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stern-Kolumne Winnemuth: Tun, was getan werden muss

Sinnlose Grübeleien kosten nur Kraft und Zeit. Im Leben geht es viel darum, das zu tun, was getan muss, meint unsere Kolumnistin. Vieles liegt ohnehin nicht in unserer Macht. 

Von Meike Winnemuth

Mit der Botschaft "Wir schaffen das" setzte Bundeskanzlerin Angela Merkel ein klares Zeichen

Mit der Botschaft "Wir schaffen das" setzte Bundeskanzlerin Angela Merkel ein klares Zeichen gegen die Unabänderlichkeit der Dinge.

Vermutlich ist es Zeichen des eigenen Alterns, wenn man beginnt, Alte und das, was sie zu sagen haben, interessant zu finden. Plötzlich sind sie Inspirations- und Aspirationsfiguren, Orientierungshilfen im Guten wie im Schlechten. Wann hat das angefangen, mit 40, mit 50? Mit der Erkenntnis, höchstwahrscheinlich nicht so irre originell und individuell zu sein, wie man mit 20 und 30 noch glaubte zu sein? Mit der Einsicht also, dass wir alle durch mehr oder minder ähnliche Entwicklungsstufen stolpern?

Was bedauern Sie am meisten?

Der prominente US-Gerontologe Karl Pillemer, dessen Legacy Project an der Cornell University mehr als 1500 über 65-Jährige nach ihren Erkenntnissen über das Leben interviewt hat, bekam auf die Frage, was sie am meisten im Leben bedauern, verblüffend oft die Antwort: "Ich wünschte, ich hätte mir nicht so viele Sorgen gemacht." Es sei eine unglaubliche Zeit- und Lebenskraftverschwendung, sich über Dinge Gedanken zu machen, die in weiter Zukunft liegen und die zu 98 Prozent ohnehin nie eintreten. Sich völlig unnötig zu quälen mit Gedanken an Unvorhersehbares und deshalb Unkalkulierbares und kostbare Energie auf etwas zu richten, das nur in der Fantasie existiert, verstellt oft den Blick auf die Probleme, die genau vor einem liegen und die es tatsächlich zu lösen gilt, darin waren sich die nach Jahrzehnten sinnlosen Sorgens klug gewordenen Alten einig.

Irgendwas ist ja immer

Schnitt. Kameraschwenk auf Deutschland. Die Deutschen sind Weltmeister der Sorge: 90 Millionen Lebensversicherungen gibt es in diesem Land, zehn Millionen mehr als Einwohner. Den sorge- und vorsorgesüchtigen Deutschen kann man so teure wie überflüssige Brillen-, Handy und Hochzeitsrücktrittskosten-Versicherungen andrehen, sie zahlen mit Freude für das Gefühl, dass selbst, wenn was passiert, eigentlich nichts passieren kann – und zwar gegen jede Lebenserfahrung. Denn natürlich passiert was, irgendwas ist ja immer, und zwar nur ganz selten das, was man erwartet hat.

Das Leben hat seinen ganz eigenen Kopf, technische und gesellschaftliche Veränderungen entwickeln seit einigen Jahrzehnten eine derartige Affengeschwindigkeit, dass die Zukunft schneller als je zuvor Gegenwart wird und nicht das Geringste mit den Zukunftserwartungen der Vergangenheit zu tun hat. Auf Facebook fragte sich ein Kollege gerade, "wie ich in meinem Abiturjahr 1985 auf folgende Prognose reagiert hätte: ‚In 30 Jahren erklärt eine ostdeutsche Bundeskanzlerin einer homosexuellen ARD-Moderatorin, warum wir uns um eine Million Flüchtlinge kümmern müssen – und du kannst dir die ganze Sendung auf deinem Telefon angucken‘." 

Die Zukunft lässt sich nicht planen

Diese ostdeutsche Bundeskanzlerin nun hat im Gespräch mit Anne Will etwas ganz und gar Erstaunliches getan, das fast noch mehr Respekt verdient als ihr "Dann ist das nicht mein Land"-Satz: Sie brach mit der sowohl deutschen als auch politischen Illusion, die Zukunft vorausahnen und -planen zu können. Wie viele Flüchtlinge noch kommen? Weiß sie nicht, woher auch? "Es liegt nicht in meiner Macht." Diese demonstrative Ungewissheit kam ebenso nüchtern wie angstfrei daher, ihr Mantra "Wir schaffen das" kein Pfeifen im Wald, sondern der Entschluss, das Unabänderliche zu bewältigen. Was wäre denn auch die Alternative?

Und da wären wir wieder beim Gerontologen Pillemer und den Weisheiten seiner Alten: "Sinnlose Grübeleien über das, was passieren könnte, sind das genaue Gegenteil von konkretem Problemlöseverhalten." Schauen, was zu tun ist, und das dann tun, darum gehe es im Leben. Und das geht nun mal nicht, wenn man schockstarr auf Angstszenarien starrt, ob selbst gepinselt oder von anderen an die Wand gemalt.

Die Kolumne von Meike Winnemuth finden Sie immer donnerstags im aktuellen stern. Dieser Text wurde im Heft Nr. 43 vom 15.10.2015 veröffentlicht.