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Santiago de Compostela: Pilgerstadt beweint Opfer der Zugkatastrophe

"Hoffentlich sind sie im Himmel": In Santiago de Compostela trauern die geschockten Menschen um die Toten des Zugunglücks. Statt des anstehenden Jakobsfestes feiern sie einen Gedenkgottesdienst.

Vor den umgestürzten und ineinander verkeilten Zugwaggons, die sich meterhoch auftürmen, liegen die Leichen in einer langen Reihe. Nur notdürftig mit Decken und Handtüchern abgedeckt. "Ich hörte ein Geräusch wie einen Donnerschlag", erinnert sich María Teresa Ramos. "Leute haben geschrien. Ich sah den Zug auf der Seite liegen. Niemand hier hat je so eine Katastrophe gesehen." Die 62-Jährige ist noch Stunden nach dem verheerenden Zugunglück kurz vor der spanischen Pilgerstadt Santiago de Compostela völlig erschüttert.

In ihrem Vorgarten sitzend beobachtet Ramos am Donnerstag die Rettungskräfte, die mit zwei riesigen weißen Kränen versuchen, die zerstörten Waggons zu bergen. Ramos und ihre Freunde waren am Mittwochabend mit Decken und Handtüchern zu der Unfallstelle direkt vor ihrer Haustür gerannt, um die Opfer zu versorgen.

Ihr Nachbar Martín Rozas half, Verletzte aus den Wracks zu ziehen und Decken über die Toten zu legen. Der 39-jährige Francisco Otero berichtet, Nachbarn hätten mit Spitzhacken, Vorschlaghämmern und Handsägen versucht, Menschen aus dem Zug zu befreien, noch bevor die Rettungskräfte eintrafen. "Das war alles so unwirklich." Er sei eine Minute nach dem Unfall vor Ort gewesen: "Das erste, was ich gesehen habe, war die Leiche einer Frau." Eine bedrückende Stille und "ein bisschen Rauch" habe über der Unglücksstelle gelegen.

Waggon schleuderte auf die Straße vor den Häusern

Bei dem schwersten Zugunglück in Spanien seit 1944 wurden nach Angaben der Regionalbehörden mindestens 80 Menschen getötet und 178 verletzt. mehr als 30 von ihnen befinden sich in einem kritischen Zustand. Ob unter den Opfern auch Ausländer sind, steht noch nicht fest. Die Gerichtsmediziner wiesen darauf hin, dass die Identifizierung der Toten einige Zeit in Anspruch nehmen werde.

Die Katastrophe ereignete sich just am Vorabend des großen Jakobsfestes, das jedes Jahr am 25. Juli in der weltberühmten Pilgerstadt gefeiert wird. Auch die Menschen in dem Viertel, das an die Unglücksstelle rund vier Kilometer vor dem Bahnhof von Santiago angrenzt, waren schon in Feststimmung. Bis um 20.42 Uhr direkt vor ihrer Haustür der Hochgeschwindigkeitszug aus Madrid entgleiste. Einen Waggon schleuderte es sogar über die fünf Meter hohe Mauer am Bahndamm hoch auf die Straße vor den angrenzenden Häusern.

"Hoffentlich sind sie im Himmel"

Die Weltkulturerbestadt Santiago, in der der Jakobsweg für katholische Pilger endet, sagte das Fest zu Ehren ihres Heiligen umgehend ab. Stattdessen wurde in der Kathedrale ein Trauergottesdienst für die Opfer vom Vorabend abgehalten. Mehrere hundert Gläubige versammelten sich in dem ehrwürdigen Gotteshaus, um der etwa zweistündigen Messe beizuwohnen, bei der Erzbischof Julian Barrio für das Seelenheil der 78 Toten betete.

"Hoffentlich sind sie im Himmel und genießen ewigen Frieden", sagte der 38-jährige José Luiz Perez aus dem südspanischen Córdoba. Er habe gehört, dass in dem Unglückszug, der bei der Einfahrt in den Ort entgleiste, viele junge Leute gewesen seien, die am Jakobsfest teilnehmen wollten. "Sie haben ihr Leben unter tragischen Umständen eingebüßt und werden bald beim Herrn sein."

Normalerweise drängen sich Menschenmassen beim traditionellen Jakobsfest in den engen Gassen der Altstadt rund um die imposante Kathedrale. In ganz Galicien, der nordwestspanischen Region, deren Hauptstadt Santiago ist, wurden nun offiziell sieben Tage Trauer ausgerufen. Für Spanien drei Trauertage.

"Ich bin 190 Stundenkilometer gefahren"

Schwer erträglich macht die Katastrophe auch der Umstand, dass offenbar menschliches Versagen die Ursache war: Der Zug fuhr in der gefährlichen Kurve, in der eine Höchstgeschindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde gilt, vermutlich mehr als doppelt so schnell. "Ich bin 190 (Stundenkilometer) gefahren!", rief der Lokführer kurz nach dem Unfall. Per Funk gab er nach Angaben der spanischen Zeitung "El País" durch: "Ich hoffe, niemand ist tot, sonst wird das ewig mein Gewissen belasten."

Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt. Die staatliche Bahngesellschaft Renfe schloss ein technisches Versagen am Zug bereits aus. Sie warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Renfe-Präsident Julio Gómez-Pomar erklärte, der Unglückszug sei am Morgen vor dem Unfall inspiziert worden. Er bezeichnete den Lokführer als erfahren und wies darauf hin, dass der 52-Jährige seit mehr als einem Jahr auf der Unglücksstrecke im Dienst gewesen sei. Warum er den Zug vor der Kurve dennoch nicht rechtzeitig abbremste und deutlich zu schnell fuhr, müssen nun Experten klären.

mad/dpa/Roland Lloyd Parry/AFP