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Cholera in Haiti: "Das Wichtigste ist sauberes Trinkwasser"

Mehr als 250 Menschen sind bislang in Haiti an Cholera gestorben, Tausende infiziert. Die benachbarte Dominikanische Republik macht aus Angst vor der Ausbreitung die Grenze dicht. Tropenmediziner Rolf Horstmann im stern.de-Interview über Ursachen der Krankheit, ihre Auswirkungen und Schutzmaßnahmen.

Herr Hostmann, wie schlimm ist die Situation in Haiti?
Experten halten es für möglich, einen Ausbruch der Epidemie schnell unter Kontrolle zu bringen, weil momentan sehr viele Helfer und Hilfsgüter vor Ort sind. Dennoch schätze ich die Situation als sehr bedrohlich ein, denn Cholera-Ausbrüche sind immer äußerst gefährlich und schwer einzudämmen. Als weiteres Problem kommt hinzu, dass die Cholera jetzt auch von den ländlichen Regionen in die Hauptstadt Port-au-Prince wandert. In dicht besiedelten Gebieten ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch.

Bereits nach dem verheerenden Erdbeben vor neun Monaten haben Experten vor einer Cholera-Epidemie in Haiti gewarnt. War es vorhersehbar, dass die Krankheit ausbricht?
Nach solchen Notsituationen leben die Menschen meist sehr nahe und daher auch ungeschützter beieinander als sonst, gerade in den Flüchtlingslagern. Außerdem sind die hygienischen Verhältnisse weitaus schlechter als vor der Katastrophe. Insbesondere die Trinkwasserversorgung macht Schwierigkeiten. Da ist ein Cholera-Ausbruch immer zu befürchten. Wenn sich die Lebensbedingungen nicht grundsätzlich verbessern, bleibt die Gefahr einer Epidemie auch nach mehreren Monaten noch groß. Hinzu kommt, dass südliche Regionen wie Haiti, die insgesamt einen schlechteren Hygienestandard haben als wir, grundsätzlich besonders gefährdet sind.

Wie zeigt sich die Krankheit?
Cholera ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. Diese produzieren Giftstoffe im Darm, die extremen Durchfall und oft auch Erbrechen verursachen können. Die Flüssigkeitsverluste umfassen mehrere Liter und sind daher sehr massiv. Übertragen wird Cholera meist durch Wasser und Lebensmittel, die mit Fäkalien verunreinigt sind, denn Choleraerreger werden über den menschlichen Stuhl ausgeschieden.

Woher stammt der Erreger und wie kann er übertragen werden?
Die Quelle ist nie genau ausfindig zu machen. Oftmals reisen Menschen, die Choleraerreger ausscheiden, in eine bis dato noch nicht verseuchte Region ein. Es gibt bestimmte Stellen, wie beispielsweise Brackwasser, in denen sich die Bakterien wohlfühlen. Dort können sich die Menschen anstecken. Derzeit sind zwei Erreger bekannt, die Cholera-Epidemien wie in Haiti auslösen können. Dort ist der gefährlichere Typ aktiv, der schwerere Erkrankungen verursacht.

Was ist das Gefährliche an Cholera?
Cholera setzt akut ein und kann sich bei derart schlechten hygienischen Bedingungen, wie sie zurzeit in Haiti vorliegen, gut ausbreiten. Zudem ist sie schwer zu behandeln, weil die Erkrankten aufgrund der schweren Durchfälle sehr viel Flüssigkeit in kurzer Zeit verlieren. Diese Verluste können kaum ausgeglichen werden.

Wie kann die Erkrankung behandelt werden?
Der Verlust an Wasser und Mineralien muss schnell durch Infusionen ausgeglichen werden. Man kann zur Unterstützung noch ein Antibiotikum geben, um die Cholerabakterien abzutöten. Ohne Infusionen hilft dies allerdings nicht, denn bevor es wirken kann, ist der Patient unter Umständen bereits am Wasserverlust gestorben.

Was ist wichtig, um eine weitere Verbreitung zu verhindern?
Der Schlüssel zur Eindämmung der Epidemie ist sauberes Trinkwasser.

Experten befürchten, dass die Epidemie die überfüllten Erdbeben-Flüchtlingslager in der Hauptstadt Port-au-Prince erreichen könnte. Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, um dies zu verhindern?
Es wird vermutlich nicht möglich sein, die bestehenden Choleragebiete hermetisch abzuriegeln, sodass die Infizierten nicht mit den gesunden Menschen in Berührung kommen. Die Gefahr, dass sich Menschen außerhalb des Lagers anstecken und die Erreger mit ins Camp nehmen, ist sehr hoch. Die wichtigste Schutzmaßnahme ist auch in den Flüchtlingslagern, den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu geben. Weiterhin sollte das Essen heiß gekocht werden. Durch die Hitze sterben die Cholerabakterien ab. Denkbar wäre auch eine rasche und massive Impfkampagne.

Lässt sich ein landesweiter oder sogar grenzüberschreitender Ausbruch der Cholera überhaupt noch verhindern?
Frühere Erfahrungen haben gezeigt, dass es schwierig ist, dies zu verhindern. In Haiti hängt jetzt alles davon ab, inwieweit sich die hygienischen Standards und die Trinkwasserversorgung vor Ort verbessern lassen. Zuverlässige Prognosen zu treffen, ist allerdings problematisch.

Besteht die Gefahr, dass Cholera-Erreger nach Deutschland gelangen?
Prinzipiell besteht die Gefahr, dass Menschen sich mit dem Choleraerreger infizieren und die Krankheit nach Deutschland bringen. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering, da Cholera eine sehr kurze Inkubationszeit hat. Die Erkrankung bricht in der Regel am Ort der Infektion aus. Es ist praktisch ausgeschlossen, dass die Krankheit in Deutschland weiter übertragen wird, dazu sind unsere Hygienestandards einfach zu hoch.

Wie können sich Menschen, die jetzt nach Haiti reisen müssen, vor der Cholera schützen?
Es gibt eine wirksame Impfung, die in Deutschland problemlos erhältlich ist. Natürlich sollte man in den Krisengebieten trotzdem darauf achten, nur sauberes, abgekochtes Wasser zu trinken und gut gegarte Speisen zu sich zu nehmen.

Tanja Eisenach