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stern-Kolumne "Winnemuth" Fick dich!


Nicht schön, so eine Zeile, oder? Aber wahr ist leider: Unflätigkeiten sind gesellschaftsfähig geworden, die meisten merken es nicht mal mehr. Kann man da nichts tun?
Von Meike Winnemuth

Eine Kollegin, nennen wir sie Frau K., äußerte neulich auf Facebook Einwände gegen eine meiner Kolumnen. In der ging es um den Wahnsinn, Frauenkörper in immer absurdere Problemzonen zu parzellieren und nahezu jedes Jahr ein neues Krisengebiet auszurufen. Frau K.s Kritik ging grob in die Richtung, dass es ja so typisch deutsch sei, sich gehen zu lassen, und dass man sich halt anstrengen müsse, dann könne jede was aus sich machen. Das war zwar etwas am Thema vorbei, aber eine durchaus vertretbare Meinung; ich ging nicht weiter auf sie ein. Als ich jetzt auf eine schöne, traurige Weihnachtskolumne der sehr geschätzten Sibylle Berg verlinkte, meldete sich Frau K. erneut in einem Kommentar zu Wort: "Oh Gott, letztens hier alle runtergezogen wg der Verbitterung durch ungefickt+ungeil..und jetzt Weihnachten vergällen wollen. (…) get over your frustration please oder geh wieder auf Weltreise."

Es war ein Samstag, der Abend fortgeschritten, also riet ich milde, gelegentlich einfach mal den Korken in der Flasche zu lassen, und ließ es dabei bewenden. Doch seitdem denke ich über das Wort "ungefickt" nach und über dessen öffentliche Verwendung durch 49-jährige Stilpäpstinnen (Frau K. berät auf ihrem Blog Verzweifelte darin, welche Chanel-Handtasche man sich zulegen sollte und welche besser nicht). Man kann es nicht anders sagen: "Ungefickt" ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Jahrzehntelang war es so: Ungefickt waren ausschließlich Frauen, und als ungefickt wurden sie vorwiegend von Männern diagnostiziert, die damit stets etwas anderes meinten: humorlos (sie lacht nicht über meine genialen Witze), unzugänglich (sie steigt nicht auf meine subtile Anmache ein) oder – und das war am allerschlimmsten – erfolgreich (sie muss ungefickt sein, wie sonst sollte sie mehr verdienen als ich?). Ungefickt war die Allzweckverachtung von Männern für Frauen, die in irgendeiner Weise ein Ärgernis darstellten.

Nun ist das Wort im Vokabular von Frauen angekommen, die ja schon immer fieser über andere Frauen geredet haben als jeder Mann. Ungefickt bedeutet nun so viel wie: vertritt eine andere Meinung als ich. Die Korrelation von Geschlechtsverkehr und Geisteszustand wird dabei direkt von den Männern übernommen: Man ist erst nach einer noch zu definierenden Menge von Geficktwerden satisfaktions- und zurechnungsfähig. Beweise mir, dass ein anderer Mensch in regelmäßigen Abständen einige seiner Körperteile in einige deiner Körperteile steckt, dann reden wir weiter. Erst als Gefickte bist du eine von uns.

Der Ton wird ausfallender

Ihnen geht das langsam auf die Nerven, dieses Wort? Danke, genau das war der erhoffte Effekt. Denn der Nerv- und Schämfaktor von Unflätigkeiten hat ja dramatisch abgenommen. Das verfickte Auto sprang nicht an. Ich lass mich von dem doch nicht ficken. Fick dich doch selbst – alles in den vergangenen Wochen in Bus und Bahn und leider auch bei normalerweise eloquenten Freunden gehört. Der Ton ist ausfallender geworden, und die meisten merken es nicht mal. Es ist, als ob in dem allgegenwärtigen Gequatsche zu immer härteren Waffen gegriffen werden müsste, um Gehör zu finden. Immer mehr um sich keilen, immer noch eine Chilischote in den Topf werfen, längst unempfindlich geworden für die Schärfe. Und taub für die inneren Verletzungen, die eigenen und die der anderen. Was würde helfen? Resensibilisierung? Ein Jahr vokale Babykost, um die Geschmacksnerven wiederzubeleben? Für den Anfang schlage ich uns allen vor: die Ohren wieder anschalten und sich einfach mal selber zuhören.


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