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Kolonien: Jane Austens wilde Schwester - die Reise der "John Bull"

Im Kino besteht das Leben der Frauen im 19. Jahrhundert aus Schmachten und Hochzeiten. Die Historikerin Emily Brand stellt einen anderen Typ von Frauen vor. Die Passagiere der "John Bull" wurden als Bräute in die Kolonien verschleppt.

Auch die neueste Verfilmung von "Emma"  bleibt der privilegierten Idylle treu - aufgepeppt mit einigen feministischen Sätzen.

Auch die neueste Verfilmung von "Emma"  bleibt der privilegierten Idylle treu - aufgepeppt mit einigen feministischen Sätzen.

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Die kollektive Erinnerung an das Großbritannien des 19. Jahrhunderts wird von den Romanen in der Art Jane Austens bestimmt. Im Zentrum stehen junge Frauen, die um ihren Status fürchten. Weitab von dem wirklichen gesellschaftlichen Wandel der brutalen Industrialisierung geht es vorrangig darum, die richtige Partie und möglichst auch noch mit einem halbwegs richtigen Mann einzugehen. Seitenlang wird erörtert, was sich schickt und was eben nicht. Das größte Drama in dieser Welt ist ein Haus mit vielen Töchtern, aber ohne die nötigen Mittel für eine standesgemäße Heirat.

Vermittelt wird das Bild einer sittsamen Idylle, welches die Briten so sehr lieben. Doch dass dieses Jahrhundert mit der Epoche der "Regency" begann, in der wüste Ausschreitungen bis in höchste Kreise üblich wurden, geht genauso unter wie die extreme Zunahme der Prostitution. Es passt auch wenig in die Welt von Jane Austen, dass damals großflächige und nicht immer sittsame Körpertattoos genauso wie Piercings in der Gesellschaft modern wurden. Noch heute ist ein gängiges Intimpiercing des Penis nach Prince Albert benannt.

Gegen das Bild der tugendhaften Frau

Im britischen "Telegraph" hat die Historikerin Emily Brand anhand eines Quellenfundes Emmas wüste Schwestern vorgestellt. Es geht um die Reise der "John Bull" von England nach Australien im Jahr 1821. Die "John Bull" brachte 80 junge Frauen in eine neue Heimat. Nicht ganz freiwillig, denn sie waren Strafgefangene. Für die damals häufig verhängte Todesstrafe reichten ihre kleinen Verbrechen nicht aus. Dafür sollte sie in den Kolonien für Nachkommen und neue Untertanen Ihrer Majestät sorgen, so das unromantische Hochzeitskalkül der Regierung.

Zynisch gesagt war die Schiffsreise ihr Hochzeitsball. Denn einmal in Australien angekommen, blieb ihnen kaum etwas anderes übrig, als einen Ehemann zu akzeptieren, um zu überleben.

Festgehalten wurde die Reise im Tagebuch eines Arztes. Dr. William Elyward sollte dafür sorgen, dass die weibliche Fracht inklusiver einiger Kinder lebend am anderen Ende der Welt angelangte.

Ein Arzt wird Zeuge

"Indem wir uns von den Ballsälen mit ihrem Kerzenlicht abwenden, erhalten wir einen reicheren Blick auf die Vielfalt und die rohe Unordnung des Lebens der Frauen im 19. Jahrhundert", meint Brand. Einen größeren Kontrast zu Ballsaal als den stickigen Bauch der "John Bull" kann es kaum geben. Schnell war der Arzt von seiner Reise gestresst. Er musste nicht, wie gedacht, nur mit Mangelernährung und andere Gesundheitsproblemen kämpfen. Vor allem setzte ihm das wilde Naturell seiner Zöglinge zu.

Entsetzt stellte der fromme Mann fest, dass es unter Deck der "John Bull" wie in einer Hafenkaschemme zuging. Margaret Brennan etwa wollte nachts nicht einsam bleiben. Mit ihrem weinenden Kind im Gefolge streifte sie von Bett zu Bett. Aber leider reagierte ein Schläfer auf ihren Avancen nicht erfreut, sondern stieß mit einem entsetzten Schrei auf. Worauf ein derber Kampf der beiden begann. Die Unzucht an Bord ließ sich kaum eindämmen. Die Matrosen wurden – typisch für die Zeit – großzügig mit Tabak und Branntwein versorgt. Die Frauen saßen dagegen auf dem Trockenen, aber verstanden es auf diese Weise an die begehrten Güter zu kommen.

Unzucht und Pügel

Die 32-jährige Jane Hamilton musste schließlich mit einem Verhau aus Segelplanen in einem Raum eingesperrt werden, nachdem sie ihren Mitgefangenen blutige Rache angedroht hatte. Die Plane sollte auch dazu dienen, die Frau von den Matrosen fernzuhalten. Auch die schöne 22-jährige Londonerin Mary Ryan wurde eingesperrt, nachdem sie sich mit dem zweiten Offizier des Schiffes einen ganzen Tag in seiner Kabine "versteckt" hatte – wie der Schiffsarzt schamhaft formuliert – und danach stockbetrunken in das Frauenquartier zurückkehrte.

Mary Downs, 26, fackelte aus Versehen beinahe das ganze Schiff ab. Bei den Laternen an Deck steckte sie einen Lumpen an, um in ihrem Quartier ein Pfeifchen zu schmauchen. Dabei entfachte der Lumpen versehentlich ein Feuer, das gelöscht werden konnte. Andere Frauen prügelten sich mit den Matrosen. Und offenbar war es üblich, sich in Truhen zu verstecken, um so dem gemeinsamen Gebet zu entgehen. Auf diese konnten die Frauen früher am Tage mit dem Trinken beginnen.

Quelle: Telegraph

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