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Kanadische Studie Forscher-Team will riesiges Ozonloch in den Tropen entdeckt haben

Das Ozonloch ist ein Phänomen an den Polen der Erde
Von einem dritten Ozonloch neben den zwei bisher bekannten an den Polen sprechen kanadische Forscher. Doch ihre Ergebnisse sind umstritten.
© Klaus-Dieter Esser / Picture Alliance
Ein gigantisches Ozonloch soll sich über den Tropen befinden, schreiben kanadische Wissenschaftler. Doch Kollegen haben ernsthafte Zweifel.

Das Ozonloch kennen wir bisher vor allem von der Antarktis, wo es jährlich auftritt, zuletzt auch vom Nordpol. Doch dass die Ozonschicht auch über den Tropen drastisch ausgedünnt sein soll, sorgte an diesem Dienstag für weltweite Überraschung – und auch Bestürzung. Denn eine intakte Ozonschicht in der Atmosphäre ist wichtig, um schädliche ultraviolette Strahlung der Sonne zu absorbieren. UV-Strahlung gilt als Verursacher von Hautkrebs und anderen Krankheiten.

Die beunruhigende Meldung kam von einem Forscherteam aus Kanada: Professor Qing-Bin Lu von der Universität Waterloo in Ontario und seine Kollegen berichten im Fachmagazin "AIP Advances" von einem bisher unentdeckten Ozonloch, das sich in den Tropen befinde und siebenmal größer sei als das in der Antarktis. Es bestünde zwar schon seit den 80er-Jahren, sei aber trotzdem bisher unerkannt geblieben.

In den 80er-Jahren tobte weltweit eine Debatte um Schädigungen in der Ozonschicht und mögliche Schritte dagegen. Als Ergebnis wurde im September 1987 das Montreal-Protokoll verabschiedet, das Staaten weltweit dazu verpflichtet, chemische Stoffe zu verbannen, die die Ozonschicht beschädigen, wie beispielsweise Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die bis dato als Kühlmittel oder in Spraydosen eingesetzt wurden. Die Anstrengungen machen inzwischen Hoffnung, dass die Ozonlöcher an den Polen in einigen Jahrzehnten nicht mehr auftreten.

Kanadier schreiben über massives Ozonloch in den Tropen

Doch nun soll es ein gigantisches Ozonloch in den Tropen geben? Qing-Bin Lu schreibt von der Existenz einer ganzjährigen Zone mit ausgedünntem Ozon in der unteren Stratosphäre der Tropen. Besonders alarmierend nach Ansicht des Wissenschaftler-Teams: Das Gebiet befinde sich in einer Region, in der etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebe. Die Menschen in den Ländern um den Äquator seien der Gefahr einer erhöhten UV-Strahlung ausgesetzt.

Der kanadische Professor weist auf die mögliche Bedeutung der Ozonlöcher an den Polen und in den Tropen für den Klimawandel hin, denn diese Löcher spielten eine Rolle bei der Temperaturregulierung auf der Erde.

Entstanden sei das Ozonloch um den Äquator vermutlich durch die gleichen Mechanismen wie die an den Polen – durch die schädlichen FCKW. Nach deren Verbot habe sich dieser Effekt zwar verlangsamt, an den Polen waren zuletzt immer wieder Verbesserungen der Situation beobachtet worden. Allerdings könnte die Ozonschicht auch durch große Waldbrände geschädigt werden.

Angebliche Entdeckung des "dritten Ozonlochs" erntet Widerspruch

Das kanadische Forscherteam erhielt allerdings prompt Widerspruch aus der Fachwelt: Mehrere Experten, die nicht an der Untersuchung beteiligt waren, zweifeln die Existenz dieses angeblich riesigen Ozonlochs über den Tropen an. "Ich bin überrascht, dass die Studie in ihrer aktuellen Fassung überhaupt veröffentlicht wurde", sagte Martyn Chipperfield, Professor für Atmosphärische Chemie an der Universität Leeds. Ihn mache misstrauisch, dass diese gewaltigen Veränderungen der Ozonschicht über den Tropen in keinen anderen Studien zu finden seien. Die Ergebnisse der neuen Studie aus Kanada seien sehr strittig und er sei "nicht überzeugt, dass sie stimmen", so Chipperfield.

Ein anderer Wissenschaftler kritisiere die Methode der Kanadier: Paul Young von der Universität Lancaster sagte, Qing-Bin Lu und sein Team hätten die prozentualen Veränderungen des Ozon-Gehalts in der Atmosphäre untersucht. Relevant seien aber die absoluten Veränderungen. Er kam zu einem ganz klaren Schluss: Dieses Ozonloch über den Tropen gebe es schlichtweg nicht.

Quellen: "AIP Advances", "ZME Science", "Daily Mail", MDR Wissen, "Der Standard", "Newsweek"


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