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stern-Kolumne "Winnemuth": Aufgeschoben

Wer sich früher vor etwas drücken wollte, begann sinnfreie Dinge zu tun – Computerspiele waren perfekt. Heute ist die digitale Welt voller Wissen. Und die Ablenkung wird zur Anstrengung.

Von Meike Winnemuth

Was du morgen kannst besorgen ... Doch heutzutage ist selbst das Ablenken von den wichtigen Dingen arbeitsintensiv.

Was du morgen kannst besorgen ... Doch heutzutage ist selbst das Ablenken von den wichtigen Dingen arbeitsintensiv.

Jetzt langsam mal mit dem Schreiben anfangen, ich bin schon jenseits der Deadline. Thema. Thema. Thema. Kann doch nicht sein, dass ich schon nach einem halben Jahr kein Thema mehr finde. Blamabel.

Erst mal den neuen Drucker anschließen. Anleitung in 30 Sprachen. Niedlich, auf Norwegisch heißt "Leitfaden zur Inbetriebnahme" "Komme i gang". Können wir nicht bitte alle hässlichen deutschen Wörter durch hübsche norwegische oder holländische oder türkische Wörter ersetzen? Würde irgendjemand "Inbetriebnahme" ernsthaft vermissen?

Lynchmob-Mentalität gegen Banales

Nicht ablenken jetzt. Thema. Männer, die einen kennenlernen wollen und dann zwei Stunden lang zutexten, ohne eine Gegenfrage zu stellen? Nee, das wäre zu privat. Busbänke, auf die exakt eineinhalb Leute passen, der effektivste Aggressionsgenerator im öffentlichen Nahverkehr? Nee. Vergleichende Zählung von Politikern, die nach Konsequenzen schreien bei a) NSA-Skandal und b) ADAC-Skandal? Machen bestimmt schon die Kollegen, ich bin hier ja nur fürs Nebensächliche zuständig.

Bisschen Facebook checken zwischendrin. Die Online-Petition, Markus Lanz abzusetzen? Hm, als Ausdruck der Lynchmob-Mentalität, die sich gerade erst wieder gegen die arme Poetry-Slammerin Julia Engelmann und die noch viel ärmere Dschungelcamperin Larissa Marolt formiert hat, kein schlechtes Thema. Diese wütende Weigerung, das andere, die Abweichung, meinetwegen auch das Empörende zuzulassen. Alles muss weg, was aufregt, das wird sofort als unerträglich verdammt, da werden mächtig die Fäuste geschüttelt, die bei wichtigeren Themen in der Hosentasche bleiben. Warum richtet sich Zorn immer nur gegen so Banales, warum nie gegen wirklich Unerträgliches?

Oder vielleicht etwas über die 16 Millionen geklauten Mailadressen und Passwörter – und die zeitgleich veröffentlichte Hitliste der beliebtesten Passwörter? Platz 1: 123456. Platz 2: password. Platz 3: 12345678. Leute, so kann ich auch Passwörter klauen, dazu muss ich noch nicht mal ein Hacker sein.

Bisschen ablenken, dann denkt es sich leichter. Eine Runde "Quizduell" auf dem Handy gegen meinen Computerguru Jacob. "Welche Form haben die Pupillen von Unken?" (Herzförmig, wer hätte das gedacht.) "Welche der folgenden Frauen wurde zuerst geboren? Jennifer Aniston, Kate Beckinsale, Angelina Jolie, Victoria Beckham?" (Aniston natürlich, die alte Wachtel.) "Der wie vielte Bundespräsident ist Joachim Gauck, der 9., 10., 11. oder 12.?" (Puh. Geraten. Mist, daneben.) "Welches Land hat die Nationalhymne ‚Biladi, Biladi, Biladi'?" (Ägypten. Nein, Indonesien. Nein, Ägypten. Verdammt, Zeit abgelaufen.)

Snood und Quizduell

Oh, jetzt weiß ich, worüber ich schreiben könnte: dass selbst das Prokrastinieren, das Aufschieben, heutzutage so wahnsinnig brav und wertvoll ist. Früher haben wir Snood gespielt, wenn wir hätten arbeiten sollen, ganz früher Tetris oder Moorhuhn. Heute Quizduell. (Wenn ich "wir" sage, meine ich die aktuell sieben, bald eher acht Millionen Deutsche, die ebenso süchtig danach sind wie ich.) Selbst Facebook, meine zweitliebste Übersprungshandlung, bringt nicht etwa die gewünschte Ablenkung, sondern jede Menge Infos.

Ein Foto der Doppeltoiletten von Sotschi, ein Link zum Test, ob die eigene zu den geklauten Mailadressen gehört, der neueste Stand im Dschungel, falls man die Vorabendfolge verpasst hat. Prokrastinieren ist richtig anstrengend geworden, nie war Arbeitsvermeidung mit so viel Arbeit verbunden wie heute, darüber sollte man eigentlich mal schreiben – oh, die Seite ist schon voll. Durch reines Prokrastinieren! Schade, das wäre mal 'ne Kolumne geworden.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.