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stern-Kolumne "Winnemuth": Allein? Zu zwein?

In Paarbeziehungen soll man stets gemeinsam im rosa Himmel schweben. Ist Quatsch, klar. Aber warum streben wir trotzdem nach dem unerreichbaren Ideal?

Von Meike Winnemuth

So ist es wohl: Paar = meistens okay, manchmal gut. Single = meistens okay, manchmal gut.

So ist es wohl: Paar = meistens okay, manchmal gut. Single = meistens okay, manchmal gut.

Liebe Gemeinde, jüngst haben wir ja anhand des schönen Wortes "ungefickt" an dieser Stelle über die weitverbreitete Überzeugung gesprochen, dass eine Frau nur dann was wert ist, wenn sie das Gegenteil von ungefickt ist - ich möchte das nicht abermals im Detail ausführen, aber sobald sie Teil eines Paares ist und damit mutmaßliche Empfängerin einer hinreichenden Menge fachmännischer Penetration, scheint alles in Ordnung zu sein. Paar = gut, Single = schlecht.

Aber die Sache ging weiter. Als ich einige Zeit später auf Facebook auf eine Fotoserie des britischen Fotografen Martin Parr mit dem Titel "Bored Couples" verlinkte, wurde es wirklich interessant. Die Bilder zeigen das, was sie versprechen: Paare, schweigend an Restauranttischen oder nebeneinander auf Bänken sitzend und meilenweit voneinander entfernt, die Blicke angestrengt woandershin gerichtet, in den Gesichtern Leere, Lustlosigkeit, Langeweile. Viele der Paare wirken, als ob sie einander nur mühsam ertrügen und schon seit Jahren kein liebevolles Wort mehr gewechselt hätten. Wie man halt aussieht nach langer Ehe, keine große Überraschung - kein Mensch kann über Jahrzehnte Tag für Tag händchenhaltend über die Wiese laufen. Doch sofort erhob sich in den Kommentaren ein Protest, als hätte ich Privatpornos ins Netz gestellt. "Denunziatorisch" sei das, "ob die der Veröffentlichung zugestimmt haben? Das sind doch geradezu intime Momente." Viele schrieben: "Ist doch auch wichtig, mit seinem Partner schweigen zu können."

Na, und ob das wichtig ist, überlebenswichtig sogar. Aber die defensive bis heftige Reaktion auf normale Paarfotos fand ich dann doch überraschend. Haben wir ein derart verzerrtes Bild davon, wie man als Paar zu sein hat, dass jede Abbildung der Normalität sofort verstörend wirkt? Unsere Bilder von der Liebe sind gelernte, abgeguckte. Gelernt in Romantic Comedies, abgeguckt von Margarinewerbung: strahlend, innig, zugewandt, voneinander besoffen. Anfangs große Bug-der- "Titanic"-Leidenschaft, später sanfte Bank-unterm-Apfelbaum-Harmonie, aber bitte glücklich, für immer.

Daran muss jedes Paar scheitern. Keine Chance, das durchzuhalten. Niemand ist so, zumindest nicht immer. Und doch verfällt man sofort in Panik, wenn man dem Bild von der Liebe, dem selbst auferlegten oder dem fremdbestimmten, nicht entspricht. Sind wir auch so? fragt man sich angesichts der Momentaufnahmen von Parr. Klar sind wir auch so, manchmal jedenfalls, und was sagt das jetzt über uns? Natürlich nichts.

Die Liebe ist ein Deal

Es ist Zeit, die Bilder von der Liebe mit ebensolchem Abstand zu betrachten wie Zeitschriftencover von Supermodels. Es ist eine retuschierte Liebe, eine fabrizierte, unmenschliche, die sofort zu größter Unzufriedenheit führt: Die anderen haben die größere Nähe, den besseren Sex, das richtigere Leben, man selbst versagt. Und schmeißt hin und probiert es mit jemand anders, um wieder zu versagen an der unerreichbaren ewigen Glückseligkeit.

Zu meiner aktiven Zeit in diesem Leistungssport habe ich drei Dinge verstanden: Nie jemand anders für mein eigenes Glück zuständig zu machen. Nie die Liebe in den Konjunktiv verlagern (wenn er dünner/ aufmerksamer/ gesprächiger/ unternehmungslustiger wäre, dann wäre ich glücklich). Und zu wissen, mit welchen Defiziten man selbst in eine Beziehung geht. Die Liebe ist ein Deal: Ich ertrage deinen Scheiß, du erträgst meinen Scheiß. Dann ändert sich auch gleich die Gleichung von oben: Paar = meistens okay, manchmal gut. Single = meistens okay, manchmal gut. Das bessere Leben hat keiner von beiden.

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