VG-Wort Pixel

stern-Kolumne Winnemuth Wir Sekundenschafe


Den PIN-Code in die Mikrowelle tippen, die Punkte für das "ä" suchen – wir alle sind mal blöd für den Moment. Und damit herrlich menschlich.
Von Meike Winnemuth

Neulich, in der "NDR Talk Show". Es ist eine ausnehmend lustige Runde, es geht hin und her zwischen den Gästen, in der Mitte steht ein gläserner Bottich mit Sangria und langen Strohhalmen (was nichts mit dem Folgenden zu tun hat), und irgendwann bin ich dran. Es geht um meine diversen Selbstversuche, um den Callboy, den ich mal getestet habe (im ausgehenden 20. Jahrhundert, aber immer noch ein beliebtes Thema). Eigentlich bin ich dort, um Werbung für mein neues Buch zu machen. Was antworte ich also auf die Frage von Hubertus Meyer-Burckhardt, ob ich mal wieder ein neues Buch schreiben werde? "Ja, klar, irgendwann." Nicht etwa: "Mensch, witzig, dass Sie fragen – am Montag erscheint diese fantastische Kolumnensammlung unter dem Titel 'Um es kurz zu machen‘, zufällig habe ich ein Exemplar dabei."

Natürlich hatte ich zufällig kein Exemplar dabei, ich bin einfach zu doof für so was. Aber wieso bin ich sogar zu doof dafür, eine genau auf meinen Fuß gespielte Steilvorlage ins Tor zu schieben? Stattdessen Fuß wegziehen, "Ja, klar, irgendwann", Applaus, nächster Gast. Bitte, was war das denn?

Dumm für einen Augenblick

Das war, wie ich dank einer liebenswürdigen Facebook- Kommentatorin jetzt weiß, ein Sekundenschaf. Ein wunderschönes Wort für Situationen, in denen man geistig kurz am Steuer seines Lebens einnickt und dann jäh aufschreckt: Huch? Was? Wie lange war ich weg? Gedankliche Aussetzer, Augenblicksdoofheiten, die einem im nächsten oder sogar noch im selben Moment peinlich bewusst sind. 

Der Berliner Journalist und Drehbuchautor Malte Welding, der dem Phänomen des Sekundenschafs seit Jahren mithilfe einer wachsenden Community hinterherjagt, hat – um hier endlich mal Werbung für ein Buch zu machen – die schönsten Hirnstolperer in "Sekundenschaf – dumm für einen Augenblick" gesammelt. Über Momente, in denen man seine PIN in die Mikrowellentastatur tippt. Über Konversationen wie diese: "Ich kann morgen nicht kommen, ich habe Fieber." – "Dann komm doch heute."

Die schönsten Augenblicksdoofheiten

Über die Webseite www.sekundenschaf.de und per Facebook kann man seine eigenen Ausfälle beisteuern. Gesammelt sind dort Augenblicke von beglückender Dämlichkeit:

  • Ich schwimme im Meer, es fängt an zu regnen, und ich denke: "Scheiße, schnell raus, bevor ich nass werde."
  • Endlich die Reise gebucht. Riesenschreck, als ich die Bestätigungsmail überfliege und das Anreisedatum sehe: Wie konnte ich da nur einen Termin machen, da bin ich doch im Urlaub!
  • Habe gerade den Begriff Mariä Heimsuchung gelesen und gedacht: "Wie macht man denn das a mit den Punkten drauf auf der Tastatur?"
  • Mir kam der Gedanke, wie ich wohl mit geschlossenen Augen aussehe. Also stellte ich mich vor den Spiegel und schloss die Augen.

Sekundenschaf-Phänomen ist ansteckend

Es hat etwas ungemein Tröstliches, sich durch all diese Fälle zu lesen, oft kichernd über die Doofheit der anderen, aber genauso oft sich fragend: Wieso, was soll daran falsch sein? Man wird nicht selten zum Co-Schaf, genauso dusselig wie das Urschaf, und das sind die allerbesten Aspekte des Sekundenschaf-Phänomens: zu wissen, dass man nicht allein ist mit seinen peinlichen kleinen Fehlschaltungen und temporären Maschinenschäden.

Wenn man sieht, welche bezaubernden Möglichkeiten zur Dusseligkeit in uns wohnen, freut man sich umso mehr über all die Momente, in denen man heil über die Straße kommt. Unbedingte Leseempfehlung also. Ach so, das andere natürlich auch.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker