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"Kopfwelten" zum Fall "Gorch Fock": Keine Frage der Ehre

Bizarre Aufnahmeriten sind in der Bundeswehr nichts Unbekanntes. Nun wird von ekelhaften Taufritualen auf der "Gorch Fock" berichtet. Warum unterwerfen sich Menschen solchen Torturen?

Von Frank Ochmann

Rohe Leber mit Hefe oder Rollmöpsen und Saufen bis zum Erbrechen - schon vergangenes Jahr wurden widerliche Einzelheiten aus Initiationsriten bekannt, wie sie offenbar zumindest auch in Teilen der Bundeswehr üblich sind. Das bestätigt auch der eben veröffentlichte Bericht des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages für das vergangene Jahr. Andere Exzesse kamen dazu: sexuelle Vergehen zum Beispiel. Aber bleiben wir hier bei Grausamkeiten, die gern mit Sätzen wie "Das traust du dich nicht!" oder "Da musst du durch wie alle vor dir!" eingeleitet werden.

Solche Riten in allen möglichen fantasievollen Varianten gehören seit jeher zum Militär und auch zu anderen Gruppen, die für eine besonders enge Kameradschaft bekannt sind. Das gilt für Schiffsbesatzungen oder Internate, Pfadfinderlager oder Geheimbünde wie die Freimaurer und auch für bestimmte Arten von Studentenverbindungen, in denen streng geregelte Formen blutiger Gewalt als Ausdruck von Zivilisation galten und bis heute gelten. Worin aber besteht der Reiz, sich solchen Ritualen zu unterziehen? Denn keinesfalls ist in solchen Fällen immer gleich Zwang zu erkennen, auch wenn der subtile Formen annehmen kann.

Alltag und Idealbild

Viele jedenfalls haben die Leber gegessen und sich in hohem Bogen erbrochen, ohne anschließend Beschwerde einzulegen oder ein Interview zu geben. Im Gegenteil. Viele schweigen auch dann, wenn solche Vorkommnisse amtlich untersucht werden. Denn, wie im gleichnamigen Spielfilm über den rätselhaften Todesfall eines Soldaten im US-Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba, ist das Dichthalten offenbar "eine Frage der Ehre". Schon seit Ende der 1950er Jahre haben Psychologen solche Phänomene untersucht. Und es war kein Zufall, dass zu solchen Teams auch Wissenschaftler in Uniform gehörten. Generell gilt: Auch im unspektakulären Alltag ohne seltsame Rituale gilt, dass nichts etwas wert ist, was nichts kostet. Das trifft materiell zu, aber auch in einem übertragenen Sinn. Wie soll denn auch etwas wertvoll sein, das keinen nennenswerten Einsatz oder Gegenwert erfordert? Und wenn wir nicht betrogen werden, wird dieses Verhältnis sich ja auch als wahr erweisen. Trotzdem können uns Zweifel überkommen. War die teure Lederjacke den Preis wirklich wert? Hätten es billigere Karten für das Konzert am Wochenende nicht auch getan bei dem, was dann auf der Bühne geboten wurde?

Solche Zweifel können auch junge Soldaten überkommen, wenn sie den Alltag ihrer Elitetruppe mit dem Idealbild vergleichen, das sie vielleicht Monate zuvor zu genau dieser Einheit gelockt hat. Wissenschaftliche heißt ein solcher Zustand: "kognitive Dissonanz", und auch solche "schrägen Töne" in unseren Köpfen werden schon etliche Jahrzehnte untersucht. Dabei zeigte sich, dass wir alles daran setzen, aus einem schiefen Ton einen harmonischen, schön klingenden zu machen. Selbst Affen mögen es gar nicht, wenn Ideal und Wirklichkeit allzu weit auseinander laufen. Was macht also zum Beispiel ein junger Rekrut, der durch ein ekliges oder gar schmerzhaftes Aufnahmeritual gegangen ist und dann feststellt, dass seine zu Helden verklärten Kameraden und Vorgesetzten doch "nur" Menschen sind, die Fehler machen und auch Fehler haben?

Aus Demütigung wird Ehrung

Zwei Möglichkeiten gibt es für diesen Fall: Entweder der Geschundene empfindet sich als Opfer und beugt sich der Erniedrigung oder geht gegen sie an - zum Beispiel durch eine Beschwerde beim Wehrbeauftragten des Bundestages. Doch wer will schon Opfer sein? Zumal dann, wenn es einen Ausweg gibt, bei dem aus der Demütigung eine Ehrung wird? Den Wert der Gruppe, in die man aufgenommen wurde, zu erhöhen und damit auch den Gegenwert für die eigenen Leiden, das ist der andere Ausweg. Und gerade in solche Fällen von "echten Kerlen" mit einer "Kameradschaft durch Dick und Dünn", ist er ein oft gewählter. Und ist die Zugehörigkeit zu einer elitären und eingeschworenen Gemeinschaft fürs eigene Ego nicht wirklich viel attraktiver als sich eingestehen zu müssen, barbarisch misshandelt worden zu sein?

Experimentell lässt sich zeigen, dass der subjektiv empfundene Wert einer Gruppe zu der man gehören darf, tatsächlich mit den Quälereien steigt, die für eine Aufnahme in solche Gemeinschaften zu bestehen sind. Je mehr Schmerzen ich durchmache und je mehr Ekel ich überwinden muss, desto wertvoller ist die Gruppe, zu der ich dann gehören darf. Und umso wertvoller ist eben auch jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe - solange es sich an die Spielregeln hält natürlich und eiserne Loyalität wahrt. Ist das denn nicht eine "Frage der Ehre"?

Es waren die Koppelschlösser der SS, auf denen das behauptet wurde: "Meine Ehre heißt Treue." Und schon darum kann es nicht geduldet werden, wenn sich ein mit Blut und Erbrochenem getaufter Ehrbegriff in der Bundeswehr breit zu machen droht.

Literaturliste

  • Aronson, E. & Mills, J. 1959: The effect of severity of initiation on liking for a group. Journal of Abnormal and Social Psychology 59, 177-181
  • Deutscher Bundestag 2011: Unterrichtung durch den Wehrbeauftragten, Jahresbericht 2010. Drucksache 17/4400 (online)
  • Egan, L. C. et al. 2007: The Origins of Cognitive Dissonance. Psychological Science 18, 978-983
  • Elliot, A.J., & Devine, P.G. 1994: On the motivational nature of cognitive dissonance: Dissonance as psychological discomfort. Journal of Personality and Social Psychology 67, 382-394
  • Gerard, H. B. & Mathewson, G. C. 1966: The effects of severity of initiation on liking for a group: A replication. Journal of Experimental Social Psychology 2, 278-287