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Jahrestag des Amoklaufs: Lehrer berichtete, wie er das Santa-Fe-Massaker überlebte - doch seine Geschichte stimmt nicht

Zehn Menschen starben beim Amoklauf an einer Highschool in Santa Fe, Texas, vor einem Jahr. Aussagen des Aushilfslehrers David Briscoe gingen damals durch die Medien. Nun ergaben neue Recherchen: Seine Geschichte kann nicht stimmen.

Trauernde vor der Santa Fe High School

Trauernde versammeln sich vor der Santa Fe High School in Texas. Bei einem Amoklauf wurden dort im Mai 2018 zehn Menschen getötet.

Getty Images / AFP

18. Mai 2018. Die Highschool in der texanischen Kleinstadt Santa Fe ereilt der Albtraum eines Amoklaufs; eines der zahllosen Shootings, die in den USA trauriger Alltag sind. Ein 17-Jähriger eröffnet im Kunstraum der Schule das Feuer. Zehn Menschen tötet er, 13 weitere werden verletzt (Der stern berichtete). "Überraschung" soll der Täter noch gerufen haben, bevor er zu schießen begann. Später wird er nach einem Schusswechsel festgenommen, gibt zu Protokoll, er habe auch sich selbst erschießen wollen. Einer der wichtigsten Zeugen damals: David Briscoe. Die Social-Media-Postings des Aushilfslehrers klangen atemlos, der Mann war offenbar ganz nah dran. Seine Geschichten gingen durch die US-Medien. Doch nun ergaben Recherchen einer texanischen Webseite: Seine Geschichte kann nicht wahr sein.

David Briscoe - ein Zeuge für die Jahrestage

Vor einem Jahr jedoch hatte niemand Zweifel. Laut "Time" unterrichtete Briscoe unglücklicherweise just an der Santa Fe High, als sich der Amoklauf ereignete. CNN erzählte er, wie er heroisch seinen Schülern befahl, sich zu verstecken, und wie er sie beschützte bis die Polizei eintraf. Im "Wall Street Journal" stand zu lesen, wie er die schlimmen Schreie von Schülern und Schülerinnen in den Fluren hörte. David Briscoe war überall zu lesen. Und seine Erzählungen machten ihn zu einem Zeugen, den man wieder anspricht, wenn man zum Jahrestag an die schlimmen Ereignisse erinnern will.

Genau das tat der "Texas Tribune" - eine gemeinnützige Medienorganisation, die bürgerliches Engagement durch erklärenden Journalismus und öffentliche Veranstaltungen fördern will. Für einen Bericht für die "Tribune"-Webseite machte die Redaktion David Briscoe ausfindig, der seine Geschichte gerne noch einmal erzählte. "Sehr, sehr laut" seien die ersten Schüsse durch das Gebäude gehallt. Er habe gleich reagiert und seine Englisch-Schüler dazu gedrängt, die Hände vor den Mund zu pressen, um Schreckensschreie zu dämmen - damit der Amokläufer nicht auf sie aufmerksam werden könne. Er habe die Türen verbarrikadiert und das Licht gelöscht. 

David Briscoe? "Wir haben keine Aussage"

Und schließlich soll er in dem Interview emotional geworden sein. Niemals wieder könne er an die Schule zurückkehren, beteuerte der Mann laut dem Bericht. "Nur zu wissen, dass Blut an den Wänden klebt, an denen man vorbeigeht ... ich glaube nicht, dass ich zurückgehen könnte." Ohnehin habe er das Unterrichten aufgegeben und sei nach Florida umgezogen, rund drei Monate, nachdem er den Job an der Santa Fe High angenommen hatte, berichtete er dem "Texas Tribune".

Doch weitere Recherchen der "Tribune"-Redaktion zu dem Geschehen vor einem Jahr ließen erhebliche Zweifel an den Erzählungen Briscoes aufkommen, heißt es weiter. Ein Ermittler der Galveston County-Polizei sagte der Webseite: "Alles, was ich sagen kann ist, dass wir keine Aussage von einem Briscoe haben". Und: Dass der angebliche Zeuge berichte, die Schüsse seien "sehr, sehr laut" gewesen, passe nicht recht. "Wenn er irgendwo anders im Gebäude war als im fraglichen Korridor, wird er kaum etwas anderes gehört haben als den Feueralarm." Den habe ein Lehrer ausgelöst, um die gesamte Schule zu warnen. Die Schüsse hätten sich in den Kunsträumen ereignet, die Englisch-Klassen seien in einem anderen Teil des Schulgebäudes.

Die Frage nach dem Warum

Mehr noch: Eine Sprecherin des für die Santa Fe High zuständigen Schulbezirks teilte dem "Tribune" mit, dass dort kein David Briscoe bekannt sei. Und vor allem: Die Schulverwaltung sei ganz sicher, dass sich niemand dieses Namens am Tag des Massakers auf dem Schulcampus aufgehalten hat. Auch einige Überlebende, die von der Redaktion kontaktiert wurden, hätten ausgesagt, dass sie keinen David Briscoe kennen. Ebenso habe ein Sprecher der Colonial High School in Orlando, Florida, auf Anfrage gesagt, dass - anders als zuvor behauptet - kein David Briscoe in ihrer Schule eine Rede gehalten habe, um über seine Erfahrungen aus Santa Fe zu berichten. Letztlich gab es keinen Zweifel mehr: Einen David Briscoe hat es an der Santa Fe High nie gegeben, seine Geschichten sind samt und sonders frei erfunden und: "Ich habe nie in Texas gelebt", wie der angebliche Briscoe dem "Tribune" noch zu Protokoll gegeben haben soll, ehe er bestritt, je mit der Redaktion gesprochen zu haben (das sei ein Mitglied seines Teams gewesen) und schließlich alle Kontaktewege kappte.

Bleibt die Frage: Warum hat der Mann, der sich David Briscoe nannte, das gemacht? Warum hat er sich über die sozialen Medien als Zeuge des Massakers angeboten und die Medien getäuscht? Aus Geltungsbedürfnis? In der Hoffnung, für seine Geschichten Geld einzustreichen? Und wie konnte das überhaupt passieren? Wie konnte der Fake über ein Jahr lang unentdeckt bleiben? Die Fragen bleiben bisher unbeantwortet. "Der Vorfall zeigt, wie leicht Fehlinformationen erzeugt und verbreitet werden können, insbesondere wenn es während laufender Untersuchungen nur wenige Detailinformationen gibt", gab Leigh Wall, Chef der Schulbehörde, gegenüber dem "Tribune" zu bedenken. Alle Medien, die David Briscoes Geschichten veröffentlicht hatten, haben die Passagen, die sich auf den falschen Zeugen beziehen, angeblich gelöscht, nachdem der "Texas Tribune" die Redaktionen informiert hatte. "Wir entschuldigen uns bei unseren Lesern für diese Falschinformation", zitiert der "Tribune" einen Sprecher des "Wall Street Journals". 

"Es ist krank und es ist traurig"

"Ich weiß nicht, was Menschen dazu treibt, eine solche Tragödie auszunutzen", sagte John Bridges, leitender Redakteur des "Austin American-Statesman", dem Autor der "Tribune"-Story. "Es ist krank und es ist traurig." In den Wirren eines solchen Geschehens seien Reporter häufig mit Problemen konfrontiert. "Leider versuchen einige Leute, eine solche Situation auszunutzen und Reporter zu täuschen." Gegenüber dem "Texas Tribune" beteuerten alle Medien, die David Briscoe aufgesessen sind, dass sie Vorkehrungen treffen wollen, dass so etwas nicht wieder passieren kann.

Eine Überwachungskamera filmt die Situation in einem Schultreppenhaus, nachdem ein Lehrer dort Munition fand, die er selbst platziert hatte.

Quelle: "The Texas Tribune", "The Hill"

dho