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"Curiosity"-Flugdirektor: Ferien auf dem Mars

Nachmittags frühstücken, um Mitternacht ins Kino - das Leben von Familie Oh ist völlig durcheinander. Denn Familienvater David steuert die "Curiosity"-Mission - und muss dazu nach Mars-Zeit leben.

Von Christoph Fröhlich

Wie spät ist es? Schon diese simple Frage stellt David Oh vor große Probleme: Geht es um die Uhrzeit in Kalifornien? Auf dem Mars? Oder wie spät ist es gefühlt? Seit zwei Wochen ist Davids Leben auf den Kopf gestellt: Als Flugdirektor bei der US-Weltraumbehörde Nasa betreut er den Mars-Rover "Curiosity" und muss seinen Berufsalltag an die Mars-Zeit anpassen. Denn während die Erde für eine volle Umdrehung 24 Stunden benötigt, geht es der Rote Planet etwas gemütlicher an und braucht dafür fast 40 Minuten länger. Das klingt nicht viel, in den letzten zwei Wochen hat sich so aber eine Zeitverzögerung von mehr als neun Stunden aufgestaut.

Die Wissenschaftler arbeiten zur Mars-Zeit, weil der Rover nachts in eine Art Ruhezustand versetzt wird. So können sie ihn besser überwachen und ihm Anweisungen geben, beispielsweise Fotos zur Erde schicken. Um David nicht allein wie auf dem Mars leben zu lassen, beschloss dessen Frau Bryn, dass ihn die ganze Familie bei dem ungewöhnlichen Experiment unterstützt.

Mitternachtskino und Sternschnuppen

Wenige Tage vor der Landung von "Curiosity" am 5. August gingen die drei Kinder Braden,13, Ashlyn,10, und Devyn,8, erst gegen 23.30 Uhr ins Bett und schliefen bis zehn Uhr morgens. Um im Mars-Rhythmus zu bleiben, gehen die Kinder seitdem jeden Tag 40 Minuten später schlafen. Zusätzlich beklebten die Ohs ihre Fensterscheiben mit Alufolie, sodass die Zimmer auch tagsüber verdunkelt sind. Im Flur hilft ein selbstgemachter Kalender dabei, nicht die Übersicht zu verlieren. Im Schlafzimmer der Eltern hängt sogar eine Digitaluhr, die auf Mars-Zeit eingestellt ist.

Seitdem treibt das Leben der Ohs bizarre Blüten: In der vergangenen Woche gab es beispielsweise erst um 15 Uhr Frühstück und gegen 20 Uhr Mittagessen, bevor die Kinder nach einem Dessert um kurz nach 5 Uhr ins Bett geschickt wurden. Doch was ist, wenn der Paketbote klingelt und die fünfköpfige Familie aus dem Schlaf reißt? Auch dafür haben die Oh's vorgesorgt: An der Haustür hängt ein Schild mit der Aufschrift: "Eingestellt auf Mars-Zeit: Flugdirektor schläft. Kommen Sie später wieder."

Den Alltag versucht sich die Familie so gut wie möglich an die ungewöhnliche Uhrzeit anzupassen: Statt einem Fernsehabend zur Prime Time gibt es Mitternachtsvorstellungen im Kino, der Spaziergang am Nachmittag weicht einem Rundgang in der Nacht. Die Oh's mischten sich ins Nachtleben von Los Angeles und bestaunten wie Touristen die Straßenkünstler am Hollywood Walk of Fame. Bei einer ihrer nächtlichen Expeditionen haben die beiden Jüngsten Ashlyn und Devyn sogar ihre erste Sternschnuppe entdeckt. Und während andere Kinder im Bett liegen, übt der achtjährige Devyn das Fahrradfahren nachts auf einem leeren Parkplatz - und schaffte bereits seine ersten Meter ohne Stützräder.

Neue Kaffeemaschine für den "Mohawk-Guy"

Der älteste Sohn, Braden, führt ein Online-Tagebuch und ist von seinem neuen Lebensstil schwer begeistert: Nun kann er bis in die Nacht aufbleiben und Frozen Yoghurt essen. Auch die zehnjährige Ashlyn findet das Leben als Nachteule toll. "Doch es macht müde", erklärte sie der Nachrichtenagentur AP. Auch Mutter Bryn steckt den 40-minütigen Verzug nicht problemlos weg: "Wir sind sehr müde, es fühlt sich den ganzen Tag an, als hätte man Jetlag. Aber allen geht es gut." Auch Zahnarztbesuche und Musikstunden seien nicht ganz so einfach zu koordinieren.

Als David seinen Nasa-Kollegen von dem ungewöhnlichen Familienexperiment erzählte, waren die Reaktionen verschieden: "Einige fanden es großartig, dass sogar die Kinder mitmachen", erklärt der Familienvater der Nachrichtenagentur AP. Andere, die bereits an einigen Mars-Missionen teilgenommen haben, erklärten ihn jedoch für verrückt. Dass der Mars-Tag ihr Leben auf der Erde prägt, zeigt sich schon beim Gang zur Arbeit: Egal ob gerade die Sonne aufgeht oder die Sterne am Himmel leuchten - die Nasa-Mitarbeiter begrüßen sich stets mit einem "Guten Morgen".

Auch Bobak Ferdowsi, der als "Mohawk Guy" bekannt gewordene Ingenieur der Nasa, kämpft mit der ständigen wechselnden Arbeitszeit. Der "New York Times" sagte er: "Ich habe mir extra eine neue Kaffeemaschine gekauft, damit ich die Mars-Zeit durchhalte. Und eine Augenmaske, damit ich tagsüber schlafen kann."

Zwei Jahre soll die Erkundungstour des Roten Planeten dauern. Für die Kinder von David Oh wird das Mars-Leben auf der Erde nicht ganz so lange dauern: Ende August geht die Schule wieder los. Dann müssen sie wieder früh im Klassenraum sitzen - wie alle anderen Kinder auch.

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