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Jahreswechsel: Zwei Böller-Tote und ein angeschossenes Mädchen – Bilanz einer Silvesternacht

Silvester in Deutschland verlief in weiten Teilen friedlich. Es gab allerdings auch tragische und sogar tödliche Unfälle. Und mehrere Frauen wurden Opfer sexueller Übergriffe. Ein Überblick.

Die Silvesternacht ist in Deutschland nach einer ersten Bilanz weitgehend friedlich verlaufen – dennoch gab es mehrere tragische Unfälle und auch einige sexuelle Übergriffe auf Frauen.

Zwei schlimme Unglücke ereigneten sich laut einem Bericht der "Märkischen Allgemeinen" in Brandenburg, wo nach Polizeiangaben zwei Männer beim Böllern starben. So sei im Landkreis Märkisch-Oderland ein 35-Jähriger zu Tode gekommen, nachdem er einen Böller gezündet hatte, der direkt vor seinem Körper explodierte. Der Mann, der ein Feuerwerk in seinem Garten abgefeuert hatte, starb noch am Unfallort. 

In Kleinmachnow steckte ein 19-Jähriger einen Feierwerkskörper an, der vor dem Gesicht des jungen Mannes explodierte. Auch für ihn kam jede Hilfe zu spät, er starb an der Unfallstelle. Nach Angaben der Polizei handelte es sich um einen selbstgebastelten Böller.

Mädchen in Salzgitter erleidet Schussverletzung

In Salzgitter wurde in der Silvesternacht ein zwölfjähriges Mädchen angeschossen. Wie die Polizei in der niedersächsischen Stadt am Montag mitteilte, wurde das Mädchen gegen Mitternacht von einem Projektil aus einer Schusswaffe im Oberkörper getroffen und musste in einem Krankenhaus notoperiert werden. Die Zwölfjährige befindet sich demnach aber nicht in Lebensgefahr.

Bei einer Spurensuche am Tatort entdeckten Einsatzkräfte später Patronenhülsen, die auf eine mögliche Tatwaffe hindeuten könnten. Die Polizei leitete ein Ermittlungsverfahren wegen eines versuchten Tötungsdeliktes ein und nahm nach Zeugenaussagen drei Verdächtige fest. Ihre Beteiligung stand der Polizei zufolge jedoch noch nicht abschließend fest. Die Ermittlungen dauern an.

Mehrere sexuelle Übergriffe auf Frauen

Vor den Silvesterfeierlichkeiten gab es zudem Befürchtungen, dass es bei öffentlichen Feiern in Großstädten wieder zu sexuellen Übergriffen auf Frauen kommen könnte. Nach Angaben der  gab es zum Jahreswechsel wieder mehrere solcher Vorfälle. Ein Polizeisprecher in Köln sagte am Montagmorgen, neun Frauen hätten angegeben, unsittlich angefasst worden zu sein. Drei Tatverdächtige seien identifiziert worden. Szenen wie in der berüchtigten Kölner vor zwei Jahren habe es nicht gegeben. So habe es nirgends Zusammenrottungen von mehreren hundert Menschen gegeben.


Seit dem Silvester vor zwei Jahren in Köln geht die Angst vor Übergriffen um

Am  von 2015 auf 2016 waren in Köln zahlreiche Frauen von Männergruppen sexuell bedrängt und bestohlen worden. Unter den Beschuldigten waren viele Nordafrikaner und Flüchtlinge. 

Bei der großen Silvesterparty auf der Festmeile am  in Berlin, auf der laut Veranstalter mehrere Hunderttausend Menschen feierten, gab es nach Polizeiangaben vom Montagmorgen insgesamt zehn Fälle von sexueller Belästigung. Sieben Personen seien in Gewahrsam genommen worden. Erstmals gab es auf der Festmeile in einem Zelt des Deutschen Roten Kreuzes einen Anlaufpunkt und Rückzugsbereich für sexuell belästigte Frauen. In dieser "Safety Area" standen für Krisen geschulte DRK-Helfer bereit.

Im vergangenen Jahr waren nach Angaben der Polizei nach der Silvesterfeier am Brandenburger Tor bis zum 9. Januar insgesamt 23 Anzeigen wegen sexueller Belästigung oder Beleidigung auf sexueller Grundlage erstattet worden. Erfahrungsgemäß werden solche Delikte auch manchmal erst Tage nach der Tat angezeigt.

Nur wenige Frauen feiern in Hamburg auf der Reeperbahn

In Hamburg war die Polizei auch in diesem Jahr mit Absperrgittern, zusätzlicher Straßenbeleuchtung und Videoüberwachung vertreten. In der Silvesternacht waren laut Polizei verhältnismäßig wenige Frauen und viele mit  augenscheinlichem Migrationshintergrund auf der Reeperbahn unterwegs. Die Zahl der gemeldeten sexuellen Übergriffe bewege sich in einem "sehr geringen Maß", sagte ein Polizeisprecher am Montagmorgen. Genaue Zahlen lagen zunächst nicht vor.

In München sei "gar nichts" Derartiges gemeldet worden, sagte ein Polizeisprecher am Montagmorgen. Allerdings sei es für eine seriöse Bilanz auch noch viel zu früh, schob er nach.


Schwerer Unfall mit Polen-Böller in Triptis

Im Laufe des Montags häuften sich Meldungen über Verletzte.  So erlitt ein 14-jähriges Mädchen im thüringischen Triptis durch einen explodierenden Böller schwere Augenverletzungen. Der Feuerwerkskörper war in der Silvesternacht von einer unbekannten Person in die Menschengruppe geworfen worden, in der das Mädchen stand, wie ein Polizeisprecher am frühen Montagmorgen sagte. Die Wucht der Explosion habe ihr die Brille "weggesprengt". Ihr Augenlicht sei gefährdet. Ein gleichaltriger Junge wurde an Gesicht und Hand verletzt. Die beiden Jugendlichen kamen in ein Krankenhaus. 

Bei dem Sprengkörper soll es sich ersten Ermittlungen zufolge um einen sogenannten Polen-Böller handeln, wie ein Polizeisprecher sagte. Die Kriminalpolizei ermittelt. Als Polen-Böller werden umgangssprachlich Knallkörper bezeichnet, die in Deutschland nicht zugelassen sind. 

Junger Mann verliert vier Finger beim Böllern

In Simmern in Rheinland-Pfalz verlor ein 21-jähriger vier Finger der rechten Hand, als ein Polen-Böller beim Entzünden explodierte. Die Gliedmaßen wurden "unauffindbar in der Peripherie verstreut", wie die Polizei berichtete. Zwei Glieder seines Zeigefingers verlor ein 25-Jähriger im baden-württembergischen Filderstadt-Plattenhardt beim Abbrennen eines "nicht definierbaren Böllers".

In Flecken Zechlin im Norden Brandenburgs wurde ein 11-jähriges Kind durch einen Feuerwerkskörper schwer im Gesicht verletzt. Der Junge werde derzeit in einer Spezialklinik behandelt, hieß es am Montag. Er habe kurz nach Mitternacht mit seinen Eltern auf der Straße gestanden, um das Feuerwerk zu sehen, teilte die Polizei mit. Unbekannte hätten einen Böller in die Gruppe geworfen, der vor dem Jungen detoniert sei.

In Gelsenkirchen fuhr  ein betrunkener Autofahrer in der Silvesternacht in Gelsenkirchen einen Mann an, der ein Kind auf dem Arm hielt. Der 42-Jährige und das drei Jahre alte Kind wurden schwer verletzt und kamen ins Krankenhaus. Nach Angaben der Polizei hatten sie am Fahrbahnrand gestanden und das Feuerwerk beobachtet, als sie von dem Auto erfasst wurden. Zeugenaussagen zufolge soll der Wagen zu schnell unterwegs gewesen sein, heißt es in einer Mitteilung. Die Polizei ordnete bei dem 28 Jahre alten Fahrer eine Blutprobe an und stellte seinen Führerschein sicher.

Ausschreitungen in Leipzig in der Silvesternacht

In Leipzig bewarfen Randalierer in der Silvesternacht Polizisten mit Böllern und Steinen. Über Lautsprecher hätten die Beamten die Angreifer verwarnt, teilte die Polizei am Neujahrsmorgen mit. Da sich diese weiterhin widersetzt hätten, habe die Polizei Wasserwerfer eingesetzt. Mehrere Personen wurden wegen schweren Landfriedensbruchs in Gewahrsam genommen. Die Polizei ermittelt.

Bis Mitternacht hatten sich den Angaben zufolge etwa 1000 Menschen im Bereich des Connewitzer Kreuzes versammelt. Nachdem dort mehrere Mülltonnen und verschiedene Gegenstände angezündet worden seien, sei die Polizei mit Wasserwerfern angerückt, um die Brände zu löschen. 40 bis 50 Personen hätten daraufhin Flaschen, Steine und Böller gegen die Fahrzeuge und die eingesetzten Polizisten geworfen.

Viele Verletzte im Unfallkrankenhaus Berlin

Im Unfallkrankenhaus Berlin wurden etliche Menschen nach Unfällen mit Feuerwerk und Böllern behandelt. In der Silvesternacht seien bis 7 Uhr am Montagmorgen 21 Verletzte gezählt worden, teilte das Krankenhaus am Morgen über Twitter mit. Das Team der Handchirurgie sei durchgehend in drei Operationssälen beschäftigt gewesen. Mindestens fünf Patienten hätten schwere Amputationsverletzungen erlitten.


Ebenfalls in Berlin wurde die Besatzung eines Rettungswagens der Feuerwehr am Neujahrsmorgen von Unbekannten mit Schusswaffen bedroht. Der Vorfall ereignete sich in Berlin-Mitte. Die Feuerwehrleute hätten die Polizei alarmiert, diese habe zwei scharfe Schusswaffen sichergestellt, teilte die Feuerwehr mit. Weitere Informationen gab es zunächst nicht.

Bei einem Vorfall im Stadtteil Lichtenrade wurde ein Feuerwehrmann bei einem Einsatz durch einen Faustschlag ins Gesicht verletzt, in Charlottenburg erlitt ein weiterer Kollege Verletzungen durch einen Feuerwerkskörper. Die Feuerwehr nannte am Morgen die Zahl von acht Angriffen auf Einsatzkräfte und 57 Angriffen auf Einsatzfahrzeuge mit erheblichen Sachschäden. Dies mache "sehr nachdenklich und betroffen": "Unseren Kollegen, die heute Nacht verletzt worden sind, wünschen wir baldige Genesung."

In Weiden in der Oberpfalz  wurden bei einer Verpuffung beim Silvester-Fondue mehrere Menschen verletzt - zwei von ihnen schwer. Fünf Mitglieder einer Familie und ein Gast saßen am Sonntagabend in einem Mehrfamilienhaus in Weiden zusammen, als es zu der Verpuffung und einer Stichflamme kam.

Eine 50-Jährige und ein 22-Jähriger erlitten schwere Verbrennungen und wurden mit Rettungshubschraubern in Kliniken nach München und Nürnberg geflogen, wie die Polizei mitteilte. Auch eine 53-Jährige wurde bei dem Unfall verletzt: Sie hatte in der Küchenspüle den Heizbehälter des Fondues mit Spiritus nachfüllen wollen und löste dabei die Verpuffung aus.

Haus in Selm nach Feuer unbewohnbar

Bei einem Feuer im westfälischen Selm wurde eine vierköpfige Familie verletzt. Vermutlich sei eine Silvesterrakete durch das geöffnete Fenster ins Schlafzimmer der Leute geflogen und habe den Brand verursacht, teilte die Polizei mit. Die Mutter sei mit den beiden Kindern ins Freie geflohen, während der Vater vergeblich versucht habe, das Feuer selbst zu löschen. Als die Feuerwehr eintraf, stand das Zimmer jedoch voll in Flammen. Alle vier Familienmitglieder atmeten Rauchgase ein und kamen deswegen in Krankenhäuser. Das Haus wurde so stark beschädigt, dass es zunächst nicht mehr bewohnbar ist.

Tote Frau und Randale in Bremen 

In Bremen soll ein 27-Jähriger seine Ehefrau in Bremen in der Silvesternacht getötet haben. Nachbarn hatten Hilfeschreie einer Frau gehört und die Polizei gerufen. Die Beamten fanden eine 27-Jährige auf der Straße liegend, die nach ersten Erkenntnissen Stichverletzungen aufwies. Sie starb kurz darauf. Die Polizisten konnten ihren Ehemann in der Nähe festnehmen.

Etwa 50 Randalierer beschossen in der Hansestadt in der Silvesternacht Bahnmitarbeiter und Polizisten mit Raketen und bewarfen sie mit Böllern. Ein Beamter sei am Oberschenkel verletzt worden, habe aber weiterarbeiten können, sagte ein Polizeisprecher. Der Vorfall ereignete sich auf dem Bahnhofsvorplatz. Einsatzkräfte nahmen mehrere Männer vorläufig fest und erteilten Platzverweise.

Auch im Bremer Szeneviertel Steintor kippte ab Mitternacht die Stimmung: Raketen und Böller flogen auf Polizisten. Mehrere Beteiligte erhielten Strafanzeigen. Insgesamt sprach die Polizei von einem arbeitsreichen Jahreswechsel mit 313 Einsätzen, darunter mehr als 50 Schlägereien. Die Einsatzkräfte mussten aber nicht so häufig ausrücken wie in den beiden Vorjahren - die Polizei führte dies auf den starken Regen zurück.

Teil eines historischen Brunnens weggeböllert

In Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern beschädigten Unbekannte in der Silvesternacht einen historischen Brunnen im Stadtzentrum schwer. Sie brachten einen Feuerwerkskörper am Borwinbrunnen an und ließen ihn explodieren, wie die Polizei am Montag mitteilte. Fast die Hälfte des oberen Ablaufbeckens sei abgesprengt worden, sagte ein Sprecher. "Da war schon richtig Sprengkraft dahinter." Den Schaden schätzt die Polizei auf mehrere zehntausend Euro.

Der sechseckige Borwinbrunnen aus Sandstein stammt aus dem Jahr 1889; er soll an die Gründung der Stadt und an deren Stifter Fürst Heinrich Borwin II. erinnern. Die Statue des Fürsten steht in der Mitte des Brunnens.

anb/DPA