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Maßgeschneiderte Ernährung: Essen à la Genkarte

Fisch oder Broccoli - was für den einen gesund ist, muss es für den anderen noch lange nicht sein. Mit Genanalysen wollen Forscher Schluss machen mit Ernährungs-Mythen und Zivilisationskrankheiten verhindern - Jahrzehnte bevor sie ausbrechen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Fast täglich wird uns mindestens ein neuer Ernährungstipp um die Ohren gehauen. Sogar Schokolade soll gesund sein. Über Kartoffelchips gab es mal ähnliche Gerüchte. Ob wohl demnächst auch Sahnecremetorte in den Olymp der gesunden Kost gehoben wird? Natürlich, die alten Evergreens können wir sowieso im Schlaf aufsagen: "Trink nicht so viel Bier, sonst bekommst du einen Bierbauch." Oder: "Iss nicht so viel Schweinebraten, das ist nicht gut für deinen Cholesterinspiegel." Doch: so einfach ist es wohl nicht. Wer sich gesund ernähren will, sollte Abschied nehmen von pauschalen Ratschlägen. Die Alternative heißt Polymorphismusdiagnostik - von Wissenschaftlern als Vorsorgemedizin der Zukunft gefeiert. Das Ziel: mit der Ernährung das Beste aus den Genen herausholen.

Gesunde Ernährung kann schlechte Gene neutralisieren

"Jeder Mensch hat unterschiedliche Gene, die Ernährung sollte diese Unterschiede berücksichtigen", sagt Michael Klentze. Der Facharzt für Gynäkologie und psychotherapeutische Medizin betreibt in München das erste deutsche Institut, das Polymorphismusdiagnostik anbietet. Doch was genau wird da eigentlich gemacht? Die bereits in Amerika erprobte Methode, auch SNP (Small Nuclear Polymorphins) - Diagnostik genannt, bedient sich eines Zellabstrichs von der Mundschleimhaut. Diese werden auf einen Genchip übertragen. Mit Hilfe einer Fluoreszenzfärbung wird in einem Labor erkennbar gemacht, welche genetischen Voraussetzungen und Risiken in der DNA eines Patienten vorliegen. Nicht interessant ist hier, ob man die blonden Haare von der Uroma geerbt hat oder das hitzige Temperament von der Tante, sondern spannend sind die über Generationen übertragenen Mutationen (Polymorphismen), unter anderem die Anfälligkeit für Diabetes, Alzheimer, Brustkrebs oder Osteoporose - Jahrzehnte vor dem Ausbruch der Erkrankung. Genau dieser zeitliche Vorsprung lässt sich nutzen: Mit geeigneter Vorsorge können Krankheiten hinausgezögert oder sogar vermeiden werden.

Lachs mit viel Vitamin D senkt nur bei solchen Frauen das Brustkrebs-Risiko, die ein besonderes genetisches Risiko haben

Lachs mit viel Vitamin D senkt nur bei solchen Frauen das Brustkrebs-Risiko, die ein besonderes genetisches Risiko haben

"Hier setzt die Ernährung ein. Wer sich gesund ernährt, kann seine schlechten Gene neutralisieren", sagt Michael Klentze. Oder anders: Ernährung entscheidet darüber, ob Mutationen im Laufe des Lebens aktiviert werden. "Anfangs sind die Mutationen sozusagen wie ein Lichtschalter abgeschaltet", erklärt Michael Klentze. "Methylgruppen sind die Wächter, die dafür sorgen, dass der Lichtschalter abgeschaltet bleibt." Doch wehe man wird älter und hat keine 1A-Lebensweise, sondern schläft wenig, raucht viel und ernährt sich auch noch falsch, dann lösen sich die Methylgruppen auf. Die Polymorphismen werden aktiviert, es besteht die Gefahr, dass die Erkrankung ausbricht. Plötzlich hat man zum Beispiel erhöhten Blutdruck, den man vorher nie festgestellt hat, dessen Gene aber seit der Geburt mutiert waren. "Wer nicht über eine Mutation informiert ist, wird in seiner Ernährung kaum darauf achten und irgendwann unliebsam überrascht", sagt Klentze.

Gene können auch den Waschbrettbauch verhindern

Damit es nicht soweit kommt, also auch wieder auf die Gene gucken: aus ihnen lässt sich herauslesen, was man eigentlich essen soll und was nicht. Nicht für alle ist Olivenöl gesund, nicht alle Menschen benötigen Omega-3-Fettsäuren oder besonders viel Vitamin A. Ein Beispiel: Eine Patientin leidet an einer Mutation im Vitamin-D-Rezeptor. Diese Mutation steht im Zusammenhang mit der Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken. Sonne und Vitamin-D-haltige Nahrung wie Avocado, Lachs und Matjeshering können dieses Risiko wieder abbauen. Bei der Kollegin hingegen, die sich auch gerne von Lachs & Co. ernährt, mag der Vitamin-D-Schub nichts bringen.

Die Genanalyse bringt aber auch Fakten ans Licht, die man lieber nicht hören will. "Da kann einer trainieren wie er will und kriegt keinen Waschbrettbauch, weil die Veranlagung dazu nicht in seinen Genen liegt", erklärt Michael Klentze. Bitter für den Adonis in spe. Andererseits lässt sich so manche Odyssee nach der richtigen Diät endlich beenden. Da mag man es Uschi Glas noch so sehr nachtun und sich ausschließlich von Ananas ernähren: eine entsprechende Mutation in der DNA kann zum Beispiel verhindern, dass die Diät anschlägt.

Das Ergebnis der molekulargenetischen Untersuchung ist in einem knapp 40-seitigen Bericht festgehalten. Dort finden sich unter anderem Details über Medikamentenunverträglichkeiten und Nahrungsmittelintoleranzen, Wegweiser für hormonelle Einstellungen und Hinweise auf Gewichts- und Ernährungsrisiken. Weiter gibt es einen Überblick, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist an Bluthochdruck, Diabetes, Osteoporose Brust-, Prostata- und Lungenkrebs zu erkranken und ob man zu Gewichtszunahme, Krampfadern, Cellulite und vorzeitiger Zellalterung neigt. Zusätzlich erhält man ein Heft mit individuellen Ernährungs- und Bewegungsempfehlungen.

So viel versprechend die Polymorphismusdiagnostik auch ist - sie kostet eine hübsche Summe Geld. Die Kosten liegen bei 200 bis 1150 Euro. Die Krankenkassen übernehmen die Ausgaben nur in Ausnahmefällen und nur dann, wenn eine medizinische Indikation vorliegt. Prävention statt Heilung ist schon längst ein Schlagwort in der Medizin von morgen. Je früher die Prävention einsetzt, desto weniger werden die ohnehin schon knappen Kassen belastet. "Jetzt müsste man nur noch damit anfangen", sagt Michael Klentze.

  • Sylvie-Sophie Schindler