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Plasmawolke: Die Ruhe nach dem Sturm

Der starke Sonnensturm, der zurzeit um die Erde fegt, hat nicht die befürchteten Schäden angerichtet. Allerdings mussten mehrere Flüge umgeleitet werden. In weiten Teilen der Nordhalbkugel konnte helles Polarlicht beobachtet werden.

Der heftige Sonnensturm, der die Erde am Mittwochabend erreichte, hat bei Astronomen und anderen Himmelsbeobachtern zumindest hier zu Lande überwiegend für Entzücken gesorgt: Selten zuvor waren Polarlichter so weit südlich zu sehen, wie in der Nacht zum Donnerstag. Zwar lagen weite Teile Deutschlands unter einer dicken Wolkendecke, aber da, wo sie aufriss, etwa in Teilen Norddeutschlands, leuchtete der Himmel grün und rot.

Der Sturm hatte am Dienstagmittag seinen Lauf genommen, als so genannte koronale Massenauswürfe von der Sonnenoberfläche in Richtung Erde geschleudert wurden. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 2.000 Kilometern pro Sekunde brauchte die "Plasmawolke" genannte Teilchenladung bis zu zwei Tage, um den 150 Millionen Kilometer entfernten blauen Planeten zu erreichen.

Behinderungen blieben weitgehend aus

Die erwarteten Behinderungen, etwa im Funkverkehr oder in der Luftfahrt, blieben bis Donnerstag weitgehend aus. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung kam es lediglich am Mittwoch zu einzelnen Verspätungen, weil Ausfälle in Radar- und Funksystemen befürchtet worden waren.

Allerdings meldete die japanische Weltraumagentur JAXA Probleme mit zwei ihrer Satelliten. Nachdem zu "Kodama" vorübergehend abgeschaltet werden musste, riss am Donnerstag die Verbindung zum Beobachtungssatelliten "Midori 2" ab. Ein JAXA-Sprecher sagte, man befürchte, dass die kosmische Strahlung Computersensoren zerstören könnte. Beweise für einen Zusammenhang mit dem Sonnensturm gab es jedoch nicht. Experten zufolge traf die Teilchenwolke vor allem Regionen auf der anderen Seite der Erdkugel.

Vor allem Arktis und Antarktis betroffen

Betroffen sind vor allem Arktis und Antarktis, weil das schützende Magnetfeld der Erde dort seine Pole hat. "Die Teilchen strömen entlang der Magnetfeldlinien", erklärt der Geophysiker Volker Haak vom Geoforschungszentrum Potsdam. An Nord- und Südpol prallt die Plasmawolke dann mit hoher Geschwindigkeit auf die Atmosphäre, und bringt diese zum Leuchten. Je mächtiger die Wolke, desto größer ist der Kreis der betroffenen Regionen um die Pole.

Bei der Einschätzung der Folgen für die Erde spielt auch das planetare Magnetfeld eine zentrale Rolle. Auf der Internetseiten des US-amerikanischen Space Environment Center (SEC) zeigt unter "space weather now" ein Diagramm ständig die Aktivität der Felder: "Zeigt der linke Zeiger nach Süden, gibt es Lücken im Feld", sagt Haak. In der Nacht zum Donnerstag waren die Löcher offenbar besonders groß. Der SEC-Plotter, der sich in einem Popup-Fenster öffnen lässt, registrierte die letzten heftigen Ausschläge zwischen 05.00 und 06.00 Uhr.

Sonne hat ihren Rhythmus

Umstritten ist unter den Forschern allerdings, wie außergewöhnlich die Sonnenaktivitäten der letzten Tage wirklich waren. Zum einen scheint das Tagesgestirn deutliche Zyklen zu zeigen, die etwa alle elf Jahre ihr Maximum erreichen. Weil die Astronomen das letzte Maximum im Jahr 2000 verzeichneten, sprachen mehrere Forscher von einem unerwarteten Phänomen.

Der Astrophysiker Hubertus Wöhl vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg hält diese Abweichung dagegen für nichts ungewöhnliches. "Die elf-Jahres-Zyklen sind der Mittelwert für acht bis 13 Jahre", betont er. Und da man erst seit 150 Jahren über genauere Aufzeichnungen verfüge, sei die Statistik nicht so genau. Die gemessene Strahlung ist Wöhl zufolge auch nicht die Stärkste seit 14 Jahren, sondern die drittstärkste seit 1989. Damals und 2001 seien stärkere Röntgenstrahlung verzeichnet worden, betont er. 1989 fiel sogar wegen einer heftigen Teilchenwolke in weiten Teilen Kanadas der Strom aus.

Forscher registrierten neue Eruption

Ob in der Nacht zum (morgigen) Freitag also eine neue Wolke auf die Erde trifft, war unklar. Zwar registrierten Forscher am Mittwochabend eine neue Sonnen-Eruption, die Störungen im Erdmagnetfeld bleiben aber nach Wöhls Worten abzuwarten. Laut Jürgen Rendtel vom Astrophysikalischen Institut Potsdam war der neuerliche Sonnensturm nicht so stark.

Nikolaus von Twickel