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Tsunami in der Südsee: "Es ist einfach alles weg"

Die Flutwelle in der Südsee hat auf den Samoa-Inseln mindestens 120 Menschen das Leben gekostet, unter den Toten sind viele Kinder. In einigen Gebieten sind ganze Dörfer ausgelöscht worden. Augenzeugen berichten, wie sie die Katastrophe erlebt haben.

Der Körper von Tui Annandale, eine der reichsten Frauen Samoas, wurde an einem Baum gefunden. Die Flut hatte sie weggerissen, als sie dabei war, einige Kinder vor den Wassermassen zu retten. "Die beiden sind nicht die Art von Menschen, die wegrennen, wenn Kinder in Gefahr sind", sagt Somaos Vize-Premierminister Misa Telefoni, ein Cousin von Annandales Mann, Joe, der bei der Rettungsaktion mit seiner Frau schwer verletzt wurde. Den Annandales gehört auf der Südseeinsel die bei Touristen beliebte Ferienanlage "Sinalei Reef Resort" - nach dem Tsunami ist von ihr nicht mehr viel übrig: "Die meisten Hotels an der Küste sind völlig zerstört", sagt Telefoni, "und Gäste und Angestellte hatten nur sehr wenig Zeit zu fliehen".

Ein Seebeben der Stärke 8,0 hatte im Südpazifik gleiche mehrere Tsunamis ausgelöst, die vor allem die Samoa-Inselgruppe getroffen haben. Einige Wellen sind bis zu 800 Meter ins Landesinnere geschwappt. Die genaue Zahl der Toten ist noch unbekannt, doch Behörden rechnen mit mindestens 120 Menschen, die ums Leben gekommen sind. Hunderte seien verletzt worden. Eine zunächst ausgegebene Tsunami-Warnung für den gesamten Pazifik wurde aber später aufgehoben. Am schwersten sei die Südseite der Hauptinsel Upolu betroffen, wie ein Reporter der Tageszeitung "The Australian" berichtet.

Viele Kinder unter den Toten

"Es hat vor allem Kinder und ältere gebrechliche Menschen getroffen", sagte Marita Huch, die Reporterin des lokalen Radiosenders "2AP". Sie fuhr mit einem Team aus Apia 80 Kilometer an die Südküste und sah dort Leichen, die in angeschwemmten Schlamm- und Sandbänken feststeckten. "Es ist vieles schwer beschädigt, und die meisten Touristenanlagen sind zerstört", sagte Samoas Vize-Regierungschef Misa Telefoni.

Das auf dem Ostteil der Inselgruppe liegende US-Territorium Amerikanisch-Samoa meldete mindestens 24 Tote und 50 Verletzte. Die Zahlen könnten noch steigen, sagte Gouverneur Togiala Tulafono. Der Südteil der Hauptinsel Tutuila sei "verwüstet". Vor allem am westlichen Ende der Insel hätten Helfer noch keinen Zugang zu Gebieten, in denen Straßen und Brücken beschädigt worden seien. Unklar ist die Situation auf dem benachbarten Inselstaat Tonga: Die neuseeländische Regierung äußerte sich sehr besorgt, weil die Nordküste von einer vier Meter hohen Welle getroffen worden sei. Behördenvertreter in Tonga sagten, sie rechneten mit bis zu zehn Toten. In Neuseeland selbst erreichte eine kleine Flutwelle die Küste.

Unter den Opfern seien vor allem Touristen aus Australien und Neuseeland, aber auch zwei Deutsche sollen nach Angaben des Auswärtigen Amts verletzt sein. Die Botschaften und Vertretungen in der Region stünden in Kontakt mit den jeweiligen Behörden und bemühten sich um weitere Aufklärung.

"Plötzlich war das Meer verschwunden"

Ein Angestellter des Ili Ili Resorts an der Südküste der Hauptinsel Upolo berichtet in der Zeitung "Times" von dem Augenblick der Katastrophe: "Wir waren gerade mit dem Fegen fertig, schauten auf das Meer, aber das Wasser was verschwunden. Wir sahen nichts, nur die Korallen. Nach ungefähr fünf Minuten kam diese riesige Welle auf uns zu, drei Meter hoch, und ich schrie nur noch: 'Weg hier!" Also sind wir zum Auto gerannt und geflüchtet. Von der Hotelanlage ist nichts mehr übrig: kein Bungalow, kein Boot, kein Restaurant - alles weg."

Der Samoer Ah Mu hat schon einige Beben erlebt, doch dieses habe länger gedauert als die bisherigen, sagte er den "New Zealand Herald". "Gegen sieben Uhr morgens fingen die Wände an zu wackeln, und mir war schnell klar, dass das kein normales Beben ist. Die meisten von uns haben noch geschlafen, sind aber plötzlich aufgeschreckt und haben sofort unter den Türrahmen Schutz gesucht. Wir müssen eine Ewigkeit dort gewartet haben." Ähnliches berichtet auch Chris Solomona, Touristenführer auf Samoa der BBC: "Nach fünf, sechs Sekunden dachten wir, die Erdstöße seien vorbei, doch dann wurden sie wieder stärker. Nach 45 Sekunden dann war das Beben zu Ende - es war unheimlich."

"Es ist einfach alles weg"

Zahllose Rettungshelfer sind nach dem Beben und dem Tsunami im Einsatz. Viele berichten von völlig zerstörten Häusern und Hotels, Felsen auf den Wegen und Autos, die umgestürzt wurden oder im Schlamm vergraben sind. "Es sieht so aus, als wäre das gesamte Dorf ausgelöscht, es ist einfach alles weg", sagt der Neuseeländer Graham Ansell der BBC. Der Tourist hat auf Samoa in einer Fales gewohnt, einer traditionellen Strandhütte. Tasatolo Taugi, ein Student auf Amerikanisch Samoa, sagte dem britischen Sender, dass die Straßen blockiert seien: "Eigentlich sind sie in zwei Hälften gerissen worden. Einige Teile sind nun im Ozean."

Der Schriftsteller Sia Figiel von Amerikanisch Samoa schreibt in einem Beitrag für den "New Zealand Herald": "Die Glocken läuten zum Abendgebet. Wir danken darin für die Freunde und Familien, die in Sicherheit und am Leben sind. Aber unsere Herzen sind bei denen, denen es nicht so geht. Euer Verlust ist unser Verlust. Selbst die Vögel spüren das."

nik