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Kolumne Winnemuth: Freiheit für den 19. Oktober!

Welttag des Stotterns, Tag des Kaffees, Nationaler Kopfschmerztag: Es gibt mehr Gedenktage, als das Jahr Tage hat. Doch bald ist Ruhe, ganz kurz.

Von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth Kalender

Unsere Kolumnistin Meike Winnemuth fragt sich, wie ein hundsnormaler Dienstag zum Gedenktag wird

Letzten Mittwoch wurde es plötzlich sehr hektisch in meinem kleinen, beschaulichen Leben. Alles kam auf einmal zusammen: Weltfriedenstag. Welt-Alzheimertag. Und das, nachdem ich schon völlig erschöpft war vom Weltkindertag, dem Tag des Wolkenkratzers, dem Tag des Friedhofs, dem Tag des Geotops, dem Internationalen Tag der Ersten Hilfe, dem Internationalen Tag zur Erhaltung der Ozonschicht, dem Tag der Tropenwälder, dem Tag des positiven Denkens und dem Tag des alkoholgeschädigten Kindes, die alle angemessen gewürdigt und begangen werden mussten.

Gedenktage – wir reden hier nicht von nationalen und religiösen Feiertagen – gibt es inzwischen mehr als Tage im Jahr, die meisten Daten sind doppelt und dreifach belegt (5. September: Nationaler Kopfschmerztag und Internationaler Tag der Wohltätigkeit, 12. September: Welt-Kautschuktag und Tag der Vereinten Nationen für die Süd-Süd-Zusammenarbeit, 15. September: Internationaler Tag der Demokratie und Europäischer Prostata-Tag).

Die Anlässe sind aller Ehren wert

Wir kommen aus dem Gedenken und Mahnen und Innehalten gar nicht mehr heraus. Die Anlässe sind zweifellos aller Ehren wert. Ozonschicht, positives Denken, Süd-Süd-Zusammenarbeit, Prostata – wer fände das nicht fabelhaft und schützenswert? Und natürlich findet man all das nicht nur einmal jährlich super, sondern idealerweise täglich, für immer. Kein , an dem nicht gefordert würde, dass eigentlich jeder Tag ein (sagen wir mal) Muttertag oder Weltfrauentag sein sollte.

Wie wird aber nun aus einem hundsnormalen Dienstag im November ein global zelebrierter Gedenktag? Bei den Vereinten Nationen kann jedes Mitgliedsland einen solchen Tag beantragen, über den die UN-Generalversammlung dann abstimmt. Auf Initiative von Bhutan ist auf diese Weise entsprechend der Resolution 66/281 vom 28. Juni 2012 der 20. März zum Weltglückstag ernannt worden. Immerhin ein Tag im Jahr, oder? Aber warum ausgerechnet der 20. März? Wegen Frühlingsanfang, dem Beginn einer glücklicheren Jahreszeit? Die Zuteilung des Datums scheint nicht selten liebenswerten Überlegungen zu folgen. So hat die WHO den 5. Mai zum Welttag der Handhygiene bestimmt. Wegen zweimal fünf Fingern und so. Ich scherze nicht, schlagen Sie’s nach. Der 29. Februar wiederum ist der Welttag der Seltenen Erkrankungen. Was von gewissem Humor zeugt, da der 29. Februar ja auch eher selten vorkommt.

Gedenktage sollen laut einer Aufstellung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags „Anlass zur Reflexion über nationale oder weltweite Probleme geben und Gesellschaft sowie Politik zu entschlossenem Handeln auffordern“. Aber klar doch. Deshalb auch der UN-Welttag des Fernsehens (21. November), den ich wie jedes Jahr dazu nutzen werde, reflektiert und entschlossen vor der Glotze abzuhängen. Wie durchschlagend so ein Gedenktag wirkt, beweist der vom EU-Parlament zum „Europäischen Tag des Notruf 112“ ernannte 11. Februar: Der Bekanntheitsgrad der europaweiten Nummer steigerte sich von 22 Prozent auf schwindelerregende 27 Prozent.

Am 19. Oktober ist nichts!

In den nächsten Wochen liegen vor uns der Internationale Tag der Frauen in ländlichen Gebieten, der Welttag des Stotterns, der Tag des Kaffees, der Welttag des audiovisuellen Erbes sowie der Höhepunkt des Oktobers: der Weltspartag. Bei der Vorbereitung auf die Feierlichkeiten ist mir allerdings eine schockierende Lücke aufgefallen: Am 19. Oktober ist nichts. Kein Gedenken, kein Mahnen, keine Reflexion, kein entschlossenes Handeln, gar nichts. Feiern Sie also bitte mit mir diesen vernachlässigten Tag, lassen Sie ihn uns begießen: als Welttag der Welttaglosigkeit.

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