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Erst Monchito, jetzt Frida Sofía: Wie Mexiko in den Trümmern nach verschütteten Kindern sucht, die es gar nicht gibt

Zwei Erdbeben am gleichen Tag, zwei Tragödien, zwei verschüttete Kinder, die zum Symbol der Hoffnung werden, ein Déjà-vu: Beide Kinder gibt es nicht.

"Du schaffst das, Frida Sofía. Ganz Mexiko steht hinter Dir. Gott schütze dich. Du bist eine Kämpferin." 36 Stunden bangte Mexiko und die ganze Welt um das Leben von Frida Sofía. Das zwölfjährige Mädchen wurde unter den Trümmern der Enrique-Rébsamen-Grundschule vermutet. "Die Hoffnung heißt Frida", schrieb die mexikanische Tageszeitung "El Universal"

In Mexiko hatten TV-Sender rund um die Uhr berichtet, Rettungskräfte und Marinsoldaten wurden interviewt. "Wir hatten gerade Kontakt mit einem Mädchen. Sie haben ihr gesagt, sie solle die Hand bewegen und sie hat sie bewegt", berichtet die Reporterin Danielle Dithurbide vom größten mexikanischen TV-Sender "Televisa" am Mittwoch live von den Ruinen der eingestürzten Grundschule. Sie sei sehr müde, habe das Mädchen gesagt. Zudem war die Rede davon, dass dort noch fünf weiter Kinder mit eingeschlossen sein könnten.

Erdbeben in Mexiko 1985: Bergung eines verletzten Kindes

Bergung eines verletzten Kindes - nicht nur die Bilder wiederholen sich, ebenso die Geschichten: Auch beim Erdbeben von 1985 suchte Mexiko in den Ruinen verzweifelt nach einem Kind, dass es eigentlich gar nicht gab

Die Welt fieberte mit

Der Marine-Admiral José Luis Vergara, verantwortlich für die Arbeiten vor Ort, sagte: "Es gibt ein Mädchen im zweiten Stock des eingestürzten Gebäudes". Bildungsminister Aurelio Nuño rief die Eltern auf, sich zu melden. Die Geschichte verselbstständigte sich. "Frida Sofía" wurde zum Symbol der Hoffnung, über zwei Tage nach dem Beben noch Überlebende in den Trümmerbergen zu finden. "Du bist eine Kämpferin Frida Sofía. Du kommst da raus. Ganz Mexiko steht hinter Dir." 

Und die Welt schaute gespannt zu. Die Zweifel an der Geschichte begannen, als in der Nacht zu Donnerstag Bildungsminister Aurelio Nuño "Televisa" sagte, noch immer habe niemand ein Mädchen namens Frida Sofía als vermisst gemeldet. Auch stünde sie auf keiner Schülerliste der Grundschule.

"Eine kollektive Neurose"

Der Fall ruft Erinnerungen wach. Vor 32 Jahren war es der kleine Luis Ramón 'Monchito' Navarrete, der ganz Mexiko bewegte und eine Welle der Hoffnung entfachte. Der Neunjährige hatte bei seinem Großvater geschlafen als das Erdbeben mit einer Stärke von 8,1 auf der Richterskala am 19. September 1985 über Mexiko-City hereinbrach. Tage später, die internationalen Hilfskräfte hatten die Hoffnung Überlebende zu finden schon aufgegeben, meldeten Hilfskräfte, sie hätten Geräusche aus einem der Trümmerhaufen gehört – ein Hoffnungsschimmer zwischen Tod und Zerstörung.

Was folgte, bezeichnete eine Psychologin später in der Tageszeitung "El País" als "eine kollektive Neurose". Anders als im Fall von Frida Sofía meldeten sich auch die vermeintlichen Eltern zu Worte, gaben sogar Interviews. "Keiner der freiwilligen Hilfskräfte hatte meinen Schwiegervater und meinen Sohn gefunden. Mein Schwager erzählte ihnen, dass die beiden noch unter den Trümmern vergraben sein müssten. Also haben sie weiter gesucht. Dann haben sie Geräusche gehört, aber keine Stimme. Sie nahmen an, dass derjenige unter den Trümmern entweder nicht sprechen oder sie nicht hören konnte. Also sagten sie: 'Wenn du ein Erwachsener bist, klopfe einmal, wenn du ein Kind bist, zweimal' und es hat zweimal geklopft", sagte der angebliche Vater der spanischen Tageszeitung "El País".

Es gab keinen Jungen - weder tot noch lebendig

Eine Woche lang hielt sich die Geschichte vom kleinen Monchito unter den Trümmern, dem letzten Überlebenden nach 15 Tagen. Die Sucharbeiten wurden wieder intensiviert, Bergleute und spezialisierte Feuerwehrleute aus Miami halfen mit, die Menschen beteten, ein Ärzteteam hielt sich über Tage hinweg bereit, bis die Hoffnung allmählich zu schwinden begann. 22 Tage nach dem Beben dann die Gewissheit: Es gibt keinen kleinen Jungen unter den Trümmern - weder tot noch lebendig. Bis heute ist nicht geklärt, ob es 'Monchito' überhaupt gab.

Donnerstag Mittag sagte der Vizechef der Marine, Admiral Ángel Enrique Sarmiento vor den Ruinen der Schule: "Wir wollen ein für alle Mal klar stellen, dass uns kein Mädchen mit diesem Namen bekannt ist. (…) Wir sind sicher, dass es sie nicht gibt." Nach Informationen des Bildungsministeriums und der Schule seien nun alle Kinder Zuhause, im Krankenhaus oder tot. Die Marine koordinierte die Rettungsarbeiten an der Schule "Enrique Rébsamen" in Mexiko-Stadt.

Der TV-Sender "Televisa" bat um Entschuldigung. "Die Informationen, die wir veröffentlicht haben, basierten auf den offiziellen Quellen." Wo die Geschichte von Frida Sofía ihren Anfang hat, ist kaum nachvollziehbar.

273 Tote beim Erdbeben in Mexiko

Unterdessen stieg die Opferzahl weiter: von 250 auf 273 Tote, wie das Innenministerium mitteilte. Davon starben allein in Mexiko-Stadt 137 Menschen. Mit Wärmebildkameras wird weiter versucht, mögliche Überlebende zu orten. Nach Angaben des Militärs könnte sich in der Grundschule "Enrique Rébsamen" statt des Mädchens noch eine erwachsene Frau in den Trümmern befinden. Bisher wurden dort nach neuen Angaben 19 tote Kinder und sechs tote Erwachsene geborgen, elf Personen konnten lebend gerettet werden. 

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