HOME

Homo Sapiens: Der nackte Affe erobert die Welt

Aus einer Versuchsreihe der Evolution ging ein merkwürdiges Wesen hervor. Es war schwächer als seine haarigen Gegenspieler. Doch mit Neugier und Intelligenz trat es vor 100.000 Jahren einen beispiellosen Siegeszug an.

»Der Mensch ist das Tier, das nach seiner Herkunft fragt«

Wir sind vermutlich die erste Generation der Menschheit mit dem Lebensgefühl, nicht nur ein Dorf, eine Stadt, ein Land zu bewohnen, sondern einen Globus. Wir senden wie selbstverständlich Daten und Bilder in Sekunden um die Erde. Halten in weltumspannenden Firmen weltweite Videokonferenzen ab. Frühstücken in Kopenhagen und essen in Kapstadt zu Abend. Erleben Menschen, die gestern noch ferne Mitbürger im Global Village waren, plötzlich als Nachbarn.

Wer sind sie? Woher kommen sie? Und wer sind wir? Woher kommen wir? Wie nah, wie fern sind wir uns wirklich? Auf Fragen, zu denen gestern nur ein paar Anthropologen und Ethnologen ihre kühnen Theorien entwickelten, gibt es heute klare Antworten. Verblüffende Beweise. Und wieder neue Rätsel. »Der Mensch ist das Tier, das nach seiner Herkunft fragt«, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk.

Die zweite Globalisierung, die wir erleben, ist eine zentripetale Bewegung, welche die Menschen weltweit mit ungeheurer Beschleunigung aufeinander zu treibt. Die erste war eine zentrifugale Bewegung, welche die Menschen auseinander geführt und in die Welt verstreut hat.

Immer wieder das tiefe Staunen, wenn man unseren blauen Planeten aus der Vogelperspektive betrachtet. Die Kältewüsten Alaskas - und inmitten der endlosen Treibeisfelder plötzlich Spuren von Menschen. Die Wasserweiten des Pazifiks, größer als die Oberfläche des Mondes - und noch auf der kleinsten Insel im grenzenlosen Blau Anzeichen für die Anwesenheit von Menschen. Und hier wie dort sind diese Menschen angekommen, lange bevor der Kompass oder auch nur das Segeltuch erfunden war. Dschungel und Wüsten, Eisgebirge und ferne Inseln, jeden Lebensraum der Erde haben Menschen bei der ersten Globalisierung erobert. Glauben wir wirklich, dass die technische Revolution unserer Zeit das größere Abenteuer ist?

Lange hatten die Archäologen das Erklärungsmonopol

Die Dimension des Damaligen ist lange unterschätzt worden. Man dachte, an vielen Stellen der Erde hätte es eine evolutionäre Entwicklung von niederen Lebensformen zu höheren und auch den Übergang zur höchsten gegeben, dem intelligenzbefähigten Homo sapiens. Manche Regionen der Erde waren schon vor rund zwei Millionen Jahren von vormenschenähnlichen Wesen bewohnt, die aufrecht gehen und primitive Werkzeuge herstellen konnten. Die Vermutung lag nahe, dass dieser Typus des Homo erectus sich an verschiedenen Stellen zum »wissenden« Homo sapiens weiterentwickelte. Bis heute gibt es Anhänger dieser Theorie. Vor allem in China; als Beweis gilt der 500.000 Jahre alte »Pekingmensch«. Doch neue Erkenntnisse erschüttern diese Sicht.

Lange hatten die Archäologen das Erklärungsmonopol. Um den langen Werdegang vom Vor- zum Frühmenschen und weiter zum modernen Homo sapiens und seiner frühen Expansion über die Kontinente zu verfolgen, gab es keine anderen Anhaltspunkte als Knochenfunde.

Später lieferten auch Sprachforscher wichtige Hinweise. Die Linguisten verfolgten die Verästelungen der heutigen Sprachfamilien auf der Erde rückwärts und lokalisierten so die sprachlichen und geografischen Urzellen, von denen aus sich Menschen und Sprachen in die Welt verzweigt hatten.

Manche schöne alte wissenschaftliche Theorie platzte unter dem Faktendruck

Einen völlig neuen Ansatz zur Erforschung unserer Herkunft ermöglichte erst die junge Wissenschaft der Genetiker. Anhand der menschlichen Erbsubstanz und ihrer Mutationen ließen sich Entwicklung, Wanderungen und Verwandtschaften der Menschen auf der Erde direkt und mit einer bislang nicht möglichen Präzision feststellen. Manche schöne alte wissenschaftliche Theorie platzte unter dem Faktendruck der neuen Forschungsresultate wie eine Seifenblase. Der norwegische Völkerkundler Thor Heyerdahl hatte vor einem halben Jahrhundert eigens ein Floß aus Balsa-Holz bauen lassen und war damit von Südamerika aus nach Westen gefahren, um die Besiedelung Polynesiens auf diesem Weg nachzuweisen. Aber der genetische Vergleich südamerikanischer Indianer mit Pazifik-Insulanern ergab keine signifikante Übereinstimmung. Weitere Untersuchungen belegen zweifelsfrei, dass Polynesien nicht von Südamerika, sondern von Asien aus besiedelt wurde.

Mit jeder Analyse wachsen die Datenbanken der Genetiker, mehrt sich ihr Wissen, lässt sich die Geschichte der Menschheit mit neuen Details erzählen. Wenn nicht die gesamte, dann stammt zumindest der größte Teil der heutigen Menschheit - und auf jeden Fall die komplette Ursprungsbevölkerung Europas - aus Afrika. Wie in einem Wissenschaftskrimi haben Genetiker den Tathergang der Menschwerdung dort rekonstruiert.

Afrika vor 200.000 Jahren: Im Norden und Osten des Kontinents leben verschiedene Frühmenschen-Populationen, die auf dem Entwicklungsweg zum Homo sapiens sind. Die Urwälder schrumpfen, die Nahrungsressourcen werden knapper, die Überlebenskämpfe rauer. Vermutlich war die Konkurrenz unserer frühen Vorfahren untereinander der entscheidende Anschub für die Entwicklung und Vergrößerung des Gehirns - das charakteristische Merkmal des modernen Homo sapiens.

Der kleine, aber entscheidende Unterschied ist das Gehirn

Die Erbsubstanz des Menschen und die des Schimpansen stimmen zu 99 Prozent überein. Das heißt, unsere nächsten Artgenossen, die Menschenaffen, sind uns nicht nur anatomisch verblüffend ähnlich, sondern auch genetisch. Der kleine, aber entscheidende Unterschied ist das Gehirn. Seine Vergrößerung sorgte für die gewaltige Distanz, die zwischen Mensch und Tier eingetreten ist.

Afrika vor 100.000 Jahren: Eine Population von »modernen« Menschen verlässt den Kontinent, zieht nach Osten, Richtung Palästina. Vielleicht waren sie die Klügsten, die dem Konkurrenzdruck entgehen wollten. Vielleicht waren sie die Kühnsten, die als Erste bereit waren, Altes hinter sich zu lassen, neue Herausforderungen anzunehmen. Vielleicht waren sie auch nur hungrig und folgten den Wildherden, die im damaligen Savannenland östlich des Nils grasten. Auf jeden Fall waren sie nicht sehr viele, ein paar hundert Menschen wahrscheinlich nur. Ihre Schritte aus Afrika heraus waren der Auftakt zum Siegeszug des Menschen um die Erde. Sie waren die Keimzelle des größten Teils der heutigen Menschheit.

Der englische Genetiker Bryan Sykes hat in seinem spannenden Buch »Die sieben Töchter Evas« dargelegt, wie die Erbsubstanz DNA in ununterbrochener weiblicher Abstammungslinie über Hunderte von Generationen nahezu unverändert weitergegeben wird; er hat die komplette Bevölkerung Europas auf sieben Frauen zurückgeführt; Clanmütter, wie er sie nennt, die ihrerseits wieder auf eine afrikanische »Urmutter« zurückgehen. Das Modell der sieben Töchter Evas ist populär und griffig - und natürlich angreifbar. Man könnte ebenso gut ein oder zwei Dutzend Gengruppen definieren. Aber zweifellos richtig ist die enge Verwandtschaft dieser Gruppen untereinander.

Sie mussten nicht warten, sie griffen einfach zu Keule oder Speer

Was machte sie so siegreich und anderen frühmenschlichen Wesen so überlegen? Wie schafften sie es, sich in kürzester Zeit die Erde untertan zu machen? Geheimnis ihres Erfolgs war das Gehirn. Die Sprache als soziales Instrument. Und der Umgang mit materiellen Werkzeugen. Diese verschafften unseren frühen Vorfahren den unmittelbaren Vorteil, angreifende Tiere auf Distanz abwehren und Beutetiere auf Distanz erlegen zu können. Aber noch wichtiger war wahrscheinlich der mittelbare Vorteil, vom Druck der Organanpassung entlastet zu werden. Sie mussten nicht warten, bis ihnen längere oder stärkere Arme wuchsen, sie griffen zu Keule oder Speer. Dank des Feuers konnten sie in der Kälte überleben, ohne darauf warten zu müssen, dass die Evolution das Geschenk eines Pelzes vorbeibringt. Das erhöhte die Mobilität und erklärt einen Teil der Schnelligkeit, mit der die Menschen in neue Lebensräume vordrangen.

Einen Teil des Erfolgs unserer Vorfahren erklären auch ihre besonderen mentalen und psychischen Eigenschaften; vor allem die nur dem Menschen eigene Fähigkeit, sich in das Empfinden und das Verhalten anderer hineinzudenken. Damit besaß der Mensch die Möglichkeit, die Strategie eines Beutetiers - auch eines überlegenen - zu studieren, listig auszuwerten und in ein kollektives Jagdkonzept umzusetzen: eine Fähigkeit, die ihn zum wirkungsvollsten Jäger seiner Welt machte.

»Neugier ist einer unserer hervorragenden Wesenszüge«

Schon das widerlegt eine alte Charakterisierung des Menschen als »Mängelwesen«, das von der Natur benachteiligt sei, weil es eben Kleidung, Werkzeuge, Waffen, Feuer benötige. Diese »Kultur«, darauf hat der Biologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt hingewiesen, gehört zur »Natur« des Menschen wie das Netz zur Spinne und der Termitenbau zur Termite. Das »Mängelwesen«, der »nackte Affe« zeigte in Wahrheit allen anderen Lebewesen, wo der Hammer hängt.

Die Kombination von Natur und Kultur ermöglichte dem Menschen ein Dasein als »Generalist«, wie Biologen ein Wesen nennen, das sich unterschiedlichsten Anforderungen anpassen und überall ausbreiten kann. Sein Körper und seine Sinne sind vielseitiger ausgebildet als die aller anderen Lebewesen. Dass er es tat, dass er die Erde von Pol zu Pol und rund um den Äquator eroberte, verdankt der Mensch einer weiteren Eigenschaft, vielleicht der wichtigsten, die ihn vom Rest der Schöpfung unterscheidet. »Neugier«, sagt Eibl-Eibesfeldt, »ist einer unserer hervorragenden Wesenszüge. Uns kennzeichnet der Drang, aktiv neue Situationen aufzusuchen, um neue Fertigkeiten zu erproben.«

Ohne diese Neugier wäre die Eroberung der Erde nur eine Geschichte von Reiz und Reaktion darauf. Man hat zu essen und bleibt, man hat Hunger und zieht weiter. Man friert und weicht der Kälte aus, man friert nicht mehr und folgt wieder den Beutetieren. Klimawechsel, Eiszeiten und der Wandel von Tier- und Pflanzenwelt hatten dramatische Auswirkungen auf die Wanderungen der Menschheit, erklären aber nicht alles. Warum setzen sich Menschen in ausgehöhlte Baumstämme und fahren hinaus auf ein unbekanntes Meer? Warum klettern sie in Gebirge, ziehen in Eiswüsten und schlagen dort auch noch Wurzeln, statt sich ins Tal und den warmen Süden zu flüchten?

Es ist immer Geistiges, was den Menschen antreibt

Noch spannender wird die menschliche Eroberungsgeschichte, wenn man annimmt, dass jedes ihrer Kapitel auch ein geistiges Abenteuer war. Man mag das, was unsere Vorgänger in Bewegung setzte, Intuition nennen oder Vision, später vielleicht auch Religion - »der Herr, dein Gott führt dich in ein gutes Land« -, im Unterschied zum Tier ist es immer Geistiges, was den Menschen antreibt; die Tat folgt.

Ja, es war auch die Lust auf Abenteuer, die uns packte, als diese Serie über das »Abenteuer Menschheit« entstand. Ein Abenteuer, das unsere Vorfahren ins Unbekannte lockte und dort zu den Anpassungen zwang, vor deren wunderbarer Vielfalt wir heute staunend stehen.

Noch gibt es sie, die afrikanischen Hadza, deren Lebensweise und Sprache tief in die Vergangenheit der Menschheit zurückführen; die arktischen »Inuit«, die sich selbst »Menschen« nennen und es für normales Menschenleben halten, die Hälfte ihrer Existenz in einem dunklen Kühlschrank zu verbringen; die Polynesier, deren Ahnen die kühnsten Seefahrer der Welt waren; die Chinesen, voller Stolz darauf, die größte ethnische Gruppe der Erde zu bilden und auf einen eigenen Entwicklungsweg zum Menschen zurückzublicken; die Yanomami-Indianer, die sich nach jahrtausendelanger Wanderung am Amazonas wieder in vergleichbaren Verhältnissen zurechtfanden wie ihre Vorfahren am Kongo und heute dort stehen, wo der größte Teil der Menschheit vor vielen tausend Jahren stand: an der Schwelle zur Sesshaftigkeit; und uns Europäer mit unserer reichen Geschichte, die aber nur ein paar Wimpernschläge zurückreicht in die Vergangenheit, und einer Herkunftsgeschichte, die noch immer wissenschaftliches Pioniergebiet ist.

Begriffe wie »primitiv« und »fortschrittlich« verlieren ihre klare Kontur

Um das große Abenteuer der Menschheit zu erzählen, haben wir sechs Abenteuer der Menschen an sechs Punkten der Erde zurückverfolgt und sind dazu nach Tansania gereist, an die Eismeerküste Alaskas, in den Süden Chinas, nach Samoa, an den Amazonas und ins Schnalstal von Südtirol. Es sind nicht unbedingt die Orte der berühmten prähistorischen Knochenfunde. Fossilien mögen interessante Geschichten erzählen, doch für uns waren die Geschichten lebendiger Menschen spannender. Wir wollten wissen, was die moderne Wissenschaft über ihre Herkunft weiß und ihre Anpassung an die Verhältnisse, in denen sie leben. Wir fragten, was sie selbst wissen, und erzählen von ihrer Geschichte. Wir suchten nach den Spuren der Wege und Wagnisse, aus denen sie und ihre Lebensweise hervorgegangen sind. Und deren Echo in ihrem Wesen, ihren Mythen und Märchen nachhallt.

Vieles relativiert sich im Verlauf solcher Reisen und Recherchen. Begriffe wie »primitiv« und »fortschrittlich« verlieren ihre klare Kontur. Überlegenheitsgefühle verschwinden. Man muss nicht der falschen Idealisierung des »edlen Wilden« aufsitzen, um die Gefährdung der letzten traditionell lebenden Kulturen auf der Erde zu bedauern. Mindestens so viel wie sie von uns können wir von ihnen lernen. Und je mehr wir von der ersten Globalisierung wissen, desto besser werden wir die Risiken und Chancen der zweiten verstehen.

Von Peter Sandmeyer

print