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stern-Kolumne Winnemuth: Schlechtwetterfreunde

Unter den skurrilsten Vereinen dieser Welt gibt es den der Wolkenverehrer – Leute, die sich für das Unvermeidliche begeistern. Zum Anhimmeln.

Von Meike Winnemuth

Unter den Wolkenverehrern fand stern-Kolumnistin Meike Winnemuth doe bezauberndsten Menschen

Unter den Wolkenverehrern fand stern-Kolumnistin Meike Winnemuth die bezauberndsten Menschen. Sie freuen statt über die Sonne über Wolken.

Hier war ich richtig, das sah ich gleich. Vor dem Eingang der ehrwürdigen Royal Geographical Society am Londoner Hyde Park standen Leute und blickten sorgenvoll in den Himmel. Kopfschüttelnd. Stirnrunzelnd. Nein, dies würde kein guter Tag werden: weit und breit kein einziges Wölkchen zu sehen. Mist. 

Ich muss etwas ausholen. Wie so vieles in England begann es mit einem Witz: 2004 hielt der britische Autor Gavin Pretor- Pinney eine Rede auf einem Literaturfestival, und zwar in Form einer Antrittsvorlesung der Cloud Appreciation Society – der frei erfundenen Gesellschaft der Wolkenfreunde. Es war ein flammendes Plädoyer zur Ehrenrettung der Wolke, die seit Jahrtausenden gegen den schlechten Ruf kämpfen muss, der Sonne irgendwie im Weg zu hängen, ein Synonym für mieses Wetter und sonstiges Ungemach. Ganz falsch, so Pretor-Pinney, stattdessen gehören Wolken zum Poetischsten, das die Natur zustande bringt, ein ständig wechselndes Schauspiel am ansonsten öde blauen Himmel, eine Einladung zum Träumen und Trödeln und zudem zutiefst demokratisch, denn alle haben einen gleich guten Blick auf sie. Man muss einfach nur nach oben gucken und das geht überall auf der Welt, auch auf dem Supermarkt- Parkplatz.

Zwischen ARD-Wetterfee und Palliativmediziner

Schneller als sich eine Cumulonimbus bildet, wurde der von Pretor-Pinney ausgedachte Fantasieverein Wirklichkeit – schließlich sind wir hier in einem Land, wo jeder Quatsch, sofern er nur ernst genug betrieben wird, unter Naturschutz steht. Inzwischen hat die Cloud Appreciation Society 40.000 Mitglieder in über 100 Ländern, und zum zehnjährigen Bestehen fand nun ihre erste Tagung statt. Der Kongress der Wolkenfreunde. Mit Vorträgen über die Wolke in der Literatur und die Kulturgeschichte des Regens. Musste ich hin, klar. Wer da wohl kommen würde?

Stellt sich heraus: die bezauberndsten Leute der Welt. Sänger, Fotografen, Klimaforscher, Piloten ("Wir haben den besten Blick auf die Wolken, wir müssen quasi nur aus dem Bürofenster gucken") und eine Abordnung der Universität Reading, dem Oxford der Meteorologen. Ich saß zwischen Silke Hansen, der Leiterin der ARD-Wetterredaktion, und Paul, einem Palliativmediziner, mit dem ich über Vergänglichkeit und den Trost der Natur sprach. Vorn auf der Hörsaalbühne wurde derweil die Entstehung von Altocumulus mithilfe eines Waffeleisens und einer Flasche Sonnenblumenöl mit Glitzer drin demonstriert.

Ein Loblied von Goethe

Es gab eine Ausstellung der besten Wolkenfotos mit Titeln wie "Ein Yeti versucht, eine Bank zu überfallen". Es gab Bilder der raren wellenförmigen Kelvin-Helmholtz, Kronjuwel jeder Wolkensammlung (ja, es gibt Wolkensammler). Es gab einen Vortrag über den Helden der Wolkenfreunde, den Apotheker Luke Howard, der 1802 die bis heute gültige Klassifikation der Wolken ersann, Cirrus, Stratus, Cumulus, Nimbus – die Lego-Steine des Himmels, deren unzählige Varianten (Cirrocumulus, Nimbostratus) den ständigen Wandel, die Bewegung, die kurzlebige Schönheit der Wolken deutlich macht. Sein Bewunderer Goethe schrieb über ihn und seine Liebe zur Wolke ein Gedicht ("Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich’s auf, wie Schäflein trippelnd, leicht gekämmt zu Hauf“).

Überhaupt, die Liebe: Amateure, Enthusiasten, Liebhaber waren hier versammelt und haben durch das Anhimmeln der Wolken etwas Erstaunliches vollbracht. Zum ersten Mal seit 1951 gibt es einen Neueintrag im Internationalen Wolkenatlas: die knubbelige Formation Asperitas, dokumentiert von Mitgliedern der Society. Von Leuten, die sich für das Offensichtliche begeistern, also für genau das, was fast immer übersehen wird.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Dieser Text wurde im Heft Nr. 42 veröffentlicht.