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Aphasie bei Kindern: Leben in der Sprachlosigkeit

Sprache zeichnet den Menschen aus. Fehlt sie, ist eine Brücke zur Welt weggebrochen. Aphasie, Sprachverlust, heißt die Störung, die schon Kinder und Jugendliche treffen kann. Ein traumatisches Erlebnis, das die Lebensplanung umwirft.

Von Lea Wolz

3000 Kinder unter 16 Jahre verlieren in Deutschland jährlich ihre Sprache - durch Schaganfälle, Tumore oder Schädel-Hirn-Traumata

3000 Kinder unter 16 Jahre verlieren in Deutschland jährlich ihre Sprache - durch Schaganfälle, Tumore oder Schädel-Hirn-Traumata

Nach Schätzungen des Bundesverbandes Aphasie mit Sitz in Würzburg erleiden jährlich etwa 3000 Kinder bis 15 Jahre einen Sprachverlust. "Aphasie im Kindesalter bedeutet im geringsten Fall eine zeitliche Beeinträchtigung der Sprachentwicklung, im schlimmsten Fall aber sind sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verschüttet", sagt Melanie Kubandt, die beim Bundesverband das Projekt "Beschulung aphasischer Kinder" der ZNS–Hannelore Kohl Stiftung leitet. Sprache könne dann nur mit Mühe und nicht in der Qualität der Muttersprache erlernt werden.

Schlaganfälle, Tumore oder Hirnhautentzündungen können bei Kindern dazu führen, dass die Sprache verloren geht. Hauptursache ist jedoch das Schädel-Hirn-Trauma, ausgelöst durch Unfälle im Straßenverkehr, Stürze bei Spiel und Sport oder körperliche Gewalt. So wie bei Mara Graf. Mit 14 Jahren hatte sie einen Verkehrsunfall. Diagnose nach den Notoperationen: Schädel-Hirn-Trauma. Die Sprachzentren im Gehirn wurden dabei geschädigt. Seitdem durchsucht Mara ihr Gehirn nach den passenden Wörtern, wenn sie etwas erzählen will. Dabei spricht die 24-Jährige in einfachen Sätzen, teilweise stockend. "Wie heißt das?", fragt sie häufig. Doch die Fortschritte sind groß gemessen an der Zeit kurz nach dem Unfall. Da konnte Mara nicht einmal mehr ihren Namen nennen. Als sie ein Arzt fragte, ob sie lesen könne, nickte sie. "Sie hielt das Buch aber falsch herum", erinnert sich ihre Mutter Hanni Graf.

Das Betriebssystem funktioniert nicht

"Vergleicht man das Gehirn mit einer Festplatte, dann ist die Aphasie eine supramodale Störung", sagt Walter Huber, Professor für Neurolinguistik an der Universitätsklinik Aachen. "Das Sprachwissen ist bei Aphasie noch da, aber der Zugriff darauf, das Betriebssystem, funktioniert nicht." Huber leitet seit 1991 die Aphasiestation und hat den Aachener-Aphasie-Test (AAT) mitentwickelt, eines der gängigsten Diagnostikinstrumente. Gerade weil im Alltag die Vorstellung von Intelligenz und sprachlicher Ausdrucksfähigkeit eng miteinander verbunden sind, betonen Experten wie Huber immer wieder: Aphasiker sind nicht dumm, Aphasie ist keine Denk- sondern eine Sprachstörung.

Je nach Art und Ort der Schädigung sind Sprachproduktion oder Sprachverständnis betroffen. Bei den zwei Sprachzentren im Gehirn ist das eine, das sogenannte Broca-Zentrum, hauptsächlich für die Sprachmotorik und die Artikulation zuständig. Im Wernicke-Zentrum wird dagegen das Gehörte erkannt und Sprache logisch verarbeitet. Allerdings wird die Vorstellung von zwei Sprachzentren im Gehirn in der Wissenschaft diskutiert, Sprachverarbeitung funktioniere vernetzter und dezentraler meinen Wissenschaftler. "In der Praxis sind bei einer Aphasie zumeist alle vier Sprachmodalitäten unterschiedlich stark betroffen, Sprechen und Verstehen, Lesen und Schreiben", sagt Huber.

Im schlimmsten Fall sind bei Aphasie sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verschüttet

Im schlimmsten Fall sind bei Aphasie sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verschüttet

Bei aphasischen Kindern fällt selbst das Testen dieser Sprachmodalitäten schwer, denn der AAT ist auf Erwachsene zugeschnitten. Auch andere Fragen sind bei Aphasien im Kindesalter noch unbeantwortet: Wie reorganisiert sich das kindliche Gehirn? Wie sind die Prognosen bei Kindern und Jugendlichen? "Bei 50 Prozent der Erwachsenen mit Aphasie bildet sich die Sprache in dem ersten Jahr mit logopädischer Hilfe langsam zurück", sagt Huber. Bei Kindern und Jugendlichen gehe man daher von einer ähnlichen Prozentzahl aus. Doch: "Kindliche Aphasien sind deutlich schlechter untersucht." Die langfristige Entwicklung ist daher noch unklar. Die ältere Vorstellung, dass aphasische Kinder bessere Chancen auf Heilung hätten, da ihr Gehirn noch plastischer sei, wird in der Wissenschaft mittlerweile angezweifelt. "Auch bei kleinen Kindern können Schäden bleiben", sagt Huber. Experten schreiben Faktoren wie Alter und Geschlecht heute keine so tragende Rolle mehr zu, als bedeutender gilt, welcher Hirnbereich geschädigt wurde.

Weg in die Isolation

Gesellschaftlich führt die Aphasie auch bei Kindern und Jugendlichen schnell in die Isolation. Die Sprache versagt ihren Dienst, Freundschaften zerbrechen, die Betroffenen werden aggressiv oder depressiv, Eltern und Angehörige sind hilflos. Auch die Suche nach der passenden Schule wird für Eltern häufig zur Odyssee. "Auf die Störung spezialisierte Schulen gibt es nicht, die Regelschule ist meistens überfordert und in die bestehenden Förderschulen lässt sich Aphasie nur schwer einordnen", sagt Melanie Kubandt. Noch am besten geeignet sei die Körperbehindertenschule, wenn die Sprachförderung nicht vernachlässigt würde. Auf eines sollten Eltern aphasischer Kinder jedoch vor allem achten: "Regelschule um jeden Preis darf kein Prinzip sein."

Ein Beispiel, für einen geglückten Weg zurück in die Sprache, ist die 19-jährige Elena Wlaschny. Mit zwölf hatte sie eine Hirnblutung, bei der Operation traten Komplikationen auf, das Sprachzentrum wurde beschädigt. "Bis auf ein paar Wörter war die Sprache weg", sagt Elenas Mutter, Monika Bieber-Wlaschny. Sie setzte sich dafür ein, dass ihre Tochter früh Sprachtherapie erhielt. Nach einer Reha im Hegau-Jugendwerk in Gailingen am Hochrhein kam Elena auf eine Körperbehindertenschule, dann auf eine Realschule, wo sie ihren Abschluss machte. Seit 2006 ist sie wieder auf dem Gymnasium, im kommenden Jahr will sie ihr Abitur machen. "Es hat lange gedauert, bis ich sagen konnte, was ich will, bis dahin hat meine Mutter für mich gekämpft", sagt Elena, die sich jedoch sicher ist: "Ich hatte Glück, mit anderen kann man meinen Fall nicht vergleichen."

Der Sohn von Brigitte Döbereiner etwa beherrscht auch gut fünf Jahre nach einer Schlägerei im Pausenhof und den darauf folgenden Kopf-Operationen nicht mehr als 50 bis 100 Wörter. In Hof besucht der 17-Jährige ein Heilpädagogisch-Therapeutisches Zentrum. "Martin wird dort unter geistig behindert beschult, das ist er aber nicht", sagt seine Mutter. Sie kämpft dafür, dass ihr Sohn einen Hauptschulabschluss machen kann.

Mara hat mittlerweile ihre Führerscheinprüfung und eine Ausbildung als Kunstglaserin absolviert. Wie sehr der Alltag von Sprache durchdrungen ist, merkt sie aber immer noch, vor allem dann, wenn sie aufgeregt ist und die Kommunikation holpert. "Ich habe dich gestern mit deinem Hund gesehen", sagte eine Bekannte vor Kurzem zu der 24-Jährigen. Da sie das gesprochene Wort nicht verstand, interpretierte Mara die Mimik ihrer Gesprächspartnerin und antwortete: "So etwas mache ich nicht." Darauf folgte Stille.

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