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Orkan "Kyrill": Strandgut am Bahnhof

Das Orkantief "Kyrill" hat Reisende an den Bahnhöfen der Republik stranden lassen. Tausende Pendler richten sich auf eine ungemütliche Nacht in Wartesälen ein. Die Stimmung unter den Bahnbrüchigen ist indes eine Überraschung.

Von Monique Behrends, Hamburg

Es ist nasskalt in Hamburg und verdammt windig, nicht ungewöhnlich in der Hansestadt. Darum dürfte sich auch kam einer der tausenden Pendler und Geschäftsleute am Hamburger Hauptbahnhof Sorgen gemacht haben, heute vielleicht nicht mehr nach Hause zu kommen. Sie hatten nicht mit dem Orkantief "Kyrill" gerechnet. Der "Monster-Orkan" hat die Deutsche Bahn aus dem Gleis geworfen. Die Bahnleute sind dauerbeschäftigt mit Durchsagen der verspäteten und annullierten Züge. Gegen 19:00 geht nichts mehr. Der Fernverkehr ist eingestellt. Jeder bleibt wo er ist. Alle Züge Richtung Bremen, Berlin, Düsseldorf und Hannover sind gestrichen und das bedeutet, dass niemand mehr dorthin oder südlicher fährt.

Keinen der über Tausend wartenden Passagiere, scheint ihr Stranden auf dem ungemütlichen Hauptbahnhof zu ärgern. Die Masse aus nassen Windjacken und Mänteln und schaut fassungslos auf die Anzeigentafeln, auf denen gestrichene Züge zunächst vermeldet und dann ganz vom Brett gelöscht werden. Hier und da hört man ein verzweifeltes Lachen, aber ansonsten sind alle bemerkenswert ruhig. Die meisten Passagiere setzten sich hin, einige dösen, iPods werden eingestöpselt und Zeitschriften rausgekramt.

"Ich warte bis ein Zug fährt"

So mancher kauft sich sogar noch eine Fahrkarte. Mandy Schimank will nach Rostock, bisher sieht es für sie ganz gut aus. Ob sie denn keine Angst hat, den Fahrpreis für die Karte womöglich umsonst bezahlt zu haben? "Nee, ich habe ne Bahncard und außerdem bin ich versichert. Ich bekomme auf jeden Fall die Karte erstattet und wenn ich hier in einem Hotel übernachten muss, wird das auch übernommen. Ich warte einfach so lange bis wieder ein Zug fährt."

Diese Sicherheit haben nicht alle Passagiere. Jürgen Kleinpas geht davon aus, dass sich die Bahn auf höhere Gewalt beziehen wird, deswegen hofft er darauf, dass seine Firma die Hotelkosten übernimmt. Viel Vertrauen darin, heute noch aus Hamburg raus zu kommen, hat der Geschäftsmann nicht und große Lust, sich am Servicepoint für ein paar spärliche Informationen anzustellen auch nicht.

Diese Informationen sind ohnehin immer dieselben: Wetterchaos im ganzen Land, man soll auf Durchsagen warten. "Nur leider versteht man die gar nicht, und die Bahnleute am Gleis haben überhaupt keine Ahnung. Die starren auf ihre PDAs und bis die Info da ist, ist der nächste Zug weg", ärgert sich Susanne Boller. Sie muss nach Lübeck, weiß jedoch nicht genau, wie der Status ihrer Verbindung ist. Sie steht seit etwa zehn Minuten in der Schlange des Infoschalters und ist geschätzte ein Meter fünfzig vorangekommen. "Ist doch ein Ding, dass die nicht mehr Leute einsetzen. Das wurde doch schon seit Tagen in den Medien breit getreten, dass dieser Sturm kommt und dann so ein Chaos." Dennoch nimmt sie die Sache gelassen. "Zur Not kann ich bei meiner Freundin schlafen, die wohnt hier in Hamburg."

Ungemütliche Nacht am Bahnhof

So viel Glück hat René Sülzenbrück aus Berlin nicht. Er hat sich extra Urlaub genommen, um heute schon nach Hause fahren zu können. Der Bundeswehrsoldat richtet sich auf eine ungemütliche Nacht am Bahnhof ein. Ins Hotel zu gehen, erwägt er nicht. "Das bezahlt die Bahn ja doch nicht."

Die Gleise sind mittlerweile verwaist, wo sonst ein Zug nach dem anderen auf das Abfahrtssignal wartet, findet man gähnende, kilometerlange Leere. Nur noch wenige Hoffnungsvolle oder ganz Verzweifelte, so genau kann man das nicht erkennen, harren an den Bahnsteigen aus. Galgenhumor macht sich breit: "Man hätte doch auf den gefährdeten Strecken die Baume fällen können", schallt es da aus einer Ecke.

Es bleibt nichts anderes übrig, die Leute suchen sich frustriert mehr oder weniger lauschige Plätzchen in den VIP-Bereichen oder lenken sich in der Shopping Meile des Hauptbahnhofs ab. Der Food Court hat allerdings nicht gerade viel zu tun. Wahrscheinlich ist den meisten Leuten der Appetit vergangen.