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Schweres Zugunglück in Frankreich Eine defekte Weiche war schuld


Schon kurz nach dem schweren Zugunglück in Brétigny finden Experten die vermutliche Ursache: ein defektes Weichenteil. Der Lokführer hatte geistesgegenwärtig gehandelt und Schlimmeres verhindert.

Das schwere Zugunglück in Brétigny-sur-Orge ist vermutlich durch ein gebrochenes Weichenteil verursacht worden. Dies teilte die Eisenbahngesellschaft SNCF am Samstag mit. Das defekte Gleisstück befinde sich normalerweise in der Weiche und diene als eine Art Klemme zwischen zwei Gleisen. Ersten Ermittlungen zufolge sei das Teil am Unglücksort gebrochen und aus seiner Halterung gesprungen. Die SNCF will nun nach eigenen Angaben auf ihrem gesamten Schienennetz in allen Weichen das betroffene Teil überprüfen.

Das schwerste Zugunglück in Frankreich seit 25 Jahren hatte sich am späten Freitagnachmittag wenige Kilometer außerhalb von Paris auf dem Weg ins 400 Kilometer südlich liegende Limoge ereignet, als der Intercity mit 385 Passagieren am Bahnhof von Brétigny-sur-Orge im Département Essonne entgleiste. Bei dem Unglück starben mindestens sechs Menschen. Weitere 30 Menschen wurden verletzt, acht von ihnen schwer.

Rettungskräfte suchten am Samstag die verkeilten Waggons nach möglichen Überlebenden und weiteren Opfern ab. Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich bestürzt über die Nachrichten zu dem "furchtbaren Zugunglück". "Unser tief empfundenes Mitgefühl ist mit den Angehörigen und Familien der Opfer. Ich wünsche den vielen Verletzten baldige Genesung", sasgte er. Samstagmittag sollte es in allen französischen Bahnhöfen und Zügen eine Schweigeminute geben. Verkehrsminister Frédéric Cuvillier wollte am Pariser Bahnhof Gare de Lyon der Opfer gedenken.

Nach Angaben der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF entgleiste der Zug 200 Meter vor der Bahnhofseinfahrt auf Höhe einer Weiche. Kurz vor dem Unglück hatte ein anderer Zug dieselbe Stelle problemlos passiert.

Laut einem Polizisten fuhr der Intercity "mit großer Geschwindigkeit" in den Bahnhof ein, als er in zwei Teile gerissen wurde. Ein Teil des Zugs sei weitergefahren, der zweite Teil mitsamt den Passagieren auf den Bahnsteig gerast und dort umgestürzt. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass noch hunderte Meter weiter Trümmerteile in der Ortschaft verstreut lagen. Überhöhte Geschwindigkeit als Unglücksursache schloss das Verkehrsministerium dennoch aus: Der Zug war sogar 13 km/h langsamer unterwegs, als er hätte sein dürfen.

Lokführer stoppte den Zugverkehr auf der Strecke

Dass sich keine noch größere Katastrophe ereignete, war laut SNCF wohl allein dem Lokomotivführer zu verdanken: Als er das erste Holpern des Zuges bemerkte, habe der Mann rasch alle Warnsysteme aktiviert und dadurch den Schienenverkehr in der Gegend gestoppt. Pepy zufolge verhinderte er damit einen Frontalzusammenstoß mit einem entgegenkommenden Zug. Doch auch so bezifferte Regierungschef Jean-Marc Ayrault die vorläufige Opferbilanz auf sechs Tote und 30 Verletzte, darunter acht Schwerverletzte. Kinder waren einem Sanitäter zufolge nicht unter den Leichen.

Brétignys Bürgermeister Bernard Decaux sprach von einem "apokalyptischen Anblick". Ein Zugpassagier sagte, als er sich aus dem Waggon befreit habe, habe er über "eine Person steigen müssen, deren Kopf abgerissen war". Ein zufällig am Bahnsteig stehender Augenzeuge konnte den Anblick der eingeklemmten Opfer nur schwer ertragen. "Ich habe gezittert wie ein Kind. Menschen haben geschrien, ein Mann war über und über mit Blut bedeckt", sagte er. "Es war wie in einem Kriegsgebiet."

Frankreichs Präsident François Hollande begab sich noch am Abend zur Unglücksstelle, an der rund 300 Feuerwehrleute, 20 Ärzteteams und acht Rettungshubschrauber im Einsatz waren. Hollande zufolge dürfte die Identifizierung der Opfer noch "sehr lange" dauern. Das Unglück von Brétigny-sur-Orge ist die größte Zugkatastrophe in Frankreich seit 1988. Bei einem Unglück im Pariser Bahnhof Gare de Lyon waren damals 56 Menschen ums Leben gekommen.

brü/AFP/dpa

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