Unglück auf RWE-Großbaustelle Das Drama von Grevenbroich


Schweres Unglück auf Europas größter Baustelle: Auf dem Gelände des Energieriesen RWE in Grevenbroich bei Neuss sind wohl drei Menschen getötet und sechs verletzt worden. Allerdings konnte der Tod der Männer noch nicht sicher bestätigt werden.
Von Frank Gerstenberg, Grevenbroich

Vor der Katastrophe galt die größte Baustelle Europas auch als eine der sichersten. Die Berufsgenossenschaft für Bauwirtschaft hatte für die Arbeiten an dem neuen Braunkohlekraftwerk der RWE in Grevenbroich-Neurath noch vor vier Wochen Bestnoten verteilt. 4000 Menschen arbeiten in Spitzenzeiten an dem 2,2 Milliarden Euro teuren Projekt. RWE-Vorstand Johannes Lambertz sagte, dass die Sicherheitsvorschriften "strenger als vorgeschrieben" seien. Seit Mittwoch, 16.50 Uhr, muss er über eines der größten Unglücke in der einhundertjährigen Geschichte des Energieversorgers sprechen.

Aus bislang ungeklärten Ursachen stürzte aus etwa 140 Meter ein Stahlgerüst ab, an dem mehrere Menschen arbeiteten. Drei Arbeiter sind vermutlich tot, sechs wurden teils mit Hubschraubern schwer verletzt in die umliegenden Krankenhäuser gebracht.

Allerdings konnte der Tod der Arbeiter noch nicht sicher bestätigt werden, denn aufgrund der akuten Einsturzgefahr an der Unfallstelle konnte noch niemand zu den Männern gelangen. Einer der Männer hängt nach Angaben der Ermittler noch an einem Sicherungsseil in 140 Metern Höhe, der zweite liegt auf einem Querträger in 70 Metern Höhe. Der dritte Tote liegt auf dem Boden verschüttet unter einem Gerüstteil. Derzeit werde die Bergung der Männer vorbereitet.

Zunächst hatte RWE berichtet, dass bei dem Unfall fünf Menschen gestorben seien. Ein weiterer galt noch als vermisst. "Diese Zahlen haben sich glücklichweise als falsch herausgestellt, weil doch weniger Menschen auf dem Gerüst arbeiteten als zunächst geglaubt", erklärte Harald Viethen, Sprecher des Rhein-Kreises Neuss.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers reiste an den Unglücksort, wollte zu möglichen Ursachen und Konsequenzen in einer ersten Stellungnahme keine näheren Angaben machen: "Heute Abend gilt unser Mitgefühl den Angehörigen. Man denkt an die Verletzten und die Verstorbenen."

Grundsteinlegung im August 2006

Rüttgers hatte im August 2006 den Grundstein für die Doppelkessel gelegt, die wie riesige Raumstationen in den Nacht-Himmel ragen und rund 30 Prozent mehr Strom als die alten Kraftwerke liefern sollen. Laut Eigenwerbung sichern sie "1000 Arbeitsplätze in der Region" und liefern einen "wirksamen Beitrag zum Klimaschutz". Auf einer Fläche von 52 Hektar, rund 60 Fußballfeldern, werden 90.000 Tonnen Stahl verbaut und 2500 Kilometer Kabel verlegt. Zum Vergleich: Der Eiffelturm in Paris wiegt 7300 Tonnen.

Mit Tränen in den Augen kommentierte RWE-Vorstand Johannes Lambertz in vertraulichen Gesprächen das Unglück: "Bis jetzt waren Aussagen wie 'mein Mitgefühl gehört den Angehörigen' immer weit weg." Der Energie-Manager hat keine Erklärung für das Unglück. Immer wieder zeigt er auf das riesige 140 Meter hohe Stahlgerüst, das den "höchsten Sicherheitsstandards entsprochen habe". Wie und warum das 450-Tonnen-Gerüst abstürzte und die Menschen mit in die Tiefe riss, kann er sich nicht erklären.

Zweites Unglück innerhalb kürzester Zeit

Es ist der zweite tödliche Unfall innerhalb kürzester Zeit. Anfang September stürzte ein 51-jähriger Arbeiter von einer mobilen Hebebühne zehn Meter tief ab und verunglückte tödlich. Zuvor war einem Arbeiter auf einem der 175 Meter hohen Treppentürme, die ins Innere der Kessel führen, der Brustkorb eingedrückt worden. Er überlebte.

Bei dem neuerlichen Unglück ist menschliches Versagen zur Stunde ebenso wenig ausgeschlossen wie Materialfehler. "Wir müssen es aufarbeiten", sagt RWE-Chef Johannes Lambertz. Unklar ist immer noch, ob unter dem abgestürzten Stahlkoloss der vermisste Arbeiter begraben ist. Die Identität der Arbeiter ist hingegen geklärt: Es handelt sich um zwölf Mitarbeiter des Energie- und Transportunternehmens Alstom Deutschland AG mit Sitz in Mannheim sowie des Anlagenbauers Babcock Hitachi. Beide Unternehmen bilden für den Bau der Doppelkraftwerkanlage in Grevenbroich-Neurath eine Arbeitsgemeinschaft. Nähere Angaben zu den Opfern wollte RWE-Vorstand Lambertz zur Stunde nicht machen.

Katastrophenalarm ausgelöst

Der Landrat des Rhein-Kreises Neuss löste Katastrophenalarm aus. Bis zum späten Abend waren 300 Rettungskräfte aus Neuss, Düsseldorf und Köln im Einsatz, darunter 20 Ärzte sowie Seelsorger und Psychologen. Sie betreuten die Angehörigen der Opfer, die von der Öffentlichkeit abgeschirmt wurden.

mit Agenturmaterial

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