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stern-Kolumne Winnemuth: Schöner scheitern

Viele haben eine Heidenangst, sich zu blamieren. Das ist schade, denn so lernt man nie seine Grenzen kennen. Die stern-Kolumnistin hat ihre darum bei einer gnadenlosen Quizshow ausgelotet.

Von Meike Winnemuth

Eines der ältesten Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest ist das Teufelsrad. Das Ding ist simpel, aber effektiv: Man versucht sich so lange wie möglich auf einer drehenden Scheibe zu halten, bis man dank Zentrifugal und Corioliskraft unweigerlich und unter dem Gejohle der Zuschauer herunterfliegt. Es ist komplett sinnfrei, man kann nur verlieren, die einzige Frage ist, wie schnell man verliert.

Die Menschheit lässt sich ganz gut in zwei Gruppen einteilen: die einen, die auf das Teufelsrad grob mit "Was soll der Scheiß/ich mache mich doch nicht lächerlich" reagieren, und die anderen mit der Philosophie "Wieso nicht/ist doch lustig/man hat nichts zu verlieren/hier fliegt schließlich jeder raus". Wie man weiß, bin ich große Sympathisantin von Gruppe zwei, und deshalb habe ich auch relativ schnell zugesagt, als man mich bat, am Teufelsrad unter den Quizshows teilzunehmen: "Der Quiz-Champion" im ZDF.

In dieser Sendung muss man fünf prominente Experten in ihren Spezialgebieten schlagen (etwa Hellmuth Karasek in Literatur, Tim Mälzer in Ernährung, "stern TV"- Moderator Steffen Hallaschka in Zeitgeschehen), schafft man auch nur eines der Duelle nicht, fliegt man sofort aus der Sendung. Kein Joker, keine Sicherheitsgewinnstufen, keine Gnade. Die reinste Form des Nervenkitzels, genau mein Ding. Nochmehr, als man mir sagte, dass sich nur mühsam Frauen für die Sendung fänden, die hätten wohl die größere Furcht, sich zu blamieren. Darüber könnte ich jetzt eine eigene Kolumne schreiben, lassen wir’s einfach mal stehen für heute.

"Also, das könnte ich nie"

Wann immer ich Quatsch dieser Größenordnung mache, höre ich zwei Sätze, die mich regelmäßig zur Verzweiflung bringen: "Also, das könnte ich nie" und "Aber du hast doch einen Ruf zu verlieren". Fangen wir mit dem ersten an: "Das könnte ich nie" übersetze ich mit "Ich mag mich noch nicht mal in eine Situation begeben, in der ich herausfinden würde, was ich kann oder nicht kann". Ergebnis: ein fest zementiertes Selbstbild aus lauter Unmöglichkeiten, das auf keinerlei Erfahrung beruht und das sich selbst nicht mal die Chance gibt, widerlegt zu werden – wie schade und wie traurig. Zweitens: Ich habe lieber den Ruf, etwas zumindest mal probiert zu haben und dabei hin und wieder auf die Nase zu fallen, als den Ruf, aus Angst vor Blamage keinerlei Risiken einzugehen.

Voll auf die Nase

Selbstverständlich habe ich in den Tagen vor der Aufzeichnung wie eine Verrückte blöde Fakten und schräges Wissen gebüffelt. Ich weiß jetzt, dass der Weltrekord im Hotdog-Wettessen bei 69 in zehn Minuten liegt (ein Wissen, das für Sport wie Ernährung gleichermaßen nützlich gewesen wäre), dass der höchste Berg, gemessen ab Erdmittelpunkt, nicht der Mount Everest, sondern der Chimborazo ist und dass Radovan Karadžić mal als Psychologe für den FC Barcelona gearbeitet hat. Und trotzdem geht man in so eine Sendung mit dem mulmigen Gefühl wie früher vor Klassenarbeiten, wenn man genau wusste, dass man nicht genug gelernt hat, aber hoffte, dass trotzdem magischerweise genau das drankommt, was man draufhat.

War nicht so. Ich bin gleich in der ersten Disziplin, meinem Horrorfach Sport, krachend und lachend gescheitert. Voll auf die Nase gefallen – na und? Es ist nur ein Teufelsrad von vielen. Wenn Sie nachsehen wollen, wie ich heruntergeflogen bin: Die Sendung lief am 1. November um 20.15 Uhr im ZDF.

Und jetzt ganz schnell: Welche zweite Kraft neben der Zentrifugalkraft sorgt für die Tücke des Teufelsrades? Nicht oben nachgucken! Trotzdem gewusst? Sie sollten sich schleunigst bei irgendeiner Quizshow bewerben.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 45.

  • Meike Winnemuth