr an, sperren Kreuzungen. Eskortiert von Polizeiautos fährt ein weißer Kastenwagen mit Schlitzen statt Fenstern durch die Stadt. Der Breivik-Transport ist auf dem Weg zurück ins Ila-Gefängnis. Jeden Tag wird er hin und her gefahren, jeden Tag auf einer anderen Route. Kaum einer der Passanten reagiert auf den Gefangenentransport.

In den kommenden neun Wochen wird er weiter täglich durch Oslo fahren. Polizisten werden aussagen, Jugendliche kommen in den Zeugenstand, die Gutachter werden ihre Berichte verteidigen. Zwischen dem 18. und 21. Juni werden die Plädoyers gehalten, spätestens am 20. Juli soll das Urteil gefällt werden. Zwei Tage vor dem Jahrestag - damit am 22. Juli 2012 nicht das Bild des Attentäters die Zeitungen dominieren wird.