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stern-Kolumne "Winnemuth": Eine Frage des Timings

Lebkuchen im August, Tulpen vor Weihnachten - empörend! Aber warum regen wir uns überhaupt auf?

Von Meike Winnemuth

Spätestens Anfang Oktober tritt in der Regel das ein, was dereinst in Proseminaren als Winnemuth’sches Gesetz der vorweihnachtlichen adversen Zeitkrümmung gelehrt werden wird. Rituell fallen folgende Sätze innerhalb derselben Unterhaltung und oft genug aus demselben Mund: "Ist doch schrecklich: Jedes Jahr liegen die Lebkuchen früher in den Geschäften" und "Wisst ihr schon, was ihr Silvester macht?" Einerseits kann das Jahr anscheinend nicht schnell genug zu Ende gehen, andererseits ist es eine Unverschämtheit, uns per Spekulatius daran zu erinnern, dass es in drei Monaten schon wieder so weit ist.

Abgesehen davon, dass der immer frühere Lebkuchen ein urbaner Mythos ist – seit Jahrzehnten wird das vom Handel so genannte "Herbstgebäck" in der KW 35 Ende August/ Anfang September ausgeliefert –, ist bemerkenswert, mit welcher Aggression die meisten Leute auf das saisonale Herumliegen von unschuldigen Keksen reagieren, während die ganzjährige Verfügbarkeit von RTL II und Druckgaswaffen vergleichsweise entspannt zur Kenntnis genommen wird. Der Volkszorn trifft neben dem Weihnachtsgebäck auch die Ostereier, die holländischen Tulpen in den Blumendiscountern, die Sommermode, den Spargel, die Erdbeeren: Alles kommt immer früher, viel zu früh, widerlich früh. Findet man und regt sich auf und fühlt sich regelrecht drangsaliert. Nur zu was? Könnten einem Hohlkörper aus minderwertiger Schokolade und Tropenprints und/oder Transparentlook nicht einfach wurscht sein? Oh, mal wieder die Beschleunigung, die Geißel der modernen Menschheit und deren liebstes Leitartikelthema? Komisch – hat der Tag mit Erdbeeren nicht immer noch genau dieselben 1440 Minuten wie ohne?

Muss sich die Welt im persönlichen Tenmpo drehen?

Zu früh. Zu spät. Zu schnell. Zu langsam. Alles fürchterlich wacklige, von persönlichen Vorlieben und Abneigungen geprägte Konstrukte und gerade deshalb perfekte Anlässe für Wutanfälle aller Art. Kürzlich ging die Meldung über einen 21-jährigen Raser durch die Presse, der einen langsameren Fahrer bei Frankfurt rechts überholte, zum Halten zwang und krankenhausreif schlug. Am selben Tag kam eine Bekannte zurück aus dem Barcelona- Urlaub, mokierte sich erst ausgiebig über die spießigen Frühbucher und noch spießigeren Vorabend- Einchecker und stöhnte sofort danach über die Spanier, die ja so unmöglich spät zu Abend essen, "ich bekam fast einen Jetlag davon". Als ich sie wegen dieser schönen Doppelmoral auslachte, überholte sie mich rechts und schlug mich kra… nein, das dann doch nicht. Aber die Stimmung wurde augenblicklich eisig: Nur der eigene Rhythmus, die eigene Geschwindigkeit zählt, und wann immer die Welt anders tickt als man selbst, gerät man völlig aus dem Takt. Das Leben wird immer schneller, und die Bahn kommt immer später, es ist un-er-träg-lich.

Das Verrückte ist, dass so viele Leute geradezu einen Rechtsanspruch darauf ableiten, dass die Erde sich in ihrem persönlichen Tempo dreht. Und sie reagieren tödlich beleidigt, wenn mal etwas einen Tick zu schnell oder einen Tick zu langsam ist. Das Highspeed-Internet im Flugzeug gerät ins Stocken? Empörend. Der US-Komiker Louis C. K. bemerkte so richtig: "Wie schnell einem die Welt etwas schuldet, von dem man vor zehn Sekunden noch nicht mal wusste."

Okay, das ist ein anderes Thema, eine andere Kolumne. Können wir uns einfach darauf verständigen, dass wir uns nicht von Keksen terrorisiert fühlen sollten? Ach so, und Silvester? Nö, weiß ich noch nicht. Dieses Mal vielleicht mal was ganz anderes??