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stern-Kolumne Winnemuth Op! Ti! Mal!


Alles geht immer noch besser, genauer, klüger. Man muss sich nur bemühen. Aber dabei geht mitunter die Freude an der Sache verloren. Unsere Kolumnistin hält ein Plädoyer für mehr filterfreies Leben.
Von Meike Winnemuth

Seit ich denken kann, trinke ich Tee in all seinen Erscheinungsformen: vom britischen Bauarbeiterbeuteltee über feinsten Gyokuro bis zu einer fiesen Himbeer-Vanille-Mischung, die das erwiesen beste Mittel gegen Liebeskummer ist, weil einem davon noch übler wird als vom Herzschmerz. An schlechten Tagen trinke ich zwei Liter und an guten drei, ich besitze einen Spitzen-Wasserkocher, der Temperaturen von 80 bis 100 Grad in Fünf-Grad-Schritten draufhat, meine acht Kannen reinige ich immer brav mit Natron – mit anderen Worten: Ich würde mich als Tipptopp-Teetante bezeichnen.

Bis auf ein Versäumnis. Nämlich die Tatsache, dass ich mein ganzes Leben lang zum Teekochen immer nur stinknormales Wasser direkt aus dem Hahn genommen habe. Das muss aufhören, dachte ich neulich, das geht besser, gib dir mal Mühe mit dem Teewasser, kauf einen Wasserfilter, der Kalk und Chlor und Blei und Kupfer eliminiert. Es sieht immer so hübsch aus in der Wasserfilterwerbung, wenn der Tee klar und rein in den Glastassen ruht. Schön, ich habe keine Glastassen, wer hat schon Glastassen, aber trotzdem. Das Prinzip. Der bessere Tee. Der besser aussehende Tee.

Das Vorfrühjahr ist ja eine verhängnisvolle Zeit, was solche Entschlüsse angeht. Plötzlich überkommt einen diese seltsame Sehnsucht, sich selbst zu zivilisieren und sein Leben in den Griff zu kriegen. Zarter Optimierungsbedarf, verbunden mit dezentem Selbsthass, brechen durch wie die ersten Schneeglöckchen auf dem Mittelstreifen, der Winterschlunz kommt einem plötzlich unerträglich vor. Das geht so nicht weiter, Mensch. Dinge gehören endlich repariert und abgeheftet und wegsortiert und entsorgt und allgemein in Ordnung gebracht. Meine Nachttischleuchte zum Beispiel hat seit Wochen einen Wackelkontakt, sodass ich jeden Abend beim Anknipsen einen Kieselstein auf den Schalter legen muss, damit das Licht nicht wieder ausgeht. So Zeug halt.

Suboptimal

Jedenfalls der Wasserfilter. Eine formschöne Kanne mit einem Filtereinsatz steht jetzt neben dem Spitzen-Wasserkocher, sie filtert tadellos, und hätte ich Glastassen, könnte ich durch den Tee die Zeitung lesen. Ich sollte glücklich sein mit meinem Wasserfilter, es ist ein guter Wasserfilter, er filtert tadellos. Und ich hasse ihn. Das gefilterte Wasser in den Wasserkocher zu gießen dauert nämlich dank der kleinen Tülle der Wasserfilterkanne handgestoppte 34,68 Sekunden im Gegensatz zu den 6,96 Sekunden, die es mit dem Wasserhahn dauert. 27,72 Sekunden sollten einem nicht zu viel sein für gut aussehenden Tee, man könnte sie zum Meditieren nutzen, zum Planen weiterer Verbesserungen in seinem Leben und in dem der Menschheit, doch jedes Mal, wenn ich in der Küche stehe, könnte ich schreien vor Ungeduld. Etwas, das bislang banal und problemlos war, ist auf einmal ein Akt. Das Wasser ist besser, meine Laune ist schlechter, das Teekochen ein winziges Ärgernis.

Besser ist nicht immer besser. Nicht jede Sache im Leben lässt sich bis zum Anschlag optimieren. Oft ist „gut genug“ und "geht so" das Beste, Erstrebenswerteste, Optimalste, das wir suboptimalen Lebewesen auf Dauer ertragen können. Und nicht selten lässt erst das Kaputte unser Leben heil sein. Wenn ich meine Nachttischlampe reparieren würde, müsste ich nicht mehr den kleinen schwarzen Kieselstein auf den Schalter legen, der mich jeden Abend lächeln lässt, weil er mich an einen schönen Ort erinnert. Eine heile Lampe? Wäre alles andere als optimal.

PS: Benötigt jemand einen leicht gebrauchten Wassefilter?

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