HOME

Gletschermumie: Forscher entzifferten Ötzis Erbgut

Wissenschaftler aus Italien und Deutschland haben das Erbgut von Ötzi entschlüsselt. Nun hoffen sie, mehr über die Krankheitsgeschichte der rätselhaften Mumie zu erfahren. Dabei soll auch die Frage geklärt werden, ob irgendwo noch Nachfahren des Gletschermannes leben.

Forscher aus Deutschland und Italien haben das Erbgut der Gletschermumie Ötzi entziffert. Dafür entnahmen sie dem etwa 5300 Jahre alten Eismann eine Knochenprobe und lösten die Erbsubstanz DNA heraus. Diese wurde dann mit einem schnellen Sequenzautomaten gelesen.

An dem Projekt haben Wissenschaftler vom Institut für Mumien der Europäischen Akademie Bozen (Eurac), vom Institut für Humangenetik der Universität Tübingen und vom Biotechnologie-Unternehmen Febit in Heidelberg mitgearbeitet. Das Auslesen des Genoms war allerdings nur der erste Schritt. Die Interpretation der genetischen Daten steht noch aus.

Erste Ergebnisse und Rückschlüsse aus den vielen Daten sollen zum 20. Jahrestag der Entdeckung der Mumie präsentiert werden - am 19. September 2011. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob irgendwo noch Nachfahren des Gletschermanns leben. 2008 hatten Wissenschaftler aus Italien bereits Ötzis Erbgut in den Mitochondrien - den "Energiekraftwerke" der Zellen - untersucht und daraus gefolgert, dass mit großer Wahrscheinlichkeit heute niemand mehr lebt, der von Ötzi abstammt. Die Untersuchung des Zellkern-Genoms muss diese Annahme allerdings erst noch bestätigen. Aber nicht nur das erhoffen sich die Forscher: "Diese Fülle an Daten birgt ein Universum an Möglichkeiten", erklärte Albert Zink, Leiter des Eurac.

Ötzis Krankheitsgeschichte auf der Spur

Auch die Krankheitsgeschichte von Ötzi wollen die Wissenschaftler untersuchen. Sollte Ötzi Spuren von Krankheiten tragen, die heute häufig vorkommen - wie etwa Diabetes, Krebs oder Alzheimer - könnten sie eventuell auf Genveränderungen als Auslöser dieser Übel stoßen. "Mit etwas Glück können wir so vielleicht auch dazu beitragen, etwas gegen diese Krankheiten zu unternehmen - das wäre für mich die Brücke zwischen Erforschung von Vergangenheit und Gegenwart", meinte Zink.

"Wir haben 95 Prozent der DNA gelesen", sagte Carsten Pusch vom Institut für Humangenetik der Universität Tübingen. Die übrigen fünf Prozent enthalten keine Gene und können mit der bestehenden Technik nur sehr schwer entziffert werden - ein Problem, das für menschliche DNA immer gilt. Pusch sprach mit Blick auf die Daten von einer ersten Fassung, die in den nächsten Monaten verbessert und ergänzt werden soll.

Der Gletschermann war im Alter von etwa 46 Jahren zu Tode gekommen. Er wurde von einem Pfeil getroffen und dann vermutlich mit einem Keulenschlag getötet. Seine Leiche wurde 1991 beim Tisenjoch in den Ötztaler Alpen nahe der österreichisch-italienischen Grenze gefunden. Ötzi wird seit 1998 im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt. Die bei ihm gefundenen Gegenstände und seine Kleidung geben einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen vor mehr als 5000 Jahren.

Von Katie Kahle und Thilo Resenhoeft, DPA / DPA