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Katastrophe von Santiago de Compostela: Video zeigt Entgleisen des Zugs

Nach Angaben der staatlichen Bahngesellschaft Renfe hat es bei dem Unglückszug in Spanien kein technisches Problem gegeben. Bilder einer Sicherheitskamera haben die Katastrophe aufgezeichnet.

An dem in Spanien entgleisten Schnellzug hat es nach Angaben der staatlichen Bahngesellschaft Renfe "kein technisches Problem" gegeben. Der am Mittwochabend kurz vor Santiago de Compostela verunglückte Zug sei noch am selben Morgen einer technischen Inspektion unterzogen worden, sagte Renfe-Präsident Julio Gómez-Pomar Rodríguez am Donnerstag dem privaten Radiosender Cadena Cope.

Eine Sicherheitskamera hat offenbar den Ablauf der Katastrophe dokumentiert. Das Videomaterial wird über Youtube verbreitet. Es zeigt, wie der Unglückszug mit hohem Tempo in die Kurve schießt und schließlich aus den Gleisen springt. Bei der Katastrophe kamen mindestens 80 Menschen ums Leben. Mindestens 178 Menschen wurden verletzt, 36 von ihnen befanden sich am Donnerstag noch in kritischem Zustand.

Lokführer: "Hoffentlich ist niemand tot ..."

Am Tag nach der Katastrophe deutete alles darauf hin, dass der Zug vom Typ Alvia mit maßlos überhöhtem Tempo in die gefürchtete A-Grandeira-Kurve etwa vier Kilometer südlich vom Stadtzentrum raste. Allerdings gab es keine Angaben über die Ursache für die hohe Geschwindigkeit, die der Lokführer laut einem Zeitungsbericht in einem Funkspruch mit 190 Stundenkilometern angab. Erlaubt ist an dieser Stelle höchstens Tempo 80. Die Tageszeitung "El País" berichtete unter Berufung auf Ermittlerkreise, der Lokführer habe hinzugefügt: "Ich hoffe, niemand ist tot, sonst wird das ewig mein Gewissen belasten."

Am Unglücksort spielten sich grauenhafte Szenen ab. Leichen und Leichenteile lagen auf den Gleisen. Die Anwohner hörten die Schreie von Überlebenden. Mehrere Zeugen sprachen von einer "Explosion wie ein Donnerschlag", durch die sie zuerst auf das Unglück aufmerksam wurden. Nach den jüngsten Angaben der Bahngesellschaft befanden sich 218 Reisende und 29 Mitarbeiter in dem Zug. Nahezu alle Überlebenden erlitten Verletzungen.

Trauergottesdienst ersetzt das Jakobsfest

Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy besuchte am Donnerstag den Unglücksort. Rajoy, der selbst aus Santiago de Compostela stammt, sprach mit Rettungskräften, die weiter mit Bergungsarbeiten beschäftigt waren. Anschließend wollte Rajoy mit Verletzten im Krankenhaus sprechen. Die Region Galizien rief eine siebentägige Trauer für die Opfer aus, Rajoy ordnete eine landsweite Trauer von drei Tagen an. König Juan Carlos und der Thronfolger Felipe sagten am Donnerstag alle offiziellen Termine ab, wie der Königspalast mitteilte.

Statt der abgesagten alljährlichen Feiern zum Jakobsfest ist in der Kathedrale von Santiago ein Trauergottesdienst abgehalten worden. Mehrere hundert Gläubige versammelten sich in dem ehrwürdigen Gotteshaus, um der etwa zweistündigen Messe beizuwohnen, bei der Erzbischof Julian Barrio für das Seelenheil der Toten betete. "Hoffentlich sind sie im Himmel und genießen ewigen Frieden", sagte ein 38-jähriger Teilnehmer aus dem südspanischen Córdoba. Unter den Opfern seien viele junge Leute gewesen, die wegen des Jakobsfestes nach Compostela gekommen seien. "Sie haben ihr Leben unter tragischen Umständen eingebüßt und werden bald beim Herrn sein."

Gleiches Zugleitsystem wie in Deutschland

Papst Franziskus rief von Brasilien aus, wo er sich anlässlich des Weltjugendtages aufhält, zum Gebet für die Opfer auf. Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel äußerten Bestürzung und Anteilnahme.

Der Vorstand der Deutschen Bahn gedachte der Opfer des Unglücks in einer Schweigeminute. Bahnchef Rüdiger Grube sagte zu Beginn einer Pressekonferenz zur Halbjahresbilanz des Unternehmens: "Wir sind in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen." Die Bahn werde ihren Kollegen in Spanien jede Unterstützung "in jener schweren Zeit" anbieten.

Infrastruktur-Vorstand Volker Kefer sagte, zur Einschätzung der Ursache habe die Bahn "nicht genügend Informationen, um uns eine Meinung bilden zu können". Grundsätzlich werde in Spanien wie auch in Deutschland auf Schnellstrecken das Zugleitsystem ERTMS benutzt. Er wisse aber nicht, "welche Version in Spanien im Einsatz ist". Dies sei wichtig, um beurteilen zu können, wie es zu dem Unglück kommen konnte.

dho/AFP/DPA / DPA